Unser Festivalsommer ist leider ins Wasser gefallen und noch immer sind Großveranstaltungen untersagt. Mittlerweile werden aber immer mehr Konzertreihen im kleinen Format möglich gemacht – natürlich unter Corona-Regeln. Uns haben Veranstalter*innen erzählt, was sie hoffen und wie sie planen.

Mein bis dato letztes Konzert war ein Live-Gig von der Band Jeremias am 29. Februar 2020 im Berliner Club Musik & Frieden. Damals wusste ich nicht, dass das für lange, lange Zeit mein letztes Live-Erlebnis sein würde. Es war ein gutes Konzert, aber nicht wirklich special. Sehnsüchtig erinnere ich mich an diesen Abend zurück. Seitdem vergingen etliche Tage, an denen in meinem Kalender Konzert-Highlights und Festivals eingetragen waren, die dann aber aufgrund der Corona-Pandemie doch nicht stattfanden. Es ist zum Heulen.

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Grund dafür war natürlich das bundesweite Verbot von Großveranstaltungen mit mehr als 1.000 Besucher*innen, um eine Ausbreitung des Corona-Virus zu verhindern – Stichwort Superspreader. Die Maßnahme gilt noch mindestens bis Ende Oktober, viele Länder haben bereits jetzt verkündet, dass es bis Neujahr gelten soll. Dafür haben wir natürlich alle Verständnis – das Verbot für große Konzerte ist allerdings nicht nur mies für alle Konzert-Suchtis wie mich, sondern schadet auch der Wirtschaft. Auf alleine 3,6 Milliarden Euro schätzt deutsche Musikwirtschaft die Corona-Schäden in den ersten sechs Monaten seit dem Lockdown Mitte März aufgrund fehlender Konzerte und anderer Live-Events. Das ist kein Kleckerbetrag.

Mittlerweile sind allerdings in einigen Bundesländern wieder Konzerte unter Auflagen erlaubt

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So dürfen in Brandenburg und Sachsen etwa Veranstaltungen mit bis zu 1.000 Menschen wieder stattfinden. Natürlich gelten auch hier Abstands- und Hygieneregeln sowie im Freien ein geregelter Zutritt, damit nicht zu viele auf einmal auf das Gelände drängen. In geschlossenen Räumen muss genügend Frischluft und das Erfassen von Personendaten gewährleistet werden. In Sachsen dürfen sogar in Jazzclubs oder anderen kleineren Lokalitäten Konzerte stattfinden.

In Berlin entscheidet man von Fall zu Fall und je nachdem, wie das Hygienekonzept der Veranstalter*innen aussieht. So konnte vor gut einer Woche in der Waldbühne ein Auftritt von Helge Schneider mit sogar 3.000 Zuschauer*innen stattfinden. Knapp eineinhalb Stunden spielte der "Katzeklo"-Sänger vor seinen Fans. Das Konzert gehörte zur Reihe "Back to live", bei der es in der Waldbühne endlich wieder die ersten Konzerte seit dem Lockdown gibt.

Wegen der strengen Corona-Regeln dürfen maximal 6.000 der 22.000 Plätze besetzt sein. Ungewohnte Atmosphäre, aber auch für den Künstler etwas Besonderes, wie Helge Schneider nach dem Auftritt sagte:

Ich freu mich vor allem darüber, dass die Leute, die hier sind, da sind; dass sie sich hierher getraut haben trotz Corona.

Veranstalter*innen arbeiten an Konzepten – und sind dabei auch auf die Politik angewiesen

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Einen ersten Vorgeschmack darauf, wie auch Clubkonzerte in Corona-Zeiten aussehen könnten, wenn es eindeutig zu kalt sein wird, um Open-Air zu spielen, gibt das Reeperbahn-Festival in Hamburg, das an diesem Wochenende stattfinden wird. Schon immer waren und sind die kleinen Clubkonzerten und Fachkonferenzen das Herzstück des Festivals. In Corona-Zeiten ist Schwitzen und Tanzen, eng an eng, im Uebel und Gefährlich aber nur schwer vorstellbar.

Das Reeperbahn Festival hat trotzdem einen Weg gefunden und ein Konzept erarbeitet, das stellvertretend zeigen kann, ob und wie unter diesen Bedingungen Live-Musik auch Spaß machen kann. Viele warten auf das Festivalwochenende gerade zu sehnsüchtig, denn es hat auch Signalwirkung. Auf jede noch so kleine Corona-Regel soll akribisch geachtet werden. Das macht das Festival natürlich auch: deutlich kompakter.

Festivalgründer Alexander Schulz rechnet mit rund 2.500 Besucher*innen pro Tag, verteilt auf 20 Spielstätten und rund 300 Veranstaltungen für das Fachpublikum und Öffentlichkeit, darunter etwa 140 Konzerte. Zum Vergleich: 2019 kamen rund 50.000 Besucher*innen, es gab 1.000 Konzerte, Kunst- und Literaturvorführungen und Fachkonferenzen an 90 Orten.

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Trotzdem werden die Konzerte beim Reeperbahn Festival 2020 etwas anders als sonst sein, wie Alex Schulz NOIZZ im Gespräch erklärt. Man habe sich vor allem an bereits bekannten Konzepten, wie wir sie zum Beispiel aus Restaurants kennen. Alle Spielorte werden bestuhlt sein und mit Getränkeausschank. Auf den Wegen gilt die Maskenpflicht am Platz, an dem man auch stehen, sich bewegen und mitsingen darf, nicht.

Und auch, um nachvollziehen zu können, wer wo ist, hat das Festival einen Plan: "Alle Gäste checken sich an jedem Spielort immer ein und aus, sodass wir bei Bedarf Bewegungen der Besucherinnen nach Ort und Zeit nachvollziehen könnten", sagt Schulz. Eine Herausforderung sei es aber schließlich auch, dem Publikum zu vermitteln, "dass wir sicher und umsichtig veranstalten können" – nur so könne es gelingen, Schritt für Schritt wieder an ein ausgelassene Konzerterlebnis heranzuführen. Natürlich unter Corona-Regeln.

Wir müssen in den vier Tagen herauskriegen, ob sich das gut anfühlt und atmosphärisch Sinn macht. (...) Live aufgeführte Musik ist eine Gesellschaft stärkende, Werte vermittelnde und bereichernde Kunstform. Und ich hab keine Lust, sie zu verlieren.

Damit das in Zukunft klappt, ist nach Meinung vieler Konzerveranstalter*innen und Booker*innen auch die Politik gefragt. Im Moment gibt es einen Flickenteppich an Regelungen, die überall unterschiedlich sind. Viele Konzertreihen müssen jedes Mal aufs Neue genehmigt werden mit entsprechendem Hygienekonzept. Dafür haben natürlich alle Macher und auch Künstler*innen sowie Bands Verständnis.

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Leichter macht es die Sache aber nun wirklich nicht

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Eins beweisen die Booker*erinnen und Künstler*innen auf jeden Fall: Sie werden kreativ, um überhaupt in irgendeiner Form Konzerte zu ermöglichen. Neben Autokonzerten und virtuellen Streams hat die Agentur Landstreicher-Konzerte für den Spätsommer eben die Reihe "Picknick-Konzerte" in gleich mehreren deutschen Städten ins Leben gerufen mit Bands und Künstlern wie Faber und Milky Chance. Ein ganz guter Kompromiss, wenn man sich die Selbstbeschreibung der Veranstalter*innen so durchliest:

Shows im Freien und im Grünen, in hyper-gemütlicher Sunset-Atmosphäre. Mit top-leiblicher Verpflegung, denn Snacks und Getränke können von zuhause mitgebracht werden. Sag Hallo zu einem kaum eingeschränkten Live-Erlebnis bei natürlicher und unnerviger Einhaltung der Auflagen. Sag Tschüss zu online Streams und quasi-Streams im Autokino.

Geht aber natürlich auch nur so lange, wie es das Wetter zu lässt. Weil bei so einem Konzert natürlich auch weniger Zuschauer*innen dabei sein können, sind diese Konzertreihen auch etwas teurer als sonst. Für ein Picknick-Konzert mit Mando Diao musst du zum Beispiel 49,90 Euro zahlen. Dafür kannst du dir deine Drinks und Snacks aber selber mitbringen. Das letzte Picknick-Konzert findet am 20. September in Münster statt mit der Band Provinz und ist natürlich ausverkauft. Das zeigt, wie groß die Nachfrage ist und wie sehr sich alle wieder ein Stückchen Normalität wünschen.

Manche verzichten auch auf Events

Der Veranstalter FKP Scorpio aus Hamburg ist mit über 10.000 eigenveranstaltete Konzerte, Festivals und Showproduktionen uns insgesamt über zwölf Millionen Besuchern einer der größten in Deutschland. In diesem Jahr hätten sie unter anderem zum Beispiel die "Lover"-Tour von Taylor Swift veranstaltet, aber auch große Festivals wie das Hurricane oder Southside. Seitdem Lockdown gab es keine einzige Veranstaltung mehr. Für diesen Entschluss hat CEO Stephan Thanscheidt eine ganz einfache Begründung:

Dass wir keine Sonderformate angeboten haben, hat gute Gründe: Wir möchten der Politik und Öffentlichkeit nicht das Signal senden, dass wir in dieser Situation schon irgendwie klarkommen.

Für ihn stehe steht, dass Kultur unter Abstands- und Hygieneregeln nicht alleine tragfähig sei. "Die Marge war in unserer Branche schon immer schmal, was unter normalen Voraussetzungen auch kein Problem ist. Nun ist es aber wichtig, dass alle verstehen, was auf dem Spiel steht: Unsere Live-Kultur als Ganzes, die sich auf Dauer nicht mit Autokonzerten und leeren Sitzreihen über Wasser halten kann", sagt er.

Das mag für FKP Scorpio vielleicht über einen längeren Zeitraum funktionieren als für all die kleinen Veranstalter*innen und Musiker*innen. Die sind besonders jetzt, wo Veranstaltungen unter Auflagen wieder möglich sind, mehr denn je auf die, wenn auch geringen, Einnahmen aus den Corona-kompatiblen Konzerten angewiesen.

Mit dem Förderpaket "Neustart Kultur" habe die Bundesregierung zumindest eine, so Thanscheidt, "sinnvolle Maßnahme" auf den Weg gebracht, "die der Kultur einen längeren Atem verschaffen wird". Mit insgesamt 250 Millionen Euro will der Bund so den Betrieb von Kultureinrichtungen wie Clubs, Konzerthäusern und Festivals fördern, deren regelmäßiger Betrieb nicht überwiegend von der öffentlichen Hand finanziert wird. Thanscheidt weist aber auch darauf hin, dass in Zukunft klarere Ansagen vonseiten der Politik für einen möglichen Regelbetrieb kommen müssen:

Gleichzeitig ist es für uns genauso wie für alle Teile der Gesellschaft wichtig, dass an klareren bundesweiten Vorgaben für Veranstaltungen und einer einheitlichen Strategie für die Rückkehr zur Normalität gearbeitet wird.

Ähnlich sieht das auch Reeperbahn-Festival-Gründer Alex Schulz und geht sogar noch einen Schritt weiter: "Wir wünschen uns von Politik und Verwaltung Unterstützung für alle Spielstätten-Betreiber, Konzert- und Tourneeveranstalter und so weiter." Schließlich zwinge die Pandemie die Veranstalter*innen alle zu Einschränkungen, die sie nicht verursacht haben.

Er wünscht sich, dass der gesamte Konzertbetrieb inklusive Künstler*innen nun für das reguläre Wieder-Veranstalten unterstützt werde. "Aber nicht mehr für das Nichts-Tun – Hilfspakete – und auch nicht für neu zu gestaltende Projekte jenseits des Regelbetriebs –Neustart Kultur." Nur so gerate das Konzert-Erlebnis nicht in Vergessenheit.

Konzerte nur noch mit Maske?

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Bei einem Testkonzert von Tim Bendzko der Universität Halle Ende August in der Arena Leipzig gab es 1.500 Zuschauer*innen, die mehr oder weniger auf den Mindestabstand achteten. Dort trugen alle im Publikum eine Maske, vor dem Eintritt wurde Fieber gemessen und die Hände desinfiziert. Die Ergebnisse aus diesem Testkonzert unter mehr oder minder realen Bedingungen sollen bis Ende September ausgewertet werden.

Eine Maske beim Konzert könnte aber, egal wie viele Menschen bei einem Konzert in geschlossenen Räumen sich befinden, sehr wahrscheinlich Pflicht werden, so lange es noch keinen zuverlässigen Impfstoff gibt. Auch mit längere Einlasszeiten, Abstandsregeln oder Bestuhlung müssen wir uns wohl anfreunden. Ein Alkoholausschankverbot gilt allerdings als unwahrscheinlich.

Obwohl die gesamte Veranstaltungsbranche mit Konzerten, Festivals, Sportveranstaltungen und Co. die sechstgrößte in Deutschland ist und jedes Jahr einen Umsatz von rund 130 Milliarden Euro macht, wird sie wohl einer der letzten Wirtschaftszweige sein, die wieder mehr oder weniger normal arbeiten können. Auch zu unserem Leidwesen.

[Mit Informationsmaterial der dpa]

  • Quelle:
  • Noizz.de