Dein liebster TikTok-Boyfriend im Talk über Weiblichkeit, Taylor Swift und die US-Wahlen: Musiker Conan Gray.

Wer sich hier und da auf TikTok tummelt, kennt das Gesicht von Conan Gray oder seinen Song "Heather", oder sogar beides. Sein Style ist irgendwo zwischen Oscar Wildes Charakter Dorian Gray und Cher aus Clueless, seine Stimme hat ihn mit 17 Jahren aus seinem schmerzhaften Leben in einer texanischen Kleinstadt geholt. An dem 21-jährigen Sänger kommt spätestens seit der Veröffentlichung seines Albums "Kid Krow" niemand mehr vorbei, der auf Popmusik, romantisierten Herzschmerz und progressive Männlichkeit steht.

Ein Gespräch zwischen zwei Fangirls, die aus dem Lachen nicht mehr rauskommen.

Conan Gray: Mein Leben fühlt sich an wie ein Film

NOIZZ: Hast du manchmal das Gefühl, dass du deinen Erfolg nicht verdienst?

Conan Gray: Das hast du richtig beobachtet, ich habe totales Hochstaplersyndrom. (lacht) Ich bin sehr dankbar, aber ich tu mich schwer, irgendwie zu begreifen, was gerade los ist. So was passiert doch keinen Kids wie mir, aus Kleinstädten!? Ich hätte mir das nie träumen lassen. Ich komme aus einer zerrütteten Unterschichten-Familie aus Texas. Ich versuche mir zuzugestehen, wie gut das gerade alles für mich ist und einfach dankbar und glücklich zu sein.

Gab es einen Tag, an dem du realisiert hast, dass deine Leben eine Wende nimmt?

Conan: Als ich 17 Jahre alt war und den Song "Idle Town" geschrieben habe. Ich habe ihn in meinem Zimmer produziert und ins Internet gestellt und er ging viral. Danach hat sich alles verändert. Da begann mein Leben sich wie ein Film anzufühlen und nicht wie die Realität. Es war einfach so lächerlich, weil ich nie dachte, dass so etwas möglich war. (lacht)

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Das muss großartig sein, wenn man den Soundtrack zum eigenen Leben schreiben kann, als wäre es ein Film.

Conan: Ich nutze Songwriting, um mein Leben festzuhalten. Wenn ich jetzt die Songs meiner ersten EP höre, dann fühle ich mich wieder wie in meinem Senior Year in der Highschool und wenn ich an "Kid Krow" denke, dann fühle ich mich wieder wie in meinem ersten Semester an der Uni. Es fühlt sich an wie eine Zeitkapsel. Aber es gibt auch so viele Songs, von denen ich wünschte, dass ich sie geschrieben hätte, weil sie so verdammt gut beschreiben, wie ich mich fühle.

Welche Songs sind das?

Conan: "Ribs" von Lorde. Ich werde niemals verstehen, wie sie das gemacht hat. Es gibt so viele tolles Songs, oh mein Gott. "Masterpiece" von Big Thief ist ein Lied, das perfekt zusammenfasst, wie es sich für mich angefühlt hat, in Texas groß zu werden.

Ich glaube, der Erfolg deiner Musik hat damit zu tun, dass du sehr ehrlich in deinen Songs bist, gerade wenn es um dein Leben und die Menschen, in die du dich ver- und entliebt hast, geht. Wie sind die Reaktionen von diesen Menschen auf deine Musik?

Conan: Es gibt tatsächlich nur eine Handvoll Menschen, über die ich Songs schreibe. Ich schreibe viele Songs über meine beste Freundin in Texas. Manchmal gefällt ihr das, manchmal nervt sie das auch. Manchmal erzählt sie mir von ihrem Tag oder einem Streit und ein paar Minuten später habe ich einen Song darüber geschrieben. (lacht) Wenn es dagegen um die Menschen geht, die ich geliebt habe und die mich nicht geliebt haben, kann ich es dir nicht sagen. Ich habe lange nicht mehr mit ihnen gesprochen und hoffe, dass sie nicht einmal wissen, dass ich Songs über sie geschrieben habe. (lacht)

Was war deine Vision für das Musikvideo zu "Heather", das ist schließlich so verträumt, intensiv und ganz anders als dein Video zu "Wish You Were Sober"?

Conan: Das Video sollte für mich ein Gefühl von Weiblichkeit ausstrahlen. In dem Song geht es darum, dass ich mir wünsche, dass ich mehr wie dieses Mädchen Heather sein möchte. Heather war so nett und schön und ich wollte einfach diese Gegenüberstellung von mir als nasty Songwriter-Jungen und wie ich mich dann in sie verwandele. Außerdem wollte ich dieses ausgelutschte Bild von Weiblichkeit aus Hollywood-Filmen nehmen und auf mich selbst übertragen, um zu zeigen, wie allumfassend es in der Gesellschaft sein kann, wenn ein Junge diese Weiblichkeit annimmt.

"Wenn man die Kommentare liest, merkt man, wie wütend die Welt ist, weil ich einen Rock angezogen habe."

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Conan: Diese Reaktion habe ich mir aber tatsächlich erhofft. Ich wollte, dass Menschen Dinge hinterfragen. Weiblichkeit wird von unserer Gesellschaft so geringschätzt, dabei ist sie so wunderschön. Das ist lächerlich.

Was bedeutet dir Weiblichkeit?

Conan: Weiblichkeit hat so einen schlechten Ruf, einfach nur wegen Misogynie. Ich habe mich immer sehr wohl mit meiner Weiblichkeit gefühlt. Weiblichkeit ist wunderschön und zeigt so viel mehr Stärke, als traditionelle Männlichkeit.

Was bedeutet dir dann im Gegensatz Männlichkeit?

Conan: Um ganz ehrlich zu sein, finde ich das US-amerikanische Konzept von Männlichkeit ziemlich underwhelming. Es ist durchzogen von Unsicherheit.

"Ich möchte nicht, dass die nächste Generation von Männern denkt, dass das gut wäre, für irgendjemanden."

Hat sich deine Perspektive auf Weiblichkeit und Männlichkeit verändert, seit du nach Los Angeles gezogen bist?

Conan: Nicht so wirklich, wenn ich ehrlich bin. Traditionelle Vorstellungen haben bei mir nie Widerhall gefunden. Ich wurde im konservativen Texas aufgezogen und da gab es viele verblendete Vorstellungen vom Leben, aber je älter ich wurde, desto mehr habe ich mir selbst eine Meinung gebildet. Als ich weggezogen bin, war ich schon sehr leidenschaftlich wütend auf das Leben, wie es in Texas war.

Vermisst du manchmal die Person, die du warst, als du in Texas gelebt hast?

Conan: Absolut. Manchmal wünsche ich mir einfach nur, ich könnte zurück nach Texas und einfach mit meinen Freund*innen rumsitzen, Kaffee trinken und stundenlang durch die Gegend fahren, wie wir es früher gemacht haben. Ich bin unfassbar dankbar für mein Leben jetzt, vor allem, weil mir meine Fans die Möglichkeit gegeben haben, dieses Leben in Texas hinter mir zu lassen. Denn so richtig glücklich war ich damals eigentlich gar nicht.

Du romantisierst also deine Vergangenheit?

Conan: Ich glaube wir alle tun das. Ich tu das aber gerade schon extrem. (lacht) Das Einzige, was ich nicht romantisiere, ist, dass ich meine Freund*innen vermisse. Das ist wirklich so. Sie waren schon immer mein Fels in der Brandung.

So viele Dinge aus deinem Leben sind einfach out in the open. Fällt es dir mittlerweile schwer, Grenzen zu ziehen, was du mit der Welt teilst und was nicht?

Conan: Total. Ich glaube mittlerweile reden wir alle zu viel. (lacht) Wir haben alle das Gefühl, dass alles, was wir sagen, auch ständig gehört werden muss. Wir sollten Social Media wie das echte Leben sehen. Wenn du etwas nicht vor einer Millionen Menschen sagen würdest, dann sage es vielleicht einfach nicht. Die Seite von mir, die ich im Internet zeige, bin zu 100 Prozent ich. Ich habe aber gelernt, manchmal einfach die Klappe zu halten. Ich finde wir alle sollten lernen, ab und zu mal die Klappe zu halten.

Ist das bei Musik auch so, gibt es Songs von dir, bei denen du dir jetzt denkst "Hätte ich mal die Klappe gehalten"?

Conan: Wenn es um meine Musik geht, habe ich das Gefühl, dass ich brutal ehrlich sein muss, um meine Hörer*innen zu erreichen. In Songs ist es okay, über die Dinge zu reden, über die man sonst nicht reden würde. Meine ganze Seele steckt in meiner Musik.

Schreibst du mehr Musik, seit du in Quarantäne bist?

Conan: Nicht wirklich. In meinem Privatleben passiert quasi gar nichts. Mein Herz wurde mir lange nicht mehr gebrochen und ich bin auch in keiner Beziehung. Ich sitze nur Zuhause und flippe wegen Dingen aus, die nicht so tolle Themen für Songs sind. (lacht)

Was inspiriert dich zur Zeit?

Conan: Ich bin süchtig nach dem neuen Album "folklore" von Taylor Swift. Ich bin einfach obsessed.

"Der Cardigan von Taylor Swift war das Highlight meines Lebens"

Taylor Swift hat dir sogar einen Cardigan zum Album geschickt. Wie großartig war das?

Conan: So unfassbar großartig! Das Highlight meines Lebens. (lacht) Sie ist meine Ikone und sie hat mir alles beigebracht, was ich über Songwriting weiß. Ich habe allen meinen Freund*innen Nachrichten geschrieben und meine Schwester angerufen. Es war so aufregend. Ich meine, was macht man, wenn Taylor einen Cardigan schickt? Du rufst alle deine Freund*innen an!

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Das ist doch ein gutes Songthema. Quatscht du ab und zu mit ihr?

Conan: Der Song heißt "I got a cardigan from Taylor Swift". Ich habe schon ab und an mit ihr geredet und sie ist so nett. Dabei muss sie das nicht mal sein, ich würde sie auch so lieben. (lacht)

Lass uns noch ein bisschen über Mode reden. Bei Instagram sieht man, dass du dich gerade ausprobierst und auch mal einen Rock trägst. Was bedeutet ihr Fashion aktuell?

Conan: Mode ist für mich ein bedeutungsvoller Weg, um mich auszudrücken. Man zeigt sich der Welt, so wie man ist. In letzter Zeit ist mir wieder klargeworden, wie wenig die Meinung anderer zählt, wenn es um solche Sachen geht. Man kann bei Mode einfach machen, was man will. Es ist ein großartiges Ventil, um die eigenen Emotionen rauszulassen.

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Ich habe gesehen, dass du auf deinen Social-Media-Kanälen aufrufst, wählen zu gehen. Hast du vor deinen Einfluss während den US-Wahlen zu nutzen?

Conan: Absolut. Aktuell müssen wir so dringend wie nie zuvor wählen gehen. Der Prozess zu wählen kann beängstigend sein, gerade für Erstwähler und das sind viele meiner Fans. Bei der letzte Wahl sind besonders wenig junge Leute wählen gegangen. Wenn wir die Zukunft von Amerika repräsentieren wollen, dann müssen wir uns Gehör verschaffen und Wählen gehen. Wir müssen so viel ändern, um eine empathische und liebevolle Regierung zu haben und das geht am besten, wenn wir wählen gehen.

  • Quelle:
  • Noizz.de