Pull Up – oder was?!

"One Dollar Smile" – gibt wohl keine bessere Zusammenfassung für diese Deutschrap-Platte. Frank Hemd hat sie aufgenommen, zusammen mit Produzent Massala. Es sind dreizehn Songs die einem beim ersten Hören reinlaufen wie nichts. Perlt nämlich wie frisch entkorkt, fast widerstandslos sprudeln die Tracks einem in die Gehörgänge, die Beats federn. Passiert beinahe schon nebenbei, dass Frank Hemd hier mit klugem Witz, unprätentiös und elegant Gesellschafts- und Genrekritik zwischen seine Zeilen manövriert. Der Albumname ist nämlich keine Bescheidenheit, sondern prägnant platziertes Aufblitzenlassen von Gegenwart.

Hemds drittes Album ist ein schicker Hybrid geworden aus Pop, Trap und Hip-Hop. Hübsche Harmonien von Massala und Hemds anschmiegsame Stimme sind aber nicht das Einzige, was hier abgeliefert wird. Auf "One Dollar Smile" gibt's Tiefgang in unordentlichen Sequenzen. Scheinbar ohne feste Stringenz streift Till Böttcher, so der Berliner mit bürgerlichem Namen, ziemlich große Themen: "No Merican" formuliert die Absage an toxische Männlichkeit, "Gumo" und "Free Tibet" sprechen von der Lebenswirklichkeit und der unendlichen Beschleunigung des allgemeinen Millennials, und Nummern wie "Pull Up" verhandeln das Image des gesamten Hip-Hop-Genres.

Überhaupt bekommen die Player des Rap-Games auf entspannteste Art und Weise auf die Fresse – einfach dadurch, dass Hemd für seine Mucke weder die Vernunftkeule noch Schwanzvergleiche schwingen muss. Seine Message kriegt er auch so ganz gut unter. Genau das zeichnet Frank Hemds neues Album aus: Feinsinnige Bilder, Wortkollagen und Lyric-Akrobatik zur Zeit. Wenn man so will, kann man ihn als Greta Thunberg für die ruhigeren Stunden bezeichnen. Als einen, der was zu sagen hat, aber auch die kleinen Wellen nutzt, um darauf zu surfen. Halt Botschaft durch die Hintertür, oder so.

Der 27-Jährige kriegt es auf seiner Platte sogar hin, neben seiner Feier der Nüchternheit, dem rhythmischen Verfolgen seines Flows und der Schilderung seiner Welt sinnvoll Dudes wie Karl Lagerfeld, Jesus, die Buddenbrooks und Cicero aufeinandertreffen zu lassen. Na ja, und Kollegah. Letzteren kann man beinahe schon als Paten der Platte interpretieren. Beziehungsweise die Abgrenzung zu dem, was selbigen so ausmacht. Ironische Spitzen gegen Kolles Lebenswerk ziehen sich durch diese Platte wie fein gezogene Spinnweben. Gleich in seiner ersten Auskopplung stellt sich Hemd konsequenterweise als F R A der Boss vor:

"One Dollar Smile" hat laut Hemd das zur Grundlage, was musikalisch in den USA so läuft. Kann schon sein, dass das auch so stimmt. Aber die eigene Sozialisation Hemds lässt sich dennoch deutlich erkennen. Glaubt man zumindest. Bisschen frühe Sachen von Cro, bisschen gute Sachen von Clueso, bisschen ambitionierte Sachen von Captain Peng, bisschen ähnliche Sachen wie Orsons und vermutlich alles, was derzeit so im Berliner Untergrund vor sich hin spittet.

Insgesamt steht das Album allerdings schon für sich. Für die Seichten unter uns, die dennoch jeden Tag sehen, was nicht richtig läuft und das zum Ausdruck bringen wollen. Nur halt ohne Megafon, aber eben mit richtigem Drive.

[Disclaimer: Till Böttcher alias Frank Hemd arbeitet als freier Redakteur für NOIZZ. Wir hätten sein neues Album aber auch besprochen, wenn dem nicht so wäre.]

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Quelle: Noizz.de