Chaptor One ist das Urban-Label vom Major-Riesen Universal.

Jeder kennt es, das Bild, den Musikertraum eines Major-Deals: Großes Büro mit verglaster Fassade, Manager in teuren Anzügen schieben einen Vertrag über den Tisch, der glückliche Musiker setzt seine Unterschrift unter das Schreiben und kassiert dafür einen Koffer voll Geld – Vorschuss, Vorschuss und Vorgeschmack auf die goldenen Zeiten, in die er sich soeben geschrieben hat: unzählbare Platten- und CD-Verkäufe, Werbebanner auf Wolkenkratzern, Auftritte in Stadien, Limousinen, kreischende Fan-Horden und natürlich ein nicht enden wollender Geldregen. Ewiges Gespinst oder Realität der Auserwählten?

Heute gibt es jedenfalls keine CDs mehr, keine Platten, heute ist (fast) alles digital. Wir schreiben das Zeitalter von Social Media, über die sich Künstler eigenmächtig aufbauen und vermarkten können, im direkten Kontakt zu ihren Fans. Wir schreiben das Zeitalter von Streaming-Diensten, über die jeder Mensch Musik veröffentlichen und damit der gesamten Welt zugänglich machen kann – ganz ohne Label. Oder nicht? Wir sind beim springenden Punkt: Was machen Labels im Jahr 2019? Was bringt ein Deal noch?

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Genau das habe ich mir von Musikmanager Ramin Bozorgzadeh erklären lassen. Der hat 2014 das Hip-Hop-Label Chapter ONE als Sublabel von Major-Riese Universal gegründet. Chapter ONE ist ein übersichtliches Indielabel, das Nähe zu seinen Künstlern garantiert und mit Universal im Rücken trotzdem das beste Netzwerk zur Verfügung hat, das man sich in der Musikindustrie wünschen kann.

Viel Spaß mit exklusivem Insiderwissen aus dem Hause eines der größten Player im Musikbusiness.

Büro bei Chapter ONE

Ich laufe in einen schnieken Berliner Workspace. Großer Innenraum, diverse kleine Büros drumherum. Alle Türen aus Glas, familiär und transparent wirkt das. Durch die Fenster der Blick auf die Spree, unter den Fenstern massenweise Gold-Auszeichnungen für Singles und Alben deutscher Rapper. In den Regalen ungeöffnete Deluxe-Boxen. Ich krieg 'nen Kaffee und fläz mich auf ein Sofa, check' in rumliegenden Musikmagazinen ein paar nationale Chart- und Streaming-Statistiken ab (Capi rasiert ...) und beobachte, was sich in Ramins Büro abspielt (alles aus Glas, you remember).

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Da stehen nicht nur NOCH mehr Goldene rum, da stapeln sich nicht nur die #1-Pokale der Deutschen Charts, da sitzen auch ein paar Anfang 20-jährige Rapper und ihr Anwalt (wie ich nachher erfahre) und diskutieren mit einem rauchenden Ramin (Ramin raucht immer). Wie in einem Film sieht das aus: diese fordernden Artists, der diplomatische Anwalt und – Ramin, der Labelboss, der Profi, der mit überschlagenen Beinen im Stuhl thront, zurückgelehnt an seiner Kippe nuckelt und aufmerksam zuhört. Irgendwann geben sich alle die Hände, die Rapper hauen ab, und ich darf rein.

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"Das war ein Künstler mit seinen Jungs und seinem Anwalt. Wir sind schon länger dran, Deals mit ihm zu machen und haben heute ein paar Änderungswünsche besprochen. Nächste Woche kriegen wir das Ding unter Dach und Fach." – "Lief also gut?", frage ich. "Ja, das lief gut." Ramin holt sich kurz neue Kippen und ist dann wieder bei mir. Ich will wissen, wie sein Tag bisher aussah.

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"Aktuell bin ich sehr viel im Studio, weil ich die Karriere eines Lizenz-Künstlers vorbereite und auch noch "Raptags" mache (der hauseigene Wettbewerb zur Newcomer-Förderung). Im Studio bin ich als Coach dabei und gebe kreativen Input, um die Songs zu optimieren. Insofern hatte ich eine kurze Nacht und arbeite eigentlich eh 24/7. Das ist das Leben eines Musikmanagers: bestimmt 60 bis 70 Stunden pro Woche, Wochenende nicht mit einbezogen. Aber das messe ich gar nicht – meine Frau allerdings schon, und das ist privat auch nicht unproblematisch, dass ich so viel arbeite. Aber es macht mir Spaß."

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Musikmanagement und Labels 2019

NOIZZ: Mal ganz allgemein gefragt: Wofür gibt es Labels?

Ramin: Ein Label ist eine Kompetenzzelle, die für den Künstler in alle Richtungen wirken kann. Wer produziert dein Merchandise? Wer macht die Abrechnungen mit dem Vertrieb? Wer koordiniert dein Live-Geschäft? Wer übernimmt sonstige Management-Aufgaben? Am Ende des Tages geht es für jeden Künstler darum, in diesem 360-Grad-Winkel vertreten zu sein.

Jeder Künstler ist natürlich frei in der Entscheidung, sich bei einem Label um 360 Grad verarzten zu lassen oder das zu splitten. Deals sind ja flexibel. Aber prinzipiell gilt natürlich: Der kürzeste Weg ist immer der Beste. Das Label steht mit aller über die Jahre gewachsenen Erfahrung für alle Bereiche als Ansprechpartner zur Verfügung.

Außerdem ist ein Label eine Marke. Wenn du als Künstler zu einer Marke passt, dann ist das für dich direkt extra Reichweite, die umgekehrt genau zu dir passt. Damit hat ein Label auch eine Orientierungsfunktion. Ein Label, und damit auch ich als Musikmanager, versuchen, alle Lasten, die um das Produkt Musik herum entstehen, vom Künstler zu nehmen und auf eine oder mehrere Schultern umzuverteilen.

Zudem unterscheidet man in Major-Label und Independent-Label. Majors sind (auch weltweit) besser vernetzt, als ein Label mit Indie-Struktur, wobei die Grenzen da mittlerweile auch fließend sind. Indies sind kleiner, familiärer, mit mehr Nähe zum Künstler und in weniger hierarchischen Strukturen. Ich zum Beispiel blicke nicht von oben nach unten und bin damit vom Wesen her ein Indie-Manager, obwohl ich Universal hinter mir habe.

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Was ist die Vision hinter deinem eigenen Label Chapter ONE?

Ramin: Ich glaube, dass sich die Formen der Zusammenarbeit von Künstlern und "Management" ändern. Ich habe mit meiner ganzen Erfahrung von meiner Zeit bei Groove Attack (Anm. d. R.: der größte Independent-Vertrieb Deutschlands) begonnen, die Vertriebsleistung auch als Label-Leistung zu sehen. Das ist mein Ansatz und das ist auch der Grund, warum ich von Universal eingeladen wurde, nach Berlin zu kommen und Chapter ONE zu gründen.

Das Wesen von Chapter ONE ist also, dass wir ein Hybrid-Label sind: Wir arbeiten auch mit vertrieblich angeschlossenen Künstlern so, wie ein Label sonst mit Lizenz-Künstlern arbeitet, und haben zusätzlich den Anschluss an das Netzwerk von Universal.

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Und hat sich die Rolle von Labels durch Streaming und Social Media irgendwie geändert?

Ramin: Es stimmt, der Musikmarkt hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten verändert. Heute kann jeder Künstler mit ganz einfachen Mitteln selber produzieren und kommunizieren. Aber Labels haben trotzdem eine extreme Relevanz. Sie haben zwar keine Gate-Keeper-Funktion mehr in dem Ausmaß wie in den 90er-Jahren. Es gibt aber neue Gate-Keeper, Spotify zum Beispiel. Wenn du da nicht in die richtigen Playlists kommst, hast du auch keine Chance. So gesehen ist es wie früher, bloß hast du heute THEORETISCH ohne Deal die Möglichkeit, eine große Masse zu erreichen. Aber praktisch gesehen gehst du in einem Meer neuer Veröffentlichungen unter.

Du brauchst also eine Orientierung, eine, die nicht nur Spotify sein kann. Und diese Orientierung ist das Label. Denn: Labelarbeit ist schon etwas Spezifisches, oder meinst du, irgendjemand von Spotify hat Bock, an einem Samstagabend um 24 Uhr mit irgendeinem erzürnten Künstler zu telefonieren?

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NOIZZ: Vorhin hast du euer Format "Raptags" erwähnt. Was genau ist das?

Ramin: Ich hatte schon immer den Wunsch, etwas wie einen Rap-Wettbewerb zu gründen. Zum einen, um eine Plattform zu schaffen, auf der Newcomer eine Reichweite erhalten. Zum anderen, um damit neue Zielgruppen für Chapter ONE zu erschließen. Das habe ich mit Raptags verwirklicht. Dieses Jahr gehen wir in die fünfte Runde, zum ersten Mal nur über Instagram und im Laufe des Turniers natürlich wieder Live-Events. Der Gewinner erhält einen Deal mit uns. Darüber haben wir eine große Nähe zu unserer Zielgruppe. Ich möchte mit Chapter ONE Teil der Community sein. Nachwuchstalente sollen bei uns die Möglichkeit haben, sich aufgrund ihres Talents so zu entwickeln, dass sie von ihrer Kunst leben können.

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Mehr Infos gibt's auf dem Instagram-Profil von Chapter ONE.

  • Quelle:
  • Noizz.de