Spätestens seit sie von der BBC zum "Sound of 2020" gekürt wurde, ist Celeste kein Geheimtipp mehr. Uns nahm die Londoner Sängerin mit auf einen morgendlichen Spaziergang durch London und philosophierte mit uns nicht nur über ihre Musik, sondern auch die Welt, in der wir leben.

Als ich mich mit Celeste zu einem Interview für ihre neue Single "I Can See The Change" verabrede, ist alles etwas anders als sonst. Dass ich nach London reise, geht im Moment nicht, wie wir alle wissen. Umgekehrt, kann genauso wenig Celeste mal eben für einen Promotag oder eine Show nach Deutschland jetten. Also bleibt uns nur das Telefon.

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Der Song, mit dem ich Celeste entdeckt habe, heißt "Lately" – ich war ihr hoffnungslos verfallen. Nicht nur, weil Celeste Epiphany Waite eine atemberaubende Stimme hat, die unter die Haut geht, sondern auch weil der Song perfekt einfängt, wie man sich fühlt, wenn man langsam, aber sicher erwachsen wird und nicht so recht weiß, wohin es gehen soll. "Lately, I've been thinking about the way to shake my life up", singt sie da – und plötzlich fühle ich mich zurückversetzt in diese eigene, verwirrende Lebensphase.

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Grübeln. Weitermachen. Leben. Träume verwirklichen.

Es ist ziemlich früh, Frühstückszeit. In London ist es 09.30 Uhr, bei mir in Berlin ist es bereits eine Stunde später. Ein wenig überrascht bin ich schon, als ich den Anruf annehme: Celeste ist unterwegs auf den Straßen Londons, die wesentlich ruhiger als sonst sind, denn in der acht Millionen Einwohner fassenden Metropole herrschen noch strengere Corona-Einschränkungen als bei uns – erst vor Kurzem haben wieder Geschäfte und Cafés geöffnet.

"Als ich 'Lately‘ geschrieben habe, ging es da auch um eine Gefühlslage, einen Moment, den ich nicht in dem Moment gespürt habe, sondern eben mit 18, 19", erklärt sie etwas außer Atem, weil sie von der lauten Hauptstraße in eine kleine Nebenstraße flüchtet. Es falle ihr oft schwer, Songs zu schreiben über Dinge, die ihr jetzt gerade widerfahren. Sie brauche das nostalgische Gefühl: Zeit vergehen lassen, um darüber noch einmal nachzudenken. Oft sehe man die Dinge mit etwas Abstand eben ganz anders. Inspiration schöpfe sie vor allem aus alltäglichen Begegnungen, wie sie erklärt:

Nicht alles muss mondän sein, man kann auch in dem normalen eine bewegende Geschichte finden.

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Ihre Songs sind düster-angehauchte, glamouröse Nummern, irgendwo in den Nuancen zwischen R’n’B und Soul. Mal mit mehr Tempo wie in "Stop This Flame", mal ganz ruhig und in sich gekehrt wie ihre neuste Single "I Can See Change", die kurz vor dem Lockdown im Februar entstanden ist. Ironischerweise ein sehr gutes Timing, dabei hat auch hier Celeste alte Erinnerungen neu aufleben lassen:

Damals hat es sich so angefühlt, als könnte ich nichts Neues erleben – obwohl ich jede Menge spannende Dinge um mich herum hatte und viel in meinem Leben passiert ist.

Aber irgendwie habe sie gespürt, dass eine Veränderung anstehe. "Ich wusste nicht genau, was es sein wird, geschweige denn, dass unsere ganze Welt quasi stillstehen würde", sagt sie und lacht dabei. Am Ende habe sie erkannt, dass es vielmehr darum ginge, eine eigene Balance zu finden.

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Celestes Traum: Musik machen, egal was kommt

Celestes moderner Soul ist inzwischen sehr geprägt von der lauten, wilden britischen Hauptstadt, die die 24-Jährige erst vor drei Jahren zu ihrer neuen Heimat auserkoren hat. Davor lebte sie mit ihrer Mutter in Brighton, geboren aber ist sie in Los Angeles. Sie hat jamaikanische Wurzeln – ein Multikultibackground, der schon wieder so britisch ist, dass es einen irgendwann zwangsläufig einfach nach London ziehen musste. Die vielfältigen Einflüsse spiegeln sich auch in den musikalischen Helden ihrer Kindheit und Jugend wider: Ella Fitzgerald, Otis Redding, Billie Holiday und Aretha Franklin, aber auch The Clash oder The Specials gehörten dazu.

Viele sagen mir, meine Songs hätten eine Art verlorener Glamour.

Das sei auch geprägt davon, mit welcher Musik sie groß geworden ist: viel aus den Vierzigern, Fünfzigern und auch einige Popnummern aus den Sechzigern. "Sie hatten so einen düsteren, ernsten Unterton in den Dingen, die sie erzählt haben. Ihr Sound war aber verdammt glamourös. Es gehörte einfach dazu, wie sich die Künstler präsentieren. Ich weiß nicht, ob sie das mit Absicht getan haben, weil sie so wahrgenommen werden wollten oder es aber eher ein Resultat ihres Lebensstils war. Irgendwie habe ich das sehr verinnerlicht. Ich bin eben mit Jazz und Soul groß geworden", sagt sie.

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Eigentlich schien alles nach Plan zu gehen für Celeste

Mit 17 schrieb sie ihren ersten Song, "Sirens". Der Song handelt davon, dass ihr Vater im Sterben liegt. "Ich habe es einfach als Ablenkung benutzt und mich in die Musik vertieft", erinnert sie sich. Es war der Beginn ihres eigenen Traumes und eins kam nach dem anderen. Musik zu machen, war das, was sie wollte – "... und ich wusste, das geht nur, wenn ich nicht nebenbei noch irgendwo kellnere oder arbeite." Also packte sie 2017 ihre Sachen, spielte Sessions, nahm eine EP auf: Das alles zahlte sich aus: Sie bekam die Chance, einen Monat lang im LAYLOW Club aufzutreten, eben jener Ort der die kulturelle und kreative Szenen in West-London bestimmt.

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"Es war bis dahin aber ein langer Weg und auch voller Unsicherheiten", sagt sie zurückblickend – aber er habe sich gelohnt. Wer in London bis dahin noch nie von Celeste gehört hatte, wurde spätesten jetzt auf sie aufmerksam. Ihre letzte Show in dem Club war so voll, dass keiner mehr reinkam, sie spielte intime Auftritte mit dem Klavierspieler Sam Beste, den Amy Winehouse als ihren Lieblingspianisten auserkoren hatte. Vielleicht kommen daher die ständigen Vergleiche mit der tragischen Ikone.

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"Natürlich fühlt man sich geschmeichelt, sie ist eine Legende", antwortet sie bescheiden, als ich sie darauf anspreche. Sie versuche das aber auszublenden und sich vor allem auf ihre eigenen Songs und Visionen zu fokussieren:

Damit ich meinen eigenen Weg verfolge und nicht einfach nur eine Version von jemand anderem bin. Irgendwann – hoffentlich in ein paar Jahren – werden sie den Unterschied zwischen mir und ihr erkennen.

Wenn 2020 alles anders wird …

Dann passierte das, was für viele Künstler*innen wie Adele, Ellie Goulding oder Sam Smith die Initialzündung in Sachen Karriereschub bedeutete: Celeste wurde von der BBC zur Gewinnerin der Newcomerliste "Sound of 2020" gekürt. Beste Voraussetzungen, um voll durchzustarten: inklusive großartiger Festivalsommer und einem Debütalbum im September. Dann kam doch alles anders. "Am Anfang dachte ich: Das wird eine schwierige Zeit für viele Menschen, aber ich bin privilegiert, weil ich gesund bin, ich musste mir keine Sorgen über meinen Job machen", sagt sie.

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Nach und nach habe sie die neugewonnene Zeit dafür genutzt, mehr über sich, ihren Sound und wer sie überhaupt sein will, herauszufinden. "Ich bin noch immer dabei. Das fühlt sich gut an", gibt sie zu. Sie genieße die branchenuntypische Entschleunigung gerade sehr. Dass wir in turbulenten Zeiten leben, lässt sie aber natürlich nicht los: Da sie selbst eine Person of Color ist, berühren sie die weltweiten Black-Lives-Matter Proteste, als Reaktion auf den Mord an George Floyd durch einen Polizisten, sehr. Für sie ist es extrem wichtig, dass das Thema nicht ignoriert wird, das Schweigen endlich ein Ende hat und auch, dass Musik den Protesten eine weitere Stimme geben kann, sei für sie wichtig.

"Es fällt mir aber schwer, darüber etwas besonders Eloquentes auf Social Media zu teilen – weil es einfach eine so große Diskussion ist, mit so viel Kontext, dass eine Bildunterschrift einfach nicht ausreicht, um all das auszudrücken, was wir fühlen, welche Erfahrungen wir machen", sagt sie. Vor allem der Zusammenhalt beeindrucke sie sehr:

Es ist wichtig, damit die ganze Menschheit, nicht nur die Schwarze Community oder wir People of Colour, merkt, was verkehrt läuft und damit wir das beenden.

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Als ich ihr offenbare, dass ich mich als weiße, junge Frau voller Privilegien manchmal selbst unsicher bin, wie ich selbst in dieser Bewegung agieren darf und kann, sagt sie mir, dass es ja auch gerade um dieses Bewusstwerden des eigenen Verhaltens in der Gesellschaft ginge:

Niemand sollte sich schämen oder sprachlos fühlen, nur weil er oder sie nicht wissen, welchen Beitrag sie leisten können in dieser Debatte. Darum geht es gerade schließlich bei dieser Bewegung, in der wir gerade stecken: Die Diskussion ist offen.

>> Hör bitte auf so zu tun, als sei Rassismus nur ein Problem der anderen!

Ich würde mich schließlich ja nicht wirklich selbst als Rassist*in bezeichnen, aber merken, dass ich manchmal falsch handele – aufgrund der Gesellschaft, in der ich groß geworden bin. "Das kann man niemanden zum Vorwurf machen, aber der Erkenntnisgewinn daraus ist ein immenser Gewinn. Du ziehst daraus deine Schlüsse", sagt sie. Tja, und als ob Celeste wirklich den Soundtrack für diese verwirrenden, verändernden und aufwühlenden Zeiten geschrieben hätte, passt auch hier eine Zeile aus "I Can See The Change":

I can see the change. Feel the pace of everything.

Quelle: Noizz.de