Wie der Rapper mir auf einem Parkplatz sein Künstlertum bewiesen hat.

Capital Bra ist in Deutschland gemessen an seinen Nummer-eins-Hits der erfolgreichste Künstler des 21. Jahrhunderts. Nach den Beatles sogar der erfolgreichste Künstler der Geschichte. Der Berliner Rapper gibt ungern Interviews. Unsere Autorin hat fünf Minuten mit ihm auf einem Parkplatz gesprochen. Und verstanden, warum.

Ich setze mich in die U8 Richtung Hermannstraße. Irgendwo in Tempelhof geht gerade der erste Dreh zur Hip-Hop-Sendung Yo! MTV Raps zu Ende, in der Capital Bra auftritt. Danach gibt er mir ein Interview. Ich gebe mir noch eine Runde Capi via Spotify. Muss mir dann aber schnell die Stöpsel aus den Ohren ziehen. Der Lärm im Wagon macht Capis Klängen Konkurrenz. Eine Gruppe Jungs, circa 19, wird von der gesamten Fahrgastschaft entnervt wegignoriert oder hasserfüllt angeguckt. Sie sind einfach zu laut. Aus dem mitgebrachten Lautsprecher dröhnt – natürlich – Capital Bras One Night Stand.

Auf halbem Weg zur Location schlägt die PR-Dame Alarm. Es wäre gut, wenn ich mich beeile. Capital sei vielleicht schon ein bisschen früher fertig. Ab ins Taxi also. Als ich auf den Parkplatz des Studios rolle, wird mir vom Weiten schon gewunken. Sie ruft mich wieder an. „Capital ist leider schon los.“ Ich denke mir: „COME ON“. Sie sagt: „Aber du kannst mit ins Studio.“

Ein journalistisches Gefühls-Auf-und-Ab: Fünf Minuten später steht Capital Bra vor mir. Wir fahren doch nicht ins Studio. Wir bleiben hier auf dem Parkplatz.

Ich stelle mich vor – und stehe inmitten von sechs hochgewachsenen Typen, die allesamt mit einem Lächeln auf mich hinabschauen, als wäre ich ihre Nichte, die gerade eingeschult wurde. Was das für ein Leben wäre, wenn KC Rebell, Summa Cem und Capital Bra deine Onkel wären.

Capital und ich begeben uns an den Ort des Geschehens: an den Rand des Parkplatzes, direkt an eine Hauswand. Wir sitzen auf zwei Betonklötzen gegenüber voneinander. Drei Meter von uns entfernt hockt Summa Cem mit einem kleinen Reisekoffer vor sich auf einer Bank. Er stemmt die Ellenbogen auf die Oberschenkel und tippt in sein Smartphone. Seine Roli glitzert trotz unterirdischer Parkplatzbeleuchtung wie ein Weltmeister in unsere Richtung.

Das Gespräch verläuft schleppend bis stockend af. Wie ihm Yo MTV Raps gefallen hat, frage ich. „Ist cool“, heißt es. Dass Capital nicht der größte Redenschwinger in Sachen Interviews ist, weiß man ohnehin. Er mag keine Interviews, bestätigt er schonungslos.

Er gibt sich gelangweilt bis teilnahmslos. Warum hat der Typ so wenig Bock zu reden? Das erklärt er mir direkt, als ich nachfrage. Er will unbedingt ins Studio, weil er etwas aufnehmen möchte. „Willst du hören?“ – er nestelt, plötzlich viel aktiver, an seiner Jackentasche herum, holt sein Handy hervor und präsentiert mir seine YouTube-App. Er hätte da gerade einen Beat zusammengebastelt, erklärt er mir. Er spielt ihn ab.

Ich werfe einen Blick zu der Roli, an der Summa Cems Körper hängt. Er guckt mich an und grinst. Capis Beat hört sich für mich im ersten Moment an, wie ein Scherz. Viel zu soft, viel zu sehr Trallala. „Wollen die beiden mich hier gerade verarschen?“, frag ich mich. Dann fängt Capi gemächlich an, auf diese Zeichentrickfilm-Melodie zu rappen. „Euch geht’s nur um Fame und um Bares, aber ich denk nur an dich und nichts anderes ...“ Es geht um Liebe. Und es passt verdammt nochmal gut zusammen.

Ich habe den „Fuck, dieser Typ ist nicht ohne Grund Künstler“-Moment. Capi grinst. Ich frage ihn, an wen er bei diesen Lines gedacht hat. „An niemanden, das ist einfach so in meinem Kopf“, sagt er. Mehr brauche ich nicht. Dieser Insight ist besser als jede Antwort auf eine langweilige Journalistenfrage. Sie zeigt nämlich das, was wir alle vermuten. Capi ist eine verdammte Hit-Maschine, die on the go seine Tracks produziert.

Geil.

Quelle: NOIZZ-Redaktion