Sänger Jack und Gitarrist Jamie haben uns erzählt, wie es ist nach einer langen Pause als Band wieder zurückzukommen.

Anfang 2015 spielte die britische Indieband Bombay Bicycle Club eines ihrer größten Konzerte ihrer Karriere bis dahin in London. Danach verabschiedeten sie sich – auf unbestimmte Zeit. Niemand wusste so recht wieso. Für Sänger Jack Steadman, Gitarrist Jamie MacGoll, Bassisten Ed Nash und Drummer Suren de Saram war die Sache eben nicht ganz so einfach.

Seit dem sie Teenager waren, sind sie als Band unterwegs gewesen – haben ihren ersten Plattenvertrag abgeschlossen, sind auf Tour gegangen, sind beste Freunde geworden. Sie konnten sich noch gut ausstehen, aber irgendwie wurde das mit der Band immer mehr zu einer Pflichtübung. Wenn Jack von dieser Zeit erzählt, wird er ziemlich ruhig und etwas nachdenklich: "Alles in allem war es so, dass wir wieder spüren wollten, wie toll und aufregend es ist, in einer Band zu sein – mit allem, was dazugehört. Wenn du auf Festivals spielst, sollte es aufregend sein, jedes Mal! Aber wenn es das zehnte Festival im Monat ist, dann fühlst du das nicht mehr."

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Drei Jahre nach diesem Konzert in London hat die Band, aber das Gefühl, wieder etwas zusammen zu machen. "Wir haben es vermisst", sagt Jamie. Nochmal zwei Jahre später ist es soweit. Mit "Everything Else Has Gone Wrong" veröffentlicht die Band ihr fünftes Studioalbum, knapp fünf Jahre nach ihrem bis dahin letzten.

Als ich mit Jack und Jamie über die aufregende Zeit des Wiederzueinanderfindens rede als ich sie für NOIZZ in Berlin treffe, sagt Jack sehr oft: "Es hat sich angefühlt als ob wir wieder Kids wären". Der Funken war wieder da. Gleichzeitig war aber auch einiges neu für die Vier. Es gab neue Dynamiken, mit denen sie erst lernen mussten, umzugehen.

Wenn alles andere schief geht ...

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Der titelgebende Song "Everything Else Has Gone Wrong" war tatsächlich erst der letzte Song, den die Band im idyllischen Cornwall geschrieben hatten. "'Everything Was Going Really Well' hätte ein ebenso guter Albumtitel sein können", entgegnet Gitarrist Jamie, als man ihn über den Album-Titel ausfragt. Die Band kam gerade von einem Radiokonzert direkt ins Interview rein, am Morgen um vier Uhr sind sie in Paris aufgewacht, dann ging es in den Flieger nach Berlin. Statt abgehetzt oder gestresst zu wirken sind Jack und Jamie ziemlich entspannt. Wieder eine Band zu sein, scheinen sie sichtlich zu genießen.

"Ich meine, das ist ja genau der Sinn und Zweck, wieso man eine Pause macht. Wenn du zurückkommst, fühlst du dich voller Energie", sagt Jack. Hoffnung, Erneuerung und Liebe sind die Ankerpunkte ihrer neuen Songs, die einen etwas anderen Spirit versprühen als ihre zuweilen etwas grungigeren Indiehymnen der vergangenen Alben. Die Euphorie des Neuanfangs ist sowas wie eine Art Leitmotiv für das neue Album der Vier aus London – es war keine einfache Sache. Ein hartes Stück Arbeit und wieder zueinanderfinden.

Essen, schlafen, aufwachen ...

Daher ist es kein Wunder, dass sich ausgerechnet ein ganz bestimmter Song sich für die Band als eine Art Wendepunkt entpuppte: "Eat, Sleep, Wake (Nothing But You)", die erste Single der Band, nachdem sie sich 2015 einfach so verabschiedeten. "Der erste Song, bei dem wir wieder dieses Kribbeln im Bauch hatten, war "Eat, Sleep, Wake". Das war im November 2017 – von da an ging es dann aber wirklich schnell", erzählt Jamie. Er habe sich nach langer Zeit einfach wieder ans Keyboard gesetzt, los gespielt – und das Erste was rauskam, war dieser Song.

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Aber was war mit der Band passiert – wieso entscheidet man sich, nach gut zehn Jahren erfolgreich im Business einfach so den Stecker zu ziehen? "Ich glaube, wenn wir das noch etwas länger gemacht hätten, wären wir so auseinander gegangen, dass wir nie wieder hätten zusammenfinden können", sagt Jamie. Für ihn war die Pause vielleicht am krassesten: Er war der Einzige in der Band, der gar nichts mit Musik machte. Stattdessen ging er zurück an die Uni.

"Die Umstellung fiel mir viel leichter, als ich gedacht hatte. Es war etwas seltsam, weil in meinen Kursen sonst lauter Studi-Anfängern saßen, die 18 Jahre alt waren", sagt er. "Ich war Mitte 20, Mitglied einer erfolgreichen Band und jeder wusste das. Dadurch war ich automatisch der größte Nerd im Kurs. Aber das war okay." Aber auch für Jack war die Zeit abseits von Bombay Bicycle Club eine überaus lehrreiche Zeit. Als Solokünstler nahm er als Mr. Jukes ein Album auf, probierte sich mehr im Jazz-Bereich aus.

"Manchmal war es cool, aber manchmal auch beängstigend. Du bist es eben gewohnt den Rückhalt deiner besten Freunde dabei zu haben", erinnert er sich. Aber, so resümiert er, im Endeffekt habe es seinen Horizont erweitert. Der Punkt, der die vier aber wieder zusammenbrachte, hatte vor allem mit den Anfängen ihrer Karriere zu tun. 2019 feierte ihr Debütalbum "I Had the Blues But I Shook Them Loose" sein Zehnjähriges. "Unser Manager schlug dann vor, ein paar Jubiläumskonzerte zu spielen", erzählt Jack.

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"Wir dachten, dass wäre irgendwie wierd, nur alte Songs zu spielen – schließlich sind wir erst 29, wir sollten lieber neue Songs schreiben!" – und so trafen sie sich wieder in einem alten Gartenschuppen und haben einfach drauflos gejammt. Ohne großes Equipment, ohne Crew. "Das hat sich verdammt gut angefühlt", sagt Jack und seine Augen strahlen.

Wenn ich einen Job hätte, hätte ich alles, was ich wollte ...

Die Geschichte von Bombay Bicycle Club ist nicht nur die, über eine Band, die eben eine Pause machte und wieder zusammenfand. Ihre neue Platte, das Resultat eines sich Wiederfindens, kann man auch als ziemlich akkurates Porträt einer Generation hören, der soviel offen steht, dass sie sich manchmal selbst verliert – und oftmals gar nicht so genau weiß, woran das eigentlich liegt.

Davon handelt etwa auch der Song "Good Day". Darin heißt es: "I would quit a job – if i had a job. If I had a job, I had everything I want". Es ist einer von zwei Songs, die nicht Jack getextet hat, sondern Bassist Ed. Auch etwas, das vor der Bandpause sicherlich nicht passiert wäre. Eigentlich hat Ed aber etwas eingefangen, was alle vier Bandmitglieder in den vergangenen Jahren beschäftigt hat, wie Jack erklärt: "Als wir in die Bandpause gingen, waren wir auch mit solchen Gedanken konfrontiert. Wir haben uns gefragt, was wartet da draußen noch auf uns. Und wie ist es, ein normales Leben zu führen?"

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In der Zeit, die sie alle voneinander etwas Abstand gewinnen konnten und ihre eigenen Dinge gemacht haben, hätten sie alle neue Perspektiven sammeln können – und seien auch erwachsener geworden, wenn man denn jemals davon sprechen kann. "Wenn du in einer Band bist, fühlt es sich manchmal wie eine eigene Bubble an. Du wirst ein bisschen kindisch, weil da immer Leute sind, die dir jeden Tag sagen, was du zu tun hast", sagt Jack.

Wenn man sich die elf Songs von "Everything Else Has Gone Wrong" anhört, erwischt man sich immer wieder dabei, wie man einfach grenzdebil vor sich hin lächelt. Weil sie die Gedanken ausformulieren, die man zu oft selber spürt: Chaos, kein Plan im Leben – aber es gibt immer ein Licht am Ende des Tunnels. So singt Jack im Refrain von "People People":

"So I'll be your guide. In this world we're living in."

Fühlst du dich geliebt?

Es sind eben versöhnliche Songs. Für Jack und Jamie hat das eindeutig damit zu tun, dass sie einfach älter geworden sind. "Es sind eben nicht mehr die herzzerreißenden Liebeslieder – sie sind positiver gestimmt. So wie wir jetzt im Leben stehen, wäre es auch irgendwie komisch, wenn wir Songs darüber schreiben würden, wie meine Freundin mich verlassen hat. Wir sind nicht Blink 182", witzelt Jamie.

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In "Do You Feel Loved" etwa beschäftigt sich die Band auch damit, was die ständige Suche nach Aufmerksamkeit und Bewunderung auf Social Media mit uns anstellt. Selbst wenn du der berühmteste Musiker der Welt wärst, würdest du Bestätigung suchen. "Ich würde gerne viel weniger Zeit auf Social Media verbringen", sagt Jack, der den Song geschrieben hat, "Und ich frage mich oft nach den Gründen, wieso ich es überhaupt benutze. Manchmal wird die Geste des Scrollens auch nur eine Bewegung in deinem Muskelgedächtnis."

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Es sind allesamt Songs, in die man sich fallen lassen kann, für einen Moment die Sorgen des Alltages vergessen kann. "Wenn ich in so einer Situation bin, setze ich mir oft einfach die Kopfhörer auf, höre der Musik zu und komme runter. Für viele Menschen tut unsere Musik auch genau das – und das war uns vorher nicht immer so bewusst", gibt Jack zu. Dementsprechend hoffnungsvoll entlassen Bombay Bicycle Club ihre Hörer auch mit dem Song "Racing Stripes":

Aber jetzt genug geredet. Kopfhörer auf und alles andere vergessen:

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  • Quelle:
  • Noizz.de