Wir haben mit ihn über seinen viralen Hit "The Git Up" gesprochen. 

Eigentlich sind Country-Musiker pünktlich. Nun ja, Blanco Brown, auf den ich seit gut 20 Minuten in einer Hotellobby warte, ist aber auch nicht der typische Country-Musiker. Aber eben auch kein Rapper, der klischeehaft für Eskapaden und Zuspätkommen bekannt wäre.

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Blanco Brown macht "Trailer-Trap", wie er es selber in unzähligen Interviews bereits erklärt hat. Ein Genre mit klaren Einflüssen aus Rap made in Atlanta – daher kommt Brown nämlich – sowie Soul, Funk und eben auch ganz viel Country vom Land.  

Es ist eigentlich unmöglich, einen Text über Blanco Brown zu schreiben, ohne einen zu erwähnen: Lil Nas X. Ein Rapper, der das Game im Jahr 2019 ziemlich verändert hat, der sich, als einer der wenigen in der Hip-Hop-Szene, als homosexuell geoutet hat und der mit seinem viralen Country-Trap-Hit "Old Town Road" das Prinzip ein Song wird zum Meme etabliert hat.  

Der kometenhafte Aufstieg des untypischen schwarzen Cowboys ermutigte Blanco Browns Label endlich dazu, seinen eigenen Hit zu veröffentlichen, den er schon lange in der Schublade hatte: "The Git Up". Auch der Song ging dank TikTok-Challenge viral.

Auch er mischte auf fantastische Weise gewohnte oldschoolige Country-Melodien mit soulig-rappigen modernen 808-Beats. Auch er kommt, wie Lil Nas, aus Atlanta, einer der US-Hotspots in Sachen Hip-Hop. Blöd nur für Blanco Brown, dass dann irgendwie jeder dachte, er springe auf den Lil-Nas-Express auf.  

Dabei war Brown eigentlich zuerst da

Vielleicht ist deswegen das einzige Thema auf der Tabuliste bei ihm "Lil Nas X" – Fragen zum Kollegen blockt er ab. Er sei ihm zwar dankbar, dass er den Weg für diversere Stile bereitet habe, aber eigentlich gehe er musikalisch ja doch in eine etwas andere Richtung. Das ist das einzige, was er dazu zu sagen hat. 

Seit 2007 arbeitet Brown an seinem eigenen Sound, weil für ihn diese Musikwelten, Rap, Country und Soul eben gar nicht soweit auseinanderliegen. Genregrenzen? Existieren für ihn nicht. Schon als Teenager liebte er Country-Legende Johnny Cash genauso sehr wie Outkast. Über diese Faszination wird er mir später noch mehr erzählen.

Dass Blanco Brown so mühelos zwischen den Genres hin- und herspringen kann, liegt vielleicht auch an seiner langjährigen Erfahrung als Produzent im Hintergrund. Er hat mit Popstars wie Pitbull, Fergie, Childish Gambino und Chris Brown zusammengearbeitet. Für seine Produzentenarbeit wurde er bereits für mehrere Grammys nominiert. Er liebt es, Samples und Melodien auszuprobieren, zusammenzufügen. Bisher aber immer eher für andere Künstler.  

Nun erscheint sein erstes eigenes Album. "Honeysuckle & Lightning Bugs" heißt es, und der Titel klingt nach Huckleberry Finn meets Arreested Development, die 1992 mit dem Song "Tennessee" einen Grammy gewinnen konnten. 

All das habe ich zur Vorbereitung über Blanco Brown lesen können, aber richtig viel über ihn konnte man – außer seinen Werdegang – nicht lesen. Dabei strotzen die Lyrics auf seinem Album nur so vor scheinbar persönlichen Anekdoten, dem Hin und Her zwischen dem toughen Citylife im pulsierenden Atlanta und dem Kontrastreichen, ruhigen Landleben bei seiner Großmutter in Butler, draußen, irgendwo in Georgia. Wenn er in Interviews auftritt, redet er meistens über die technische Seiten seiner Musik. Er ist eben Produzent mit Leib und Seele.  

Als Blanco Brown nach 25 Minuten dann doch gemütlich durch die Lobby schlürft, wirkt er tiefenentspannt. Er entschuldigt sich, er habe gestern noch zu lange auf dem Ku'damm nach Sneakers geschaut. In ein paar Minuten muss er auch weiter, er wird auf dem Reeperbahn Festival eine Masterclass zum Thema Musik und TikTok abhalten. Er ist eben gefragt.  

Mir fallen seine vielen Ringe auf, an jedem Knöchel mindestens einer, an den meisten eher drei. Er wirkt wie ein zahmer Knuddelbär mit einem Faible für Bling-Bling-Schmuck. Seine Ringe ließe er nie aus den Augen, sagt er mit breitem Südstaaten-Slang und zwinkert mir zu. Okay, ich habe 15 Minuten, um doch noch etwas über die Person hinter dem "Trailer-Trap" herauszufinden.   

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"Am Ende sind wir doch alle gleich": Lest hier das NOIZZ-Interview mit Blanco Brown 

NOIZZ: Was glaubst du, wie passen Country und Genres wie Rap und R'n'B zusammen? 

Blanco Brown: Sie teilen ungemein viel! Es gibt so viele Melodien da draußen. Man hört genauso Soul-Melodien in einem Country-Stück, wie Country-Melodien in R'n'B. Country zum Beispiel beinhaltet viele Kicks – nicht unbedingt Synths aus dem 808, aber von der Grundstruktur ähnelt er Rap und R'n'B extrem. Das hört man einfach. Sie sind vom Rhythmus getragen. Sie gehen nur anders damit um. In Country-Songs geht es mehr ums Storytelling. Bei R'n'B geht es eher um die Erfahrung, er ist körperbetonter. Es ist also gar nicht so ungewöhnlich, beides zusammenzubringen. Das sind eher Barrieren im Kopf, die einem das verbieten oder es als unpassend erscheinen lassen.  

Auch, weil wir Vorurteile haben? 

Blanco Brown: Weißt du, es gibt für alles seinen Platz und alles ist auch irgendwie miteinander verbunden. Aber alles bewegt sich mehr aufeinander zu. Am Ende sind wir doch alle gleich. Es gibt so viele Weiße, die sich Rap anhören, genauso People of Colour, die Country mögen. Rapper wie Drake und Migos haben einen großen Anteil daran. Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was das Radio spielt, und wie die privaten Playlisten von jedem einzelnen aussehen – die sind riesig und viel vielfältiger als jedes Radioprogramm! Da gibt es keine Kategorien, keine Grenzen.  

Glaubst du, das hat auch was mit Spotify und Co. zu tun?  

Blanco Brown: Ich höre mich schon immer alles an, es muss mir nur gefallen. Aber ich glaube, dass es für viele den Horizont erweitert hat. In der Musik gibt es keine Hautfarbe – es ist nur der eigene Geschmack. Musik ist Musik. Wenn du Musik liebst, gibt es keine Grenzen. Ich höre genauso Country wie ich Jazz und R'n'B höre. Am liebsten mixe ich sie aber! 

Womit wir beim nächsten Thema wären: Du hast als Produzent schon mit allem, was Rang und Namen hat, zusammengearbeitet. Findest du es nicht seltsam, jetzt selbst im Mittelpunkt zu stehen? 

Blanco Brown: Zuerst habe ich nicht wirklich gemerkt, dass sich was verändert hat. Aber nach und nach merke ich, dass ich selber mehr aus mir raus gehe. Eigentlich mache ich ja noch immer das, was ich vorher gemacht habe: Ich gehe ins Studio und produziere. Ich hab auch da schon meine Songs performt, auch wenn sie für jemand anderen waren. Wenn ich sie gemixt habe, habe ich dazu gesungen und performt, es hat sich nie fremd angefühlt. Darauf haben mich die Leute sogar angesprochen, dass es immer so aussehen würde, als ob ich auf der Bühne stehe. Jetzt ist es einfach ein wahrer Segen, dass ich wirklich auf der Bühne stehe und andere Menschen glücklich machen kann.  

Glaubst du, das liegt auch an deinen Texten? 

Blanco Brown: Ich mag es einfach, positiv zu sein. Ich will Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. So wie bei "The Git Up". Normalerweise denkt man: Die Leute wollen Songs über Codein, über viel Geld, Luxus ... Das ist das, was sich verkauft. Aber ich will genau das Gegenteil erreichen – und die Leute mögen es.  

Findest du es nicht etwas seltsam, dass gerade jetzt Menschen offener für so einen Genre-Mix sind?  

Blanco Brown: Na ja, es gab schon immer Künstler, die gemacht haben, was sie wollten. Genregrenzen waren ihnen egal. Allerdings gab es einen Moment, wo es mir krass aufgefallen ist, dass alles ein bisschen diverser geworden ist. Ich war auf einem Konzert vom Country-Künstler Tim McGraw. Auf dem Parkplatz vor der Konzerthalle lief die ganze Zeit Rap. Ich glaube, das wäre früher nicht so gewesen. Aber es ist so cool, dass sich auch was nach außen ändert. Wenn wir ehrlich sind, dann hört doch nie jemand nur das eine.  

Ich hab gelesen, dass du ein großer Fan von Johnny Cash und Outkast bist – scheint auf dem ersten Blick eine nicht typische Mischung zu sein … 

Blanco Brown: Wie ich schon sagte: Das liegt alles viel näher, als man denkt. Johnny Cash ist einfach einmalig. Wie er nach vorne prescht, sich alles von der Seele singt. Das war wie eine Offenbarung für mich. Es war so bold wie Rap, aber in Country verpackt. "Ring of Fire" war genauso. Und Outkast waren nie nur Rap, sie waren für mich schon immer alles. Leute haben es immer nur als Rap kategorisiert, dabei hatte es alles in sich: Pop, Soul, Rap und sogar Folk.  

Auf deinem Album haben viele Songs auch eine Art spirituellen Charakter, sie klingen ein bisschen nach Gospel. Würdest du dich als religiös bezeichnen? 

Blanco Brown: Klar! Ich bin in einem sehr religiösen Umfeld groß geworden. Ich bin jeden Sonntag und Mittwoch in die Kirche gegangen, da konnte ich mich nicht drücken. Aber es hat mir auch sehr viel mitgegeben: Liebe, Respekt, Soul. Ich hab’ dort immer viele Leute getroffen, wir konnten singen, und das hat mich glücklich gemacht. Manchmal saß ich einfach so da und hab schon in meinem Kopf neue Songs zusammengestellt. All das, was ich jetzt eben auch in meine Musik packe. Vielleicht klingt sie deswegen so.  

Auf deinem Album erzählst du viel vom Kontrast zwischen dem Leben in Atlanta und dem ruhigen Landleben bei deiner Großtante. Wie sehr haben dich diese zwei Seiten beeinflusst? 

Blanco Brown: Sehr! Ich wusste beides dadurch viel besser zu schätzen. Es war wie eine Art Refugium, jedes auf seine Art und Weise. Deswegen nenne ich meine Musik auch "Trailer-Trap". Es ist ein Wort, eine Einheit. Das Stadtleben hat mir die Ecken und Kanten gegeben, das Landleben, das Sanfte. Das hörst du in jedem einzelnen Song, in jeder Zeile. Mir gefällt es, das alles visuell zu erzählen.  

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Hier kannst du Blanco Browns Album "Honeysuckle & Lightning Bugs" in voller Länge hören: 

Quelle: Noizz.de