Die Sängerin ist die jüngste Künstlerin, die je einen "Bond"-Song sang – manch einer scheint damit ein Problem zu haben.

Wenn ich Interviews, News oder Reviews über Billie Eilish lese, gibt es genau drei Arten: Die einen konzentrieren sich auf ihre Musik, ihr unbestreitbares Talent – thematisieren, dass da vielleicht noch Luft nach oben ist. Dann gibt es natürlich die Die-hard-Fans, die niemals ein böses Wort über Billie fallen lassen würden. Sie sind ein Teil des Phänomens und ihres Erfolges.

Und dann gibt es eben auch noch solche, die irgendwie nicht damit klar kommen, dass Billie Eilish das Pop-Business wie keine andere beherrscht und alteingesessene Mechanismen außer Kraft setzte. Sei es mir der Art und Weise, wie sie ihre Musik mit ihrem Bruder Finneas komponiert, wie sie sich in der Öffentlichkeit gibt und über was sie redet. Weil eben diese sich daraus keinen Reim machen können, suchen sie nach einem Grund dafür, dass das Ganze eigentlich zu schön ist, um wahr zu sein. Zum Beispiel Billie Eilishs zartes Alter von gerade einmal 18 Jahren.

Man könnte jetzt sagen: Klarer Fall von "Ok, Boomer"

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Aber ganz so einfach ist es dann leider doch nicht. Die Sache mit Billie Eilish und ihrem Alter, ihrem Talent, ihrer Rolle als jungen Frau im Pop-Business ist viel komplizierter und sagt eine Menge über unsere Gesellschaft aus. Immer wieder reiben sich Menschen an ihrem unkonventionellen Image oder aber alleine an der Tatsache, dass sie etwas anders ist, als das normale Popsternchen.

Dann liest man Formulierungen wie "Neues Bond-Song-Girl Billie Eilish: Schon mit 18 im Popcornkino-Olymp" oder "Pop-Darling". Und wenn ich ehrlich bin, lesen sich die Texte mit solchen Formulierungen etwas starr, so als hätten die Autoren keinen wirklichen Draht zu ihrer Musik – oder würden sich weigern wollen, sich darauf einzulassen. Bond-Song-Girl? Was soll das sein? Billie Eilish ist kein "Girl", sie ist eine junge, selbstbewusste Frau.

Wir wissen alle, dass auch Billie ein eigentümliches Verhältnis zum Alter hat – so sagte sie einmal in einem Interview mit dem renommierten "Rolling Stone", sie könne sich niemals vorstellen, 27 zu werden. In mehreren Gesprächen gab sie zu, bereits suizidale Gedanken zu haben und dachte, niemals 17 zu werden – und das ist wohl auch der Grund, wieso ich mich selbst schon einmal zu einem Feature à la "Ist Billie Eilish die Kurt Cobain der Generation Z?" habe hinreißen lassen. Solche Vergleiche sind, so lange sie fundiert sind und sich nicht nur um eine Tatsache drehen, meiner Meinung nach, aber durchaus zulässig und nichts Neues.

In unserem popkulturellen Gedächtnis suchen wir uns eben gerne Ankerpunkte und vergleichen mit dem, was wir kennen. Das macht die Sache leichter, vor allem in Zeiten wo Musik immer diffuser wird und sich weniger eindeutig einem festen Genre zuordnen lässt. Das Ding bei Billie Eilish ist nur:

Sie sprengt so ziemlich jede Dimension, die wir bisher von einem Popstar kennen

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Das irritiert. Und folgt dann in einer eigenartigen Ausprägung zu einer absurden Art von Ageism, vor allem von Menschen, die, sagen wir es ganz ohne Vorurteile, etwas älter sind. Billie ist radikal in ihren Aussagen, redet offen über Tabus, wie zum Beispiel psychische Erkrankungen im Jugendalter – und eckt damit an. Manchmal sind ihre Aussagen naiv, aber damn, wir waren alle mal jung und dementsprechend noch unerfahren.

So ließ sie sich in einem Gespräch mit dem britischen "NME" selbst einmal zu einer Aussage über die Vorurteile, die viele Menschen aufgrund ihres jungen Alters haben, hinreißen: "Wenn ältere Leute sagen: 'Was weißt du über Dinge wie Liebe?', dann weiß ich wohl mehr darüber als sie, weil ich es gerade zum ersten Mal fühle – während sie das seit langer Zeit nicht mehr gefühlt haben." Japp, da fühlte sich der ein oder andere wohl auch ertappt.

Niemand lässt sich sein Alter gerne unter die Nase reiben. Jungsein hat die Magie des Anfangs, der ersten Male. Das ist sexy und macht gerade Billie Eilishs Musik so speziell. Weil sie es besser versteht als viele anderen, dieses Gefühl einzufangen. Mit Beats, die etwas neben der Spur sind, Rhythmen, die sich überlappen oder eigentlich gar nicht zusammen passen. In dem gleichen Text vom "NME" formuliert sie das dann so: "Das heißt nicht, dass es weniger mächtig ist, aber es ist definitiv ein anderes Gefühl. Sie sind es gewohnt, zu lieben, Herzen zu brechen, Schmerz zuzufügen und einfach nur sterben zu wollen, aber für eine jüngere Person ist das alles neu und es ist erschreckend."

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Jedoch steht auch fest: Billie Eilish ist in vielen ihrer Aussagen durchaus reifer als andere Altergenossen. Gerade das macht sie auch so unglaublich populär bei ihren Fans. Auf der anderen Seite passt das für die ältere Genreration nicht ins gängige Muster einer Jugend, die ja eigentlich noch grün hinter den Ohren ist und keinen Plan hat. Eilish ist eine Künstlerin, die alles selber macht: Ihre Songs, ihre Melodien, ihre Show, das Auftreten – für das Musikvideo zu ihrer Single "everything i wanted" führte sie sogar selbst Regie. Das jemand in so jungen Alter alles alleine macht, halten viele auch für unglaubwürdig.

Allerdings lassen die meisten dabei außer Acht, dass Billie Eilish einen riesigen Rückhalt in ihrer Familie hat. Nicht nur ihr Bruder und Kreativpartner Finneas unterstützt sie, auch ihre Eltern stehen ihr bei allem zur Seite. Davon kann man sich übrigens ein ganz schönes eigenes Bild machen bei ihrem Gastauftritt in James Cordens "Carpool Karaoke". Der mutiert nämlich am Ende eher zu einer Art Homestory:

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Der Gipfel davon ist bisher wohl die eigentlich völlig unnötige Debatte darüber, ob Billie der Herausforderung eines "Bond"-Songs gewachsen ist. Klar ist es krass, dass sie jetzt bereits zu Beginn ihrer Karriere den Soundtrack zu einem der ikonischsten Filmreihen ever machen darf. Bis dato war das eher etablierten Weltstars vorbehalten. Die waren zugegebenermaßen auch älter als Billie.

Aber tut das tatsächlich etwas zur Sache?

Vielmehr ist es ein Ausdruck, wie innovativ und bestimmend ihr Sound ist. Billie Eilish unterschwellig zu unterstellen, sie sei zu jung für einen "James Bond"-Song, spricht ihr automatisch ihr musikalisches Können, ihr Talent ab. Und nimmt sie auch nicht wirklich ernst als Künstlerin.

Vielmehr liegt auch die Frage in der Luft, ob das Alter eines Newcomers derart thematisiert werden würde, falls es sich nicht um eine Frau handeln würde. Ja, ich weiß. Es ist ätzend, überall Genderfragen mit ins Boot zu holen. Aber leider tickt unsere Gesellschaft noch so. Auch wenn Menschen wie eben Billie Eilish gerade kräftig dabei sind, damit Schluss zu machen.

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Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass die Vorbehalte gegen Billie Eilish ähnlicher Natur sind, wie etwa bei Greta Thunberg. Und dass sie ganz vielleicht nur nicht so krass ausfallen, weil die Kunst dann eben doch ein irgendwie unverfänglicheres Feld ist, als die Politikbühne und ihre wirtschaftlichen Zwänge. Oder man es da zumindest besser kaschieren kann. Andererseits ist es schon ein krasses Zeichen, wenn sich eine Newcomerin, aktiv entscheidet und gezwungen fühlt, nur im Utility-Style rumzulaufen – weil sie sich ansonsten zu sehr sexualisiert und objektiviert fühlen würde.

Leider hat sie damit sogar Recht. Denn sobald sie irgendwann mal ein etwas figurbetonteres Outfit trug, durfte sich Eilish anhören, sie sei schon etwas dicklich oder aber dass sie krasse Kurven habe. Will man sich sowas anhören müssen? Eigentlich nicht. "Ich habe viel mit Künstlerinnen darüber gesprochen, denn sonst denkt man wahrscheinlich nicht darüber nach", sagte sie im Gespräch mit dem "NME". "Wenn ich ein Typ wäre und diese Baggy-Klamotten tragen würde, würde es niemanden kümmern. Es gibt Leute da draußen, die sagen: 'Zieh dich einmal wie ein Mädchen an! Zieh dich eng an, du wärst viel hübscher und deine Karriere wäre so viel besser!'"

Clash der Generationen

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Die Diskussion um Billie Eilish offenbart im Endeffekt vor allem den Unterschied zwischen zwei Generationen – und dass der vielleicht krasser ist, als wir zugeben wollen. Lange Zeit war es schließlich auch so, dass sich die Jugend in ihren Meinungen einfach zurückgehalten hat. Es schickte sich nicht, sich mit dem Status Quo und den Älteren anzulegen.

Dank Meinungsaustausch im Internet hat sich daran allerdings einiges geändert. Die junge Generation traut sich offen, ihre Meinung kundzutun. Eine ungewohnte Situation mit der wir, also als gesellschaftliches Ganzes, lernen müssen, umzugehen. Wieso es manchen Menschen so schwerfällt, einfach anzuerkennen, wenn jemand gut indem ist, was er macht, egal welches Alter oder Geschlecht er oder sie hat, bleibt mir ein Rätsel.

Mein Gewissen ist allerdings dadurch beruhigt, dass ich weiß, dass Billie wirklich keinen Shit auf die Meinung anderer gibt. Das kann man als Ignoranz werten oder aber als eine gewisse Art von Selbstschutz.

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  • Quelle:
  • Noizz.de