Ich zitiere an dieser Stelle Lizzo: "Just big enough for my fucks to give.”

Nicht erst seit Taylor Swift wissen wir, dass die Musikindustrie seltsam geworden ist. Früher war alles ganz einfach. Der Gang auf dem Roten Teppich diente ganz alleine dem Zweck, die krassen Kreationen der Designerinnen und Designer dieser Welt zur Schau zu stellen. Je größer der Name, desto teurer und aufwendiger die Robe, desto mehr war auch der Star wert.

Schauen wir zum Beispiel hier, dieses atemberaubende Kult-Versace-Kleid, das Jennifer Lopez bei den Grammys im Jahr 2000 getragen hat:

Jennifer Lopez und P. Diddy bei den Grammys 2000

Gut, der Rote Teppich, war da zwar blau – aber das tut nichts zur Sache. In den kurzen Stelldichein-Interviews am Rande des Schaulaufens gab es ein bisschen Smalltalk, dann wurden am Ende die Stars nach ihren Outfits befragt. Sie nannten brav den Namen ihres Designers, das Label, woher ihr Schmuck und die Schuhe kam, alles, was man eben so erwähnen musste.

Fertig war die Aufmerksamkeit-garantierte Werbung, bei der man nur ein einigermaßen bekanntes Gesicht einkleiden musste. Daraus hat sich über Jahrzehnte ein Mega-Game entwickelt. Es gibt Verträge, Millionen-Deals, wer was an welchem Abend trägt, darum gibt es echte Battles.

Wie viele sich wohl um Billie Eilishs Outfit bei den American Music Awards (AMA), die Ende November vergeben wurden, gestritten haben?

Womit wir auch schon die perfekte Überleitung geschaffen hätten. Billie ist eigentlich – glaube ich – ziemlich egal, was sie trägt, wenn sie zu den AMAs geht. Sie zieht an, was ihr gefällt, eigentlich. Aber wir wissen auch: Du bist dann irgendwie doch, was du trägst. Mode hat Macht, denn sie kann weit mehr ausdrücken, als das jemand schick oder cool aussieht.

Als Julia Roberts bei den Golden Globes etwa 1990 in einem weiten Hosenanzug von Armani aufkreuzte, war das nicht nur ein cooler Look – es war auch ein Bossmove. Frauen tragen auf dem Roten Teppich Kleider. Punkt. So gehört sich das. Als Schauspielerin im Hosenanzug bei einem der wichtigsten Filmpreise demonstrierte Roberts, dass auch sie die Hosen an hat. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Was das jetzt mit Billie Eilish zu tun haben soll? Wir waren bei der Sache mit Mode und Macht. Mode kann ein mächtiges Statement setzen und mit Konventionen brechen. Dessen ist sich Billie Eilish mehr als bewusst, Ihr Baggy-Look ist nicht nur ein Zeichen individuellen Stils, es ist für sie auch ein Schutz, sich nicht von der Gesellschaft vorverurteilt zu fühlen, weil sie nicht irgendwelchen Beauty-Standards entspricht.

Bei den AMAs ging Billie sogar noch einen Schritt weiter. Sie wusste, die ganze Welt ihren ersten Auftritt bei einer großen Awardshow verfolgen würde, weil sie der momentan angesagteste Star des Popuniversums ist: Also nutzte sie den Roten Teppich nicht nur als Laufsteg. Sie nutzte die Macht der Mode, um ein politisches Statement zu setzen.

"No Music On A Dead Planet" prangerte da in roten Glitzerbuchstaben auf ihrem schwarzen Flammen-T-Shirt. Ein klares Zeichen für die Klimabewegung, die Billie seit jeher unterstützt. Es war zugleich der Slogan des Bündnisses "Music Declares Emergency", in der sich verschiedene Künstlerinnen und Künstler zusammengetan haben, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Die 17-Jährige ist nicht die einzige, die das Schaulaufen auf dem Roten Teppich nutzt, um ein aktivistisches Zeichen zu setzen.

Immer mehr Künstler nutzen mittlerweile diese Möglichkeit.

So etwa auch Sängerin und Rapperin Lizzo, ebenfalls bei den AMAs. Ihre minikleine XXS-Valentino-Tasche, die auch gut hätte ein Schlüsselanhänger sein können, sorgte nicht nur für unzählige Memes im Nachhinein der Veranstaltung, sondern war Gesprächsstoff Nummer eins. Jeder fragte sich, wieso zum Teufel trägt sie diese unnütze kleine Tasche?

Die Journalisten-Riege am Roten Teppich tat ihr den Gefallen, sie sogar direkt danach zu fragen, was denn dadrin Platz hatte. Sie antwortete: "Just big enough for my fucks to give." Dass Lizzo ausgerechnet die Handtasche für ihr Statement auswählte, hat auch eine feministische Botschaft. Traditionell ist die Clutch am Roten Teppich dazu da, das Make-up und Co. zum zwischendurch Aufhübschen zu beherbergen. Aber warum denn eigentlich? Männer haben doch auch keine Pomenade in der Hosentasche am Roten Teppich dabei. Lizzos zu kleine Tasche zeigte also auch: Ich mach bei eurem Scheiß nicht mit.

Country-Sängerin Jennifer Nettles nutzte die diesjährigen Country Music Awards, die Mitte November in der Country-Hochburg Nashville vergeben wurden, für ein Anliegen, das ihr besonders am Herzen lag – und von dem sie persönlich betroffen ist. Wer bei Countrymusik nur an Cowboys, Friede, Freude, Eierkuchen denkt, hat etwas Entscheidendes übersehen. Das Genre ist extrem chauvinistisch. Es nimmt sich nicht viel mit Hip-Hop. Männer sind die starken Dudes mit der Gitarre und stellen den Macker, Frauen sind brav, lieb und wollen gerettet werden.

Hinzu kommt, dass die Musik von weiblichen Country-Acts deutlich weniger oft im Radio gespielt wird als die ihrer männlichen Kollegen. Genau auf diese Ungerechtigkeit wollte Jennifer Nettles aufmerksam machen. Eben auf dem Roten Teppich. Zu ihrem schlichten weißen Hosenanzug trug sie eine pinke Stola, die sie für die Fotografen aufspannte. Darauf zu lesen: "Play Our F----n Records Please & Thank You." und auf der Rückseite "EQUAL PLAY".

When I found out that the CMA’s were celebrating women artists this year, I saw a wonderful opportunity to invite and inspire conversation about country music’s need to play more women artists on radio and playlistings. (Some of you big country fans may have heard of this problem over the past few years. 16% of the top 500 songs over the last 4 years (2014-2018) were women. 16% of the top 500!!!!! 16%!!!!) This is unacceptable.) What better and more womanly way to invite such conversation than with fashion that sends a message?! I knew I had to collaborate with artists who were strong supporters of equality across all platforms. @csiriano is an advocate and activist for equality across all lines and his work is always inclusive. He is an absolute ally. @am_nyc is an amazing NY Artist whose work celebrates women and who knows first hand the challenges of equality within the art space. The piece that they created for me is a beautiful celebration of women in country music as well as a call to action within the industry at large. I am honored to get to be here at the @cma celebrating other women in country music. We need the celebration and support of women to move into country radio and country play listing. We want our songs to be played and our stories to be heard.The more our songs are played, the more women get to hear their own stories, challenges and triumphs reflected. GlamFam: H&M @ashleydonovan Styling @hayley_atkin_ Jewels @davidyurman Special thanks @lauracitron for guiding my train

Noch politischer wurde es bei den diesjährigen Latin Grammys, die bereits Anfang November stattfanden. Die gebürtige Chilenin Mon Laferte mit Wahlheimat Mexiko kam eigentlich ziemlich normal zum Empfang vor der Veranstaltung: Sie trug ein schwarzes Mantelkleid mit schwarzen Strumpfhose, dazu ein grünes Halstuch.

Als die Fotografen ihren Look ablichten wollten, öffnete sie den Mantel und im Femen-Style sah man auf ihren Brüstenden Schriftzug stehen: "In Chile, wird gefoltert, vergewaltigt und getötet" und wies damit vor der versammelten Latino-Community auf die Situation in ihrem Heimatland hin. Nackte Brüste ziehen halt, um eine politische Botschaft in die Weltöffentlichkeit zu tragen.

Die Zeiten, in denen der Rote Teppich nur ein hübsches Schaulaufen war, sind also endgültig vorbei. Gut für uns. Fragt sich nur, ob sich das die Designer und Luxusmarken irgendwann auch zu Eigen machen werden.

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Quelle: Noizz.de