Bunt, kitschig, großartig!

Dislikes, Hate-Kommentare und unzählige Parodien: Bianca Heinicke wird für ihr musikalisches Debüt „How It Is (Wap Bap)“ hart rangenommen. Zu unrecht!

Denn mal im Ernst: Das Lied ist auch nicht schlimmer als die Songs von Adele und Ed Sheeran – und die werden mit Grammys zugeschüttet.

„How It Is“ ist ein klassischer Popsong, nicht nur melodisch. Der zugegebenermaßen sehr triviale Text handelt von typischen Teenie-Problemen: einer Trennung und dem Umgang damit.

Für Bibi ist das hedonistische „Wap-Bap“ der Ausweg aus dieser Krise – ein klassisches Pop-Thema also.

Ebenso das Video: bunt, kitschig, großartig!

Bibi liegt nackt auf einem Bett rum (erinnert an Katy Perrys „California Gurls“), hüpft in wechselnden Outfits zwischen Luftballons umher und liest in einem brennenden Buch (klar, das steht für ihren Verflossenen, für alte Geschichten und schmerzhafte Erinnerungen).

Die Aussage ist nicht besonders tiefgründig, schon gar nicht meta. Aber: Muss sie das denn immer sein?

Warum darf Anne-Marie in Pseudo-Spanisch über eine verkorkste Affäre singen und Ed Sheeran über eine verdammte Burg, aber Bibi nicht darüber, dass ihre Kreditkarte gesperrt wurde und sie ihre geliebte Katze abgeben muss?

Die erfolgreichsten Songs der Populärkultur sind seit den Beatles und Buddy Holly die einfachen, banalen, weil sie nun mal viele Menschen ansprechen.

Hach, Luftballons ... Foto: Bibisbeautypalace / YouTube

Okay, mit dem Sprechen ist das bei Bibi so eine Sache, ihr holpriges Englisch hört sich an manchen Stellen wirklich äußerst peinlich an. Das hat euch bei Lena aber auch nicht gestört, als ihr sie zur ESC-Siegerin gevotet habt, liebe Hater.

Als waschechter Popsong trieft auch „How It Is“ nur so vor Klischees: Natürlich hat Bibi ein Blümchenkleid an. Natürlich läuft sie durch eine schummerige Villa und entstaubt Möbel (kennen wir aus Adeles „Hello“-Video).

Auch muss die YouTube-Queen eine Vase zertrümmern (dank „Boomerang“-Effekt sogar zweimal!), um ihren Schmerz auszudrücken. Und dann gibt’s das dramatische Happy End mit ganz vielen pinken Seifenblasen:

Sie klettert in die lila Wolken und singt mit Zahnpasta-Lächeln davon, dass sie sich neu verliebt hat. Super cheesy! Aber: That’s just how it is.

An manchen Stellen lässt Bibi sogar leichte Ironie durchblicken (und ich meine nicht ihr transparentes Netzoberteil). Sie konterkariert den Kitsch mit allerhand unkonventioneller Details: Sie badet in pechschwarzen Plastikbällen und läuft durch eine Fotografie an der Wand.

Ein Bällebad! Fast wie bei Ikea, nur in ... äh ... Schwarz? Foto: Bibisbeautypalace / YouTube

Größter WTF-Moment: Als sie im Liegestuhl unter einem Sonnenschirm neben ihrem Kamin liegt, in dem Fische schwimmen.

Ist Bibis Song also eine Persiflage auf die Oberflächlichkeit der Postmoderne?

Na ja, soweit würde ich nicht gehen, aber sie scheint genau zu wissen, dass das, was sie da tut, keine Hochkultur ist. Im Gegensatz zu Popstars wie Selena Gomez, die sich wahnsinnig ernst nehmen.

Für viele ist der größte Affront jedoch der Refrain. Also das „Wap-bap, ba-da-di-da-da“. Profan, keine Frage. Aber warum feiern alle die Oh-ah-oh-ah-oh-ah-oh-oh-Chöre von Mark Forster und regen sich über das Wap-Bap auf?

Bibi im Zuckerwatte-Himmel Foto: Bibisbeautypalace / YouTube

Sinnlos, aber eingängig, sing- und tanzbar – ein Refrain eben. Einer mit Ohrwurmpotential. Bei „Lemon Tree“ haben wir doch damals auch alle mitge-dab-t.

Ich sage nicht, dass Bibis Song genial ist. Ich würde ihn mir nicht kaufen. Nicht proaktiv anhören. Aber ich würde auch nicht wegschalten, wenn er im Radio liefe.

Es ist Mainstream-Pop, nicht mehr, nicht weniger. Von einer YouTuberin, keiner ausgebildeten Sängerin. Von jemandem, der hauptberuflich Pflegeprodukte in die Kamera hält, erwarte ich keine musikalische Sensation.

Die Reaktionen auf den Song sind lächerlich überzogen und bisweilen ungerecht.

Also bleibt mal locker und lasst Bibi in Ruhe!

Quelle: Noizz.de