Ein Gespräch über therapeutische Songs und kompromisslose Londoner.

Spätestens seit seiner „Colors“-Session in Berlin – einer Acoustic-Version seines Songs „Penelope“ – hat der Soul- und R&B-Künstler Col3trane auch außerhalb Großbritanniens seine schockverliebte Fan-Base. In den Kommentaren schwärmen die Leute von dem erst 18-jährigen Rapper: „Seine Stimme klingt, wie ein Zimt-Smoothie schmeckt“, oder: „Er hört sich an wie das Wunschkind von Frank Ocean und Chance The Rapper. Ich liebe es!“

Im Musikbusiness schlägt der schöne Brite mit der smoothen Stimme auch seine Wellen: Pop-Sängerin Dua Lipa schwärmt über seine Songs, schlägt ihm schon öffentlich eine Collabo vor – und nahm ihn mit auf Tour.

Das DJ-Duo Disclosure folgt ihm auf Instagram, Lana del Rey feiert mit ihm. YouTube setzt ihn gleich mit Childish Gambino und Mahalia.

Auf dem Markt der Star-Spekulationen wird Col3trane bereits als der nächste Drake gedealt

Grund genug für NOIZZ, den Nachwuchskünstler aus UK mal vorzustellen – und über Vergleiche mit Drake, die Nacht, die alles veränderte und die heiße Londoner Musikszene zu sprechen.

Wir treffen Cole am Tag seines Berlin-Konzerts in der Kantine am Berghain neben dem berüchtigten Berliner Techno-Club. Der Schuppen wirkt tagsüber gänzlich unspektakulär, genau wie unser Gesprächspartner, der mit Kapuze auf dem Kopf und leiser Stimme spricht – schüchtern, vorsichtig.

In den meisten Bars und Clubs in England kommt man erst ab 21 Jahren. Seinen Status nutzen, um an der langen Schlange im Berghain, am taffen Türsteher vorbeizukommen? Nicht sein Stil. Cole lacht, schüttelt sich, gestikuliert abwehrend, als er sagt: „Ich habe zu viele verrückte Sachen übers Berghain gehört. Das bin nicht ich. Ich bin gerne für mich, behalte meine Klamotten an, meine Hände bei mir, in meinen Hosentaschen, habe meine Kapuze auf. Einfach chillen.“ Kein Spur von Geprotze.

British Charme: Geboren in Birmingham, aufgewachsen in London, amerikanische und ägyptische Wurzeln

In London, wo Col3trane aufwächst, wächst auch die Aufmerksamkeit für seine Musik, seine Person. „In Großbritannien erkennen mich tatsächlich schon Leute, quatschen mich an, loben meine Musik, aber ey, ich liebe das. Das ist mein Traum, Mann. Immer gewesen.“

Ein Mix aus Underdog und Überflieger

Er habe aber keine Angst vor mehr Aufmerksamkeit. Im Gegenteil: „Jetzt bin ich hier, Kopf hoch, sage: „Jo, Leute, da bin ich. Macht euch bereit. 2018 war nur der Anfang. 2019 heb ich ab. Weltherrschaft“, sagt er mit der Schlaufe seines Hoodies im Mundwinkel, schiebt ein verschmitzes Lächeln hinterher.

Die Zeichen stehen Sturm: 7 Millionen Streams hat seine Single „Penelope“ auf Spotify – stolzes Nümmerchen für einen Newcomer. Er reagiert cool: „Ich möchte nicht arrogant klingen, aber ich versuche nie, ein- und dasselbe zu schreiben und zu singen, nur weil es eben gerade funktioniert hat.“

Aber wie klingt Cole Bastas Stimme, was macht seinen Sound aus?

Für diejenigen, die Col3trane noch nicht auf dem Radar hatten, ein kurzer Versuch der Erklärung seines Erfolgs: Tracks wie „Penelope“ klingen wie verschiedene Lieder, so vielschichtig sind die Rhythmen, mit denen er spielt – hörbar ab Minute 2:43 in dem 4:39 langen Song.

Er lockert düstere Töne mit sphärisch-leichten Beats auf, er switcht mühelos vom melodisch-melancholischen Sprechgesang zu klaren Rap-Versen. Er hat seinen Sound noch nicht gefunden: „Ich experimentiere die ganze Zeit mit neuen Sounds, neuen Stilen, neuen Konzepten, neuen Ideen.“

Und der Londoner powert durch: Gleich zwei Mixtapes (Tsarina, BOOT) hat Col3trane 2018 veröffentlicht.

Das Gefühl, seine Musik endlich vor Menschen zu performen, treibe ihn an: „Jetzt sind da auch Fans, ich habe wirklich Fans, die mir sagen, dass ihnen meine Musik hilft, sie inspiriert, dass sie meine Musik feiern, das ist verrückt. Das ist meine Motivation.“

Er weiß, warum die Leute sich wieder nach Musik wie seiner sehnen, und warum er sich selbst so darin wohlfühlt: „R&B sorgt dafür, dass ich mich geschmeidig fühle wie Kakaobutter, lässig, einfach gut. Soul fühlst du einfach, im ganzen Körper, alleine wenn ich darüber rede, spüre ich das.“

Und Col3trane hat sich ein hohes Ziel gesetzt – seit den Neunzigern hat es R&B nicht mehr so richtig ins Radio geschafft. Challenge accepted: „Genau das will ich erreichen, auf diesen Weg will ich R&B bringen, zurück zu den Usher-Vibes. R&B aus den frühen 2000ern ist mein Favorit.“

Er gibt an dieser Stelle props an Marvin Gaye, R. Kelly, NAS, D'Angelo, aber auch Ella Mai und Jorja Smith, aktuell ebenfalls aufstrebende R&B-Sängerinnen aus England. „Sie killen gerade das Game.“

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Besonders London wird zum Big Player. Und Cole will das Spiel mitspielen. „Londoner sind kompromisslos, machen was sie wollen. Ich mache auch, wonach mir ist. London liegt gerade im Trend, weil die Leute dort Musik machen, die echt ist, die sie wirklich fühlen und das trifft gerade voll den Nerv. Die Leute stehen gerade auf Musik aus UK, das macht es Newcomern momentan definitiv leichter als noch vor zehn Jahren.“

Col3trane selbst wird immer wieder mit Drake verglichen

Darauf angesprochen, schießt es erst einmal schnell aus ihm raus: „Ich bin nicht wütend, dass wir verglichen werden. Es inspiriert mich, dass jemand an eine Größe wie Drake denkt, wenn er meine Musik hört. Dann muss ich ja irgendwas richtig machen.“

Aber?

Aber ich bin eben nicht Drake. Er ist großartig, einer der Größten seiner Zeit, aber ich bin ich, ich bin anders.“ Als Newcomer sei das natürlich normal. Cole gesteht: „Ich mache das ja auch, vergleiche Künstler, die ich nicht kenne, mit anderen. Ich glaube, dadurch fühlen wir uns als Zuhörer wohler, weil wir dann denken, wir verstehen diesen Newcomer. Aber als Musiker selbst ist das natürlich etwas, was man nie wirklich gerne hört, man wird nicht gerne verglichen.“

Seine Lösung: „Das heißt, man muss weiter machen, bis die Leute da draußen merken, dass man auf seiner eigenen Welle schwimmt.“

Mit Tracks wie „Britney“, „Tyler“ und „Marie Antoinette“ gelingt ihm das

Auffällig viele seiner Titel tragen einfache Vornamen. Er erklärt: „Ich steh drauf, bestimmten Gefühlen, abstrakten Konzepten durch diese Personifizierung einen Namen zu geben, eine menschliche Identität.“ Dabei schwärme er nicht heimlich für das Pop-Sternchen oder die österreichische Königin – behauptet er jedenfalls. „Der Song handelt null von Britney. Ich habe mir diesen Charakter nur ausgedacht, aber er steht für all das Negative, das ich um mich herum erlebt habe, als ich diesen Song geschrieben habe.“

Wenn man Cole so gegenüber sitzt, kann man sich vorstellen, wie er Wortspiele auf Servietten im Fast-Food-Restaurant kritzelt oder sich in sein Hotelzimmer einschließt, mit Kopfhörern auf und Stift in der Hand.

„Ich schreibe oft Songs, wenn ich nicht mit Menschen reden will, wenn ich in meinen Gedanken nachhänge. Es ist definitiv therapeutisch, ich muss nicht drüber reden, ich packe es einfach in einen Song. Dann ist es da draußen und erinnert mich später daran, dass ich den Scheiß durchgestanden habe.“

So eine Situation habe ihn zuletzt zum Song „Malibu Sleep“ inspiriert. Die Tattoo-Palme auf seinem rechten Unterarm steht für diese Momentaufnahme. „Eine große, bedeutende Nacht vor anderthalb Jahren, in der ich den Song geschrieben habe. Ich habe jemanden getroffen, der einen riesigen Einfluss auf mich hatte. Es hat sich alles für mich verändert.“

Er will nicht verraten, wer die Person war (vielleicht Dua Lipa?) und in was für einer Beziehung sie zueinander standen. Cole wirkt wie jemand, der sein Werk nicht gern erklärt. Der einfach Musik macht – aber dann ins Grübeln kommt.

Überhaupt – die Texte. Wer die Mixtapes Tsarina und BOOT gehört hat, muss mit Col3trane übers Songwriting reden.

Es geht nicht um Koks und Nutten, nicht um Keke, do you love me.

In dem Kapuzenshirt mit der Goldkette steckt ein Poet. Cole: „Ich mag es, Menschen zum Nachdenken zu bringen. Es gibt genug Musik da draußen, die man hört, um abzuschalten. Das ist okay. Aber ich schätze es sehr, wenn sich Leute richtig auf meine Songs einlassen, sich die Texte genauer ansehen.“

Ghostwriter? Niemals.

„Glaub mir, ich denke viel zu viel über meine Musik nach, also wenn sich jemand auch so tiefgründig damit beschäftigt, dann ist das Liebe, Mann. Denn damit geben mir Leute die Energie zurück, die ich in meine Songs stecke.“

Und auch die visuell aufwendigen Musikvideos stechen aus der YouTube-Masse raus. Seht selbst:

Warum Cole Basta die Zahl 3 in seinem Künstlername Col3trane (und auch als Tattoo) hat, hat er uns am Ende übrigens auch noch verraten. „Die 3 war immer meine Glückszahl, hat mich positiv gestimmt. Ich bin der dritte Bruder in meiner Familie, einer meiner besten Freund heißt Three. So vieles Gutes, was mir passiert, hängt zusammen mit dieser Zahl. Da muss was hinterstecken.“

Quelle: Noizz.de