Die Berliner Sängerin lässt sich in keine Schublade stecken – und dafür lieben wir sie.

Bei Balbina überschlagen sich momentan die Ereignisse: Als erste Künstlerin überhaupt darf sie den legendären Rammstein-Hit “Sonne” neu interpretieren, liefert damit gleichzeitig den Titelsong für die neue Nike-Kampagne und ist somit die erste Deutsche überhaupt, die einen Song für den Sportartikelhersteller beisteuern darf.

Eine ziemlich krasse Verantwortung, der die 36-Jährige aber mehr als gerecht wird: Ihr Cover macht den Rammstein-Metal-Hit zu einer mystischen Elektro-Hymne – dramatisch, düster und gleichzeitig zart und emotional. Ihre kraftvolle Stimme trägt gemeinsam mit dem wiederkehrenden Bass durch den Song, ein Frauenchor anstelle des bezeichnenden Gitarrenriffs bringt die Armhaare vollends zum Aufstellen.

“Ich habe zum ersten Mal fremde Zeilen interpretiert und dadurch zu einer Kraft gefunden, von der ich nicht dachte, dass ich sie in mir hätte”, erzählt mir Balbina, als ich sie in Berlin zum Interview treffe. Die Kraft, von der die Sängerin spricht, ist dem Song anzuhören. Damit passt er wie die Faust aufs Auge als Titellied für die erste deutsche Just-Do-It-Kampagne, die unter dem Slogan “Du tust es nie nur für dich" läuft und sich ganz den Frauen widmet.

Das Aushängeschild der Nike-Kampagne ist die Berliner Boxerin Zeina Nassar, die gemeinsam mit ihrer Trainerin dafür kämpfte, mit Hijab in den Ring steigen zu dürfen und es so schaffte, internationale Kleidervorschriften für eine ganze Generation von Sportlerinnen zu reformieren.

Rammstein schrieb “Sonne” ursprünglich als "Kämpferlied" für die Klitschko-Brüder, die es jedoch als zu hart ablehnten. Jetzt interpretiert eine weibliche Sängerin den Song neu – für eine junge, weibliche Boxerin. Female Power schlechthin! Was die Nike-Kampagne und Female Empowerment für Balbina bedeuten, welche Erfahrungen sie mit Sexismus machen musste und wie es zu dem Feature mit Ebow kam – das verriet die Sängerin im NOIZZ-Interview.

NOIZZ: Du bist in Berlin-Neukölln aufgewachsen. Jetzt hing im Rahmen der "Helden"-Kampagne von Nike ein riesiges Plakat am Hermannplatz – unter anderem mit dir und der Boxerin Zeina Nassar. Wie fühlt sich das an?

Balbina: Schön.  Die U7, wo die Plakate unter anderem hängen, ist meine Heim-Linie. Es ist die Linie, die mein Leben begleitet hat – und nun hing plötzlich genau dort dieses Plakat. Teil dieser inklusiven Kampagne zu sein, ist wundervoll. Sie setzt ein Zeichen gegen Diskriminierung und ist Pro-Empowerment. So viele beeindruckende und starke Charaktere sind Teil davon. Das sind keine wahllos gebuchten Models, die einfach schön aussehen. Das sind Menschen, die eine Geschichte zu erzählen haben. Das erfüllt mich mit Stolz, gemeinsam mit diesen Menschen zu strahlen, an einem Ort, der für mich früher mit vielen Hoffnungen verbunden war. Mit Träumen, von denen bereits einige in Erfüllung gegangen sind.

Was bedeutet der Begriff "Female Empowerment" für dich?

Balbina: Für mich ist Empowerment grundsätzlich wichtig – egal ob female, male, queer, trans, religious. Wir sind auf dieser Welt gemeinsam. Deswegen ist es für mich selbstverständlich, andere Frauen zu unterstützen, wenn ich kann, damit sie sich verwirklichen können. Ich möchte einfach, dass jeder die gleichen Chancen hat. Egal in welcher Branche oder Lebenssituation.

Deine Mutter ist alleinerziehend – meine Mum auch. Ich denke, man wird sehr davon beeinflusst, wenn man mit so starken Frauen aufwächst. Wie siehst du das?

Balbina: Du hast total recht. Dir ging es doch bestimmt auch so: Zu sehen, wie deine Mum arbeitet, alles miteinander vereint und du wahrscheinlich trotzdem eine schöne Kindheit hattest. Im Vergleich zu Kindern, die beide Elternteile haben, erlebt man, wie viel Kraft dies erfordert. Meine Mutter hat das mit so einer Leichtigkeit gemacht, mit solch einem Elan, dass ich es ihr gleichtun wollte. Aus mir ist ein engagierter Mensch geworden, der Dinge einfach nie als unschaffbar wahrnimmt, sondern als Herausforderung.

Gibt es sonst noch weibliche Vorbilder, die dich in der Musik oder auch im Leben inspirieren?

Es gibt viele Frauen, zu denen ich aufschaue. Zum Beispiel Kamala Harris aus den USA, die gerade Präsidentschaftskandidatin ist (Anm. d. Red.: Harris ist mittlerweile aus dem Präsidentschaftsrennen ausgestiegen), beeindruckt mich aktuell sehr. Ich finde einfach, dass sie sehr eloquent und ausdrucksstark die Fehler von Donald Trump illustriert und sie anschließend entkräftet. Es gibt mir Energie, wenn ich sehe, wie sie sich für Menschenliebe und gegen Diskriminierung und Fremdenhass einsetzt.

Foto: / Nike / Jan Kapitän

Du kommst ursprünglich aus der Hip-Hop- bzw. Rap-Szene, wo die Diskriminierung von Frauen leider immer wieder Thema ist. Hast du persönliche Erfahrungen mit Sexismus gemacht?

Balbina: Mein urbanes Umfeld – ich sage gezielt urban, da ich nie gerappt habe – war zum Glück sehr offen. Ich bin früher mit Rappern auf Tour gewesen und aufgetreten. Ich erinnere mich eher an Sätze wie: "cooles Outfit", "schöne Perücke" oder "geile Brille". Im Major-Pop-Business wurde das eher kritischer beäugt. In meinem damaligen urbanen Kreis gab es durch die Vermischung vieler Kulturen und Geschmäcker eher einen positiven Vibe . Als ich ab 2015 erfolgreicher wurde, spürte ich erstmals negative Kommentare wie "Wie schaut die denn aus?", "Warum präsentiert sie sich so?". Zeitschriften fragten "Gibt es auch normale Fotos von der?", nur weil ich nicht der Norm entsprach. Zum Glück hatte ich in der Phase Rückhalt bei den Menschen von früher, die mir versicherten, ich sei mit all meiner Ausgefallenheit völlig okay so.

Was glaubst du, müsste sich verändern, damit wir in dieser Hinsicht gesellschaftlich Fortschritte machen?

Balbina: Wichtig ist, dass Menschen endlich akzeptieren, dass Unterschiede ein Geschenk sind und nicht ein Stolperstein. Man sieht, dass alles Hand in Hand funktioniert, wenn Leute sich kennenlernen und miteinander sprechen, Barrieren abbauen. Das Shooting für das Plakat am Hermannplatz zum Beispiel: Ich habe solch interessante neue Begegnungen gehabt – unter anderem eine Boxerin aus Afghanistan. Du sprichst mit Menschen mit völlig anderen Lebensläufen und merkst: Irgendwie sind wir uns doch alle sehr ähnlich. Wir sind unterschiedlich im Charakter, unterschiedlich vom Glauben her und unterschiedlich mit Blick auf das, was wir tun. Aber wenn wir miteinander kommunizieren, sind wir auf einer Ebene. Deswegen ist es so wichtig, dass man so viel wie möglich miteinander spricht, dass man sich verbindet und einander begegnet  –  bei Konzerten, beim Sport, beim Feiern. Um einfach auch Fragen zu können: Warum tust du jenes? Wie ist dein Glaube? Warum isst du dieses nicht? Betest du eigentlich auch? Wie ist es, wenn du als Mann mit Acryl-Absätzen in einem Club auftrittst? Wir sind doch hier, um nicht allein zu sein und uns alle kennenzulernen.

In unserem Video-Format "IDENTITY" hat die Rapperin Ebow über Sexismus in der Musikbranche gesprochen. Ihr habt einen gemeinsamen Track herausgebracht: "Weit Weg". Wie kam es zu dem Feature?

Balbina: Ich finde Ebow toll. Sie ist eine coole, starke, emanzipierte Frau. Ich mag ihre Musik sehr. Sie hat den Heimatbegriff in Deutschland neu definiert. Kommt sie aus Deutschland? Ist sie Alevitin? Wie ist ihre Identität? Das alles ist egal, denn sie ist Ebow. Sie rappt auf Deutsch. Sie macht innovative Musik. Sie hat ihre Community, und die ist ihre Heimat. Sie lebt, ohne sich definieren zu müssen. Macht ihr Statement. Sie hat kulturell viel bewegt, weil sie keine Grenzen zieht. Deswegen habe ich diese unfassbar coole Braut nach einem Feature gefragt, und den Rest hört man auf "Weit Weg".

>> Ebow über Sexismus in der Musikbranche, Privilegien und Shirin David

In der Nike-Kampagne geht es darum, immer wieder aufzustehen und Versagen zu akzeptieren. Was bedeutet das für dich?

Balbina: Versagen zu akzeptieren  –  das ist das Allerwichtigste daran. Zu lernen, dass man das Spiel spielt, um das Spiel zu spielen, und nicht nur, um zu gewinnen. Im dem Moment, in dem ich begriffen habe, Absagen und Niederlagen genauso zu umarmen wie Erfolg, wurde ich freier. Ich musste und wollte mich Gefälligkeiten nicht mehr anpassen. Was Zeina Nassar ausmacht, ist ihre Leidenschaft für das Boxen. Dazu gehört es eben auch, Niederlagen zu akzeptieren, da sie Teil dessen sind. Daraus zu lernen und Kraft zu schöpfen, ist die Aufgabe.

Ist Musik für dich ein Ventil – etwas, was dir bei der Bewältigung hilft?

Balbina: Definitiv. Ich glaube, dass Musik mir die Chance gibt, Dinge loszulassen und Dinge zu empfinden. Ich habe, wie viele Menschen, oft das Gefühl, dass die Zeit rennt, dass der Augenblick so schnell vergeht, wie er auch kam. Ich fühle Dinge in der Musik nach und kann sie intensivieren. Jede Freude oder jede Traurigkeit kann ich ausleben.

Was steht als nächstes an? Wo willst du hin?

Balbina: Für die Zukunft wünsche ich mir, dass mein Leben genauso weiter verläuft wie jetzt – denn ich bin sehr glücklich. Ich habe die Musik zum Beruf machen können und kann mich frei entfalten.

In Bezug auf die allgemeine Gegenwart hoffe ich, dass politisch viel passiert in den nächsten Jahren. Weit Pro-Inklusion, Pro-Mensch, Anti-Diskriminierung. Dass alle irgendwann das Privileg haben, das ich genieße: sich frei zu verwirklichen. Dass Menschen aufhören, in Grenzen, in Bewertungen zu Leben und die Chance erhalten, sie selbst zu sein.

>> Alma im NOIZZ-Interview über Balenciagas, Queerness und die Arbeit mit Miley Cyrus

>> Wie Sexismus in der Musik-Industrie wirklich aussieht: R'n'B-Star Jessie Reyez im NOIZZ-Interview

Quelle: Noizz.de