Die 34-jährige Kanadierin hat nach fünfeinhalb Jahren ein neues Album rausgebracht.

Wir müssen reden. Über Avril Lavigne. Auf dem Titeltrack Head Above Water, der bereits im September veröffentlicht wurde, verarbeitet sie eine Lyme-Borreliose-Erkrankung, die sie fast das Leben gekostet hat. Eine Erfahrung, an der sie ohne Zweifel gewachsen ist. Nach der langen Wartezeit zwischen dem neuen Album und seinem Vorgänger Avril Lavigne dachte ich mir, dass sich auch die Musik von Miss Lavigne erwachsener anhören müsse. Abgesehen von dem weißen Nagellack im Video zu Head Above Water, empfand ich den Track als ungewohnt tiefgehend und gelungen.

Schaut man sich hingegen Songs des letzten Albums an – etwa Here’s To Never Growing Up oder diesen Sound-Unfall namens Hello Kitty –, ist eindeutig eine Steigerung festzustellen.

Ich hatte schon Hoffnung, dass sie an Sk8er Boi und Complicated, die mich durch meine Jugend begleitet haben, anknüpfen würde. In den Nullerjahren gab sie das Skater-Girl mit schlechter Laune, mit der sich Millionen von Teenagern identifizieren konnten. Nach zwei erfolgreichen Alben kam The Best Damn Thing. Wesentlich mehr girly und aufgekratzt gab sich Lavigne auf ihrer dritten Platte, die definitiv gute Momente hatte.

Was Avril danach lieferte, war größtenteils für die Tonne

Sie wirkte nicht mehr authentisch. Sie wurde zu dieser nervigen Pop-Tussi, die auf Wannabe-Rocker machte wie Jeanette Biedermann im Jahr 2006. Für Biedermann war dies auch das Ende ihrer kommerziellen Erfolge. Bei Avril sieht es ähnlich aus. Goodbye Lullaby und Avril Lavigne konnten nicht an alte Erfolge anknüpfen. Hits? Fehlanzeige.

Nun ist der neue Longplayer erschienen: Head Above Water. Meine Erwartungen waren hoch. Ich war gespannt, wie die erwachsene Avril klingt.

Der erste Hinweis auf die neue Lavigne kam im Dezember, als sie das Albumcover auf Instagram postete. In diesem Moment gingen meine Alarmglocken an. Sie posiert nackt im Wasser. Nur eine Gitarre bedeckt ihren Körper. Wenn Künstler solche Strategien fahren, ist das oft ein Zeichen dafür, dass die Musik nicht für genügend Verkäufe und Aufmerksamkeit sorgen wird.

Nun, nachdem ich das Album seit vergangenem Freitag mehrfach gehört habe, komme ich zu folgendem Schluss: Das Cover fasst das Album inhaltlich perfekt zusammen. Lavigne macht sich nackig. Mit der Musik. Nur leider ist diese so tief wie die Pfütze, in der sie da sitzt.

Während Head Above Water noch gut gefiel, schwächelte die zweite Single Tell Me It’s Over bereits. Kein Ohrwurm. Stattdessen eine recht beliebige Ballade. Tage vor dem Album erschien der Song Dumb Blonde mit Nicki Minaj im Feature. „I ain’t no dumb blonde“, singt Lavigne auf diesem catchy Pop-Song, der konträr zu dem klingt, was er eigentlich aussagt.

Dumb Blonde könnte der Titelsong einer hirnrissigen Teenie-Komödie aus dem Jahr 2002 sein. Dass Nicki Minaj (WTF?!) als Gast zu hören ist, wirkt wie ein Verzweiflungsakt. Minaj ist angesagt, hat Millionen von Hörern. Als wolle Lavigne davon leben, sich jünger machen, neue Zielgruppen eröffnen. Funktioniert nur leider gar nicht.

>> NOIZZ-Redakteurin Luisa ist übrigens anderer Meinung: Sie findet „Dumb Blonde“ von Avril Lavigne und Nicki Minaj großartig!

Der Rest des Albums klingt nicht besser. Mit Warrior bietet Lavigne eine tausendfach gehörte Ballade, die Sängerinnen wie Demi Lovato wesentlich besser und glaubhafter rüberbringen. Auf einem anderen Track singt sie davon, in den Teufel verliebt zu sein und einen Engel zu brauchen. Aha. Auf Goddess hat sie dann endlich einen Typen gefunden, der sie auf Händen trägt. Der sie in ihren Pyjamas sexy findet. Wenn sie ein „hot mess“ ist, wird er ganz „bananas“.

Pop-Balladen wie Crush plätschern belanglos vor sich hin. Auf Bigger Wow, It Was In Me und Love Me Insane sind gute Ansätze zu finden. Lavignes Stimme kommt gut zur Geltung, auch wenn sie sich vieler Plattitüden bedient. Das können Sängerinnen wie Lily Allen, die tatsächlich aus ihrer Vergangenheit schöpft und wahnsinnig gute Texte und Musik liefert, besser. Lavigne verliert sich in einem glatt polierten Pop-Allerlei, das alles und nichts ist.

>> Twitter-Verschwörungstheorie: Avril Lavigne ist tot

Denn auf Head Above Water fährt die Sängerin Strategien, die auf den zwei Alben zuvor schon nicht funktioniert haben. Jetzt kann man sich fragen, ob das die authentische, die echte Avril Lavigne ist. Ich zweifle daran. Immerhin frage ich mich nach dem Hören der neuen Platte immer noch, wer Avril Lavigne im Jahr 2019 ist. Was macht die Sängerin aus? Mit Head Above Water hat sie es in Zeiten von Ariana Grande verdammt schwer, Fuß in den Charts und den Herzen der Zuhörer zu fassen.

Wenigstens bleiben die ersten drei Alben und die Erinnerung an eine Lavigne, die sich nicht zum authentischen Pop-Doll heranziehen lassen hat. Und bis zum nächsten Album, das hoffentlich besser ausfällt, lege ich einfach nochmal Sk8er Boi auf und sage: See you later, girl.

Quelle: Noizz.de