Ashnikko ist vor einem Jahr dank ihres Songs "STUPID" auf TikTok in den Mainstream gelangt – doch während sie von außen stark und aggressiv wirkt, ist der steigende Ruhm für sie auch ein täglicher psychischer Kampf.

Wer weiß, wo Ashnikko ohne TikTok wäre. Dank Miley Cyrus und ihren schwingenden Hüften kannte plötzlich die halbe Welt Ashnikkos raue, selbstbewusste und harte Stimme. "Stupid boy think that I need him", singt die mittlerweile 24-Jährige in ihrem bisher erfolgreichsten Song "STUPID", womit sie einen TikTok-Trend ausgelöst hat.

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Seitdem läuft es für die gebürtige Amerikanerin ziemlich gut. Ihre Musikvideos haben Views im zweistelligen Millionenbetrag, auf Spotify haben ihre Songs ebenfalls mehrere Millionen Streams. Doch es sind genau diese Zahlen, die Ashnikko zunehmend in den Wahnsinn treiben, und sie fühlt schon jetzt, dass ihre psychische Verfassung das nicht mehr lange mitmacht.

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Ashnikkos Songs sind empowering. Schnelle, energetische Lieder, die wie ein Crossover aus Pop, Rap und Metal daherkommen. Lieder, zu denen du zur gleichen Zeit twerken und headbangen kannst. Ihre Texte sind aggressiv und selbstbewusst: In "Cry" droht sie ihrem Ex, dass er seine Hand verlieren würde, wenn er sie noch ein mal anfässt; auf "Working Bitch", dass ihr blauer Vibrator ihr mehr Freude bringen würde als kleine Jungs. Sie hört sich an, wie die stärkste Frau des Universums, die Sorte, die jeder zur Freundin braucht (oder selber sein sollte).

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Ist Ashnikko wirklich so selbstbewusst, wie es aussieht?

Und obwohl sich Ashnikko in ihren Songs als König beschreibt und in ihren Musikvideos als starke Kriegerin ihre Feinde abknallt, ist das alles nur Fassade. In Wahrheit kämpft Ashnikko nämlich täglich mit dem Star-Sein und dem Druck, der damit verbunden ist. "Niemand erzählt dir vor den psychischen Krankheiten, die dich als Solo-Künstler begleiten werden", erzählt mir Ashnikko während unseres Gesprächs in einer ungewohnt ruhigen Stimme.

"Soziale Medien sind ein Rezept für Katastrophen. Das Internet ist nicht fucking echt, Dopamin hittet von nicht greifbaren Sachen", so Ashnikko. "Ich habe das Gefühl, dass meine Karriere versucht, meinen Körper und mein Gehirn und meine Kreativität mit Zahlen zu quantifizieren. Streams, Likes, Chart-Positionen – das ist nicht natürlich. Du musst dich daran erinnern, dass du ein Mensch bist. Nicht ein fucking Cyborg."

Ashnikko

Um damit klarzukommen, hat sich die gebürtige Ashton Nicole Casey eine alternative Persönlichkeit erschaffen: Ashnikko. Ashnikko ist für Ashton die Fassade, unter der sie auftritt und Musik macht. Was für außenstehende und Fans wie ein kleiner Gimmick wirkt, ist für Ashtons psychische Gesundheit überlebenswichtig. Wenn du nur mit Ashton, und nicht mit der Künstlerin Ashnikko redest, dann bezieht sich Ashton auf Ashnikko in der dritten Person.

Ashnikko ist keine echte Person – Ashton Nicole Casey schon

"Ich versuche, davon zu fliehen, meine Musik-Karriere an meine menschliche Form zu binden (...), sonst würde ich verrückt werden", hat Ashton mittlerweile für sich herausgefunden. Wenn Ashton allerdings ihre Karriere auf Ashnikko überträgt, dann kann sie Ashnikko zu einem übermenschlichen Charakter machen. Ashnikko ist ein "wilder, Domina-König", erklärt mir die 24-Jährige. Doch sie hat nicht die Energie, jeden Tag Ashnikko zu spielen: "Das ist unmöglich für menschliche Standards. Ashnikko hat zu viel Energie, sie muss verdammt noch mal chillen".

So funktioniert Ashnikkos musikalisches Genie

Trotzdem erkenne ich während unseres Gesprächs deutlich: Das musikalische Genie hinter Ashnikko ist eindeutig die ruhigere Ashton. Denn während der verrückte, energie-geladene Sound vielleicht etwas anderes suggeriert, arbeitet Ashnikko tatsächlich ziemlich straight-edge, wenn es um ihre Musik geht. Sie trinkt nicht, raucht nicht, nimmt keine Drogen vor einer Session. Sie macht sich einen grünen Smoothie, trinkt zwei Liter Wasser und nimmt ihre Vitamine. Dann wartet sie auf ihren sogenannten "kreativen Orgasmus".

Ashnikko

"Wenn du kreativ wirst, dann killt es den Moment, wenn du alles zu sehr hinterfragst. Es ist so, wie einen Orgasmus haben, da willst du doch auch nicht zu viel darüber nachdenken, warum du gerade einen Orgasmus hast, warum es sich so gut anfühlt, was die Bedeutung von deinem Orgasmus ist. Ich will einfach nur den Orgasmus haben. (...) Kreativität ist wie ein Orgasmus".

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Was passiert, wenn der Orgasmus ausbleibt?

Doch der kreative Orgasmus kommt nicht immer. Ashton findet, dass sie schon ziemlich viele dumme Lieder geschrieben hätte. Ihre ganze erste EP würde sie am liebsten vom Internet löschen.

"Für alle 50 schlimmen Songs, die ich schreibe, gibt es zwei bis drei Gute", zieht Ashnikko als Bilanz. Umso mehr ist sie verwundert von Künstlern, die es mutmaßlich anders machen würden. Die Sängerin erzählt mir, sie hätte gehört, dass Post Malone keine Songs verschwenden würde, sondern jede Skizze bearbeitet, bis sie genau so ist, wie er sie haben will. Für Ashnikko wäre das auf jeden Fall keine Option. Sie würde ihre "schlechten" Songs manchmal sogar einfach an andere abgeben – und für die sind das dann die guten Lieder.

Gefühle ausschalten – per Knopfdruck

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Zum Schluss reden Ashnikko und ich noch darüber, was sie jedem Menschen als zusätzliche Fähigkeit gerne mit auf dem Weg geben würde. Ashnikkos erste Antwort: Feenflügel. Doch dann entscheidet sie sich schnell noch mal um. Einen Schalter hätte sie gerne, genau über ihrer Kimme, mit dem Ashton ihre Emotionen ausschalten kann. Insbesondere Trauer und Depression. Denn das, laut Ashton, sind für sie die einzigen wahren Emotionen.

Am 9. Oktober kommt Ashnikkos neues Mixtape "Demidevil" raus. 2021 will sie (so Corona will) auf Tour gehen.

Quelle: Noizz.de