Die Sängerin lieferte Hits wie "2002", "Alarm" und "Perfect To Me".

Draußen campieren schon gut 50 Fans, als meine Fotografin Ney und ich über den Seiteneingang des Tempodroms zu Anne-Maries privaten Räumen geleitet werden.

Zwei schwarze Kronleuchter hängen in dem Raum, ein angefangenes Puzzle liegt auf dem einen Tisch, haufenweise goldener Schmuck auf dem anderen, sowie Schminkutensilien. An einer Garderobe hängen Klamotten, darunter Sportsachen von Beyoncés Marke "Ivy Park".

Eigentlich wollte Anne-Marie das Interview absagen, sie ist angeschlagen, war kurz vorher noch beim Arzt. Für uns macht sie eine Ausnahme.

NOIZZ hat Anne-Marie gefragt, ob sie Leute aus ihrem Umfeld schon mal auf ihre persönlichen Songs angesprochen haben, wie es um ihre Gesundheit steht und was für neue Musik ihre Fans von ihr erwarten können.

NOIZZ: Eine Kollegin von mir hat mich nur darauf hingewiesen, dass sie lange nicht gecheckt hat, dass es in deinen Songtexten öfter um herausfordernde oder sogar traurige Themen geht, weil die Musik immer so optimistisch klingt, diese typischen Radio-Hits, zu denen man abtanzt. Was magst du an diesem Kontrast?

Anne-Marie: Ich bin mit Liedern aufgewachsen, die immer eine tiefere Bedeutung hatten. Ich konzentriere mich sehr auf die Message, denn es ist mir wirklich wichtig, das zu vermitteln. "Rockabye" ist ein Song, bei dem beides wirklich gut zusammengepasst hat.

Als ich dieses Lied und das Thema hörte, um das es ging: Eine alleinerziehende Mutter, die ihr Kind liebt, und dann war dieser Beat – imitiert den fröhlichen Dancehall-Beat – konnte ich nicht glauben, wie gut beides harmoniert hat, aber es funktionierte so gut. Leute, die auf die Bedeutung achten, mochten den Song, und Leute, die den Beat lieben und dazu tanzen und sich eher nicht um den Songtext scheren, mochten "Rockabye".

Diese Erfahrung hat mich unbewusst ziemlich beeinflusst. Es hat mich richtig gepackt, weil mir klar wurde, wenn ich einen traurigen Song schreibe, muss ich nicht Piano und Streicher dazu haben. Ein massiver Beat passt auch! Das finde ich aufregend. Dass man einen glücklichen Song mit Piano und Geige haben kann, aber auch einen traurigen Song zum Tanzen. Das ist einfach cool.

In deinem Song "Perfect To Me" lässt du die Selbstkritik endlich hinter dir. Wie war dein Weg zur Selbstliebe?

Anne-Marie: Lange! Es war ein langer Weg. Jeden Tag lerne ich etwas Neues, was wirklich erstaunlich ist, und jeden Tag werde ich besser darin, mich selbst zu lieben. Es ist hilfreich, auf die eigene Reise zurückzublicken und zu sehen, wie weit ich gekommen bin, denn manchmal fühle ich mich immer noch scheiße, wie aus dem Nichts. Aber dann schaue ich und zurück und denke: "Nein, ich fühle mich viel besser als im letzten Jahr".

Ich bin diese Art von Person, die immer dann, wenn ich traurig bin, es allen gegenüber laut ausspreche, damit sie mitleiden müssen (lacht). Die anderen sind dann meistens so: "Ach, halt die Klappe!" (lacht) Ich finde einfach, es ist ein guter Weg, auszudrücken, wie wir uns fühlen.

Anne-Marie im Interview mit NOIZZ
Foto: / Ney Tran / NOIZZ.de

Ja, voll. Und du setzt dich wirklich lautstark ein für Mental Health, Body Positivity und Equal Love. Welche Fortschritte siehst du bei dir selbst bezogen auf diese Themen?

Anne-Marie: Psychische Gesundheit war in letzter Zeit ein so großes Thema, und das finde ich toll. Es ist nicht mehr so nach dem Motto: “Sag es niemandem, denn du musst ein starker Mann oder eine toughe Frau sein, du musst selbstbewusst aussehen”, weißt du? Es wird immer besser.

Es gibt immer einen Anlass oder Ort, um etwas zu sagen und keine Angst davor zu haben. Mit meiner Musik, mit jedem Song den ich singe und schreibe, versuche ich, das zu beweisen, etwas anzusprechen, das für die Menschen einen Sinn ergibt, oder ihnen aus der Seele spricht, weil ich denke, dass meine Musik genau dafür gemacht ist. Ich möchte nicht vergessen, wie wichtig Musik für die Menschen ist – und für mich.

Deshalb ist es für mich so wichtig, darüber zu sprechen, für Leute, die zu ängstlich sind, die eher so drauf sind: "Ich muss einen Song darüber schreiben, wie ich betrunken im Club feiere” Ich bin auf der Welt, um etwas Sinnvolles zu tun.

Ich habe auf Instagram ein Foto von dir in einem T-Shirt gesehen mit dem Slogan: "Alles wird gut". Erzähl mir ein bisschen davon.

Anne-Marie: Mir ist klar geworden, dass ich sehr visuell lerne. Ich weiß, dass ich etwas immer dadurch gelernt habe, wie andere Leute etwas tun, bevor ich es selbst getan habe. Es ist eine sehr neue Entdeckung, dass ich, wenn ich einen schlechten Tag habe, einfach etwas lesen und mich ein bisschen besser fühlen kann. Ich muss nichts aktiv tun, damit ich mich besser fühle. Ich muss nicht ins Fitnessstudio oder so, ich schreibe und lese einfach etwas Positives auf einem Blatt Papier und ich fühle mich, genau wie, wenn ich dieses T-Shirt anziehe, sofort besser.

Jeder ist anders. Einige Leute werden dieses T-Shirt anziehen und denken: "Ich fühle mich immer noch schlecht." Ich schreibe Dinge in meinem Haus hin, das hilft mir gegen Albträume. Ich lese nur diesen Satz und fühle mich besser. Es inspiriert mich, einen guten Tweet für jemanden zu schreiben oder eine positive, lange Instagram-Caption, um anderen Menschen hoffentlich zu helfen. Das ist ein Kreislauf.

Du hast in einem Post deinen Fans offenbart, dass es dir seit Dezember 2018 nicht so gut geht, du dich schlapp und unwohl fühlst. Erst seit Frühjahr dieses Jahres geht es dir besser. Was ist passiert?

Anne-Marie: Ich bin mir nicht sicher. Ich hatte starken Husten im Dezember 2018. In der Vergangenheit konnte ich immer trotzdem singen, auch, wenn ich erkältet war. Ich habe die Shows trotzdem gemacht. Der Husten im Dezember war aber so heftig, dass ich nicht mal mehr singen konnte! Das war beängstigend und ich war an einem Tiefpunkt. Ich dachte mir: "Wenn ich als Sängerin nicht mal singen kann, was kann ich dann überhaupt?”

Ich habe mich wegen meines Halses behandeln lassen, Gesangsunterricht genommen, Vocal Coachings gemacht, nur um wieder in die Gänge zu kommen, was einfach so lange gedauert hat. Ehrlich gesagt war der Husten erst weg, als ich durch Asien und Australien getourt bin. Natürlich habe ich jetzt wieder Husten, aber es nicht so, wie es damals war.

Es hat mir nur klar gemacht, wie wichtig Gesundheit ist. Ich glaube, ich habe mich so sehr auf meine mentale Gesundheit konzentriert, dass ich meinen Hals im Grunde vergessen habe. Jetzt versuche ich, Körper und Geist in Einklang zu bringen, mache Gesangskurse, schlafe mit einer Maske und mache all diese Dinge weiter, um meine Stimme zu behalten, denn genau das brauche ich, ich brauche meine Stimme.

Gut, dass es dir wieder besser geht! Mal was ganz anderes: Du bist Sternzeichen Widder. Warum gibt es keinen Widder-Song von dir, dafür aber deinen Song "Gemini" über das Sternzeichen Zwilling?

Anne-Marie: Das ist ein guter Punkt! (lacht) Ich weiß es wirklich nicht, vielleicht schreibe ich eines Tages einen. Ich wollte immer ein Lied über Horoskope schreiben, weil ich wirklich daran glaube. Wenn ich mein Sternzeichen Widder lese, denke ich, trifft es einfach zu. Da muss was Wahres dran sein, wenn es nicht richtig wäre, wäre es völlig falsch. Ich muss wirklich eines Tages einen Widder-Song schreiben.

Ihre Schwester ist auch Widder, hat einen Tag nach ihr Geburtstag. Sie sitzt daneben. Beide lachen bei der Frage, ob es nicht auch ein bisschen hitzig zugeht, wenn beide vom Sternzeichen Widder sind, und die Schwester bestätigt das mit einem Nicken und eindeutigem Blick.

In "Alarm", einem deiner größten Hits, singst du "Ich hatte schon immer eine Schwäche für die wilden Jungs", und so geht es vielen Frauen. Was meinst du, warum fühlen sich Frauen immer wieder von Fuckboys angezogen?

Anne-Marie: Für mich war es immer ein Wettbewerb. Ich habe versucht, sie für mich zu gewinnen. Ich dachte mir: “Dieser Typ benimmt sich allen gegenüber schrecklich, aber ich werde ihn dazu bringen, dass es mit uns funktioniert. Ich werde gewinnen!” Aber es hat nie funktioniert. Je erwachsener man wird, desto mehr lernt man über sich selbst, und ich würde mich heute nie mehr für diesen Typ entscheiden. Denn das ist nur ein Albtraum.

Anne-Marie mit NOIZZ-Redakteurin Genna-Luisa Thiele
Foto: / Ney Tran / NOIZZ.de

In vielen deiner Songs, wie "Alarm" oder "Then", scheinst du über eine bestimmte Person zu singen, die du kennst. Hat dich jemals jemand wegen dieser sehr persönlichen Songs über sie angesprochen?

Anne-Marie: Einer meiner Ex-Freunde schrieb mir einmal eine SMS, darin stand: “Oh, ist das Lied über mich?” Und ich so: “Nein!” Ich habe nie wirklich gesagt, worum es geht, ich meine, ich rede sowieso nicht mehr mit meinen Ex-Freunden und sie reden nicht mit mir, was großartig ist. Aber um ehrlich zu sein, in jedem Lied geht es um einen von ihnen (lacht laut).

Wird es bald neue Musik von dir geben? Was kannst du mir verraten?

Anne-Marie: Ich habe bereits ein zweites Album geschrieben. Ich schreibe immer noch Songs, die einen Sinn haben und ein wichtiges Thema behandeln, aber ich habe das Gefühl, dass ich mich als Person total verändert habe, und meine Musik auch.

Auf welche Art und Weise?

Anne-Marie: In vielerlei Hinsicht. In meiner Selbstakzeptanz, was mein Selbstvertrauen angeht, was die Art betrifft, wie ich andere Menschen und Situationen empfinde. Ich bin sehr gewachsen in meiner Einstellung zu allem, und das wird sich in den Songs widerspiegeln, die ich schreibe.

Es ist dasselbe, aber anders, so schwer zu erklären, dass es keinen Sinn ergibt (lacht). Vielleicht ist das ein guter Albumname. Ich habe das Gefühl, dass es so viel besser ist, ich hatte immer das Gefühl, dass mein erstes Album wirklich gut war und ich war wirklich glücklich und so aufgeregt, es zu hören, und jetzt denke ich: Das zweite Album ist so viel besser als das erste Album. Ich freue mich darauf, wenn die Leute es hören.

Quelle: Noizz.de