"So, jetzt alle Hände nach oben und zack zack!"

Andrea Berg gehört zu meinem Leben wie der "Hitmix" von Pur– markante Pfeiler im Soundtrack eines jeden Dorfkindes. Ein Mixtape, das nach Schulbus, frühem Mofa-Führerschein und Fanta-Korn auf Schützenfesten klingt. Außerdem ein Sound, für den man sich genauso wenig entschieden hat wie für die 50 km Entfernung zur nächsten größeren Stadt.

Schützenfeste – gutes Stichwort. Für mich waren diese Veranstaltungen Fluch und Flucht zugleich: Ich verbinde mit besagten Dorffesten eigentlich immer nur nach Bier und Bratwurst stinkende Männer, die einen bei jeder Gelegenheit im Foxtrott und ohne jegliches Taktgefühl über die Tanzfläche schleifen. Hingegangen ist man aber trotzdem: Dieser kulturell höchst fragwürdige Ausnahmezustand bot meinem jugendlichen Ich schließlich die Möglichkeiten, abseits des sonntäglichen Fußball-Kreisklasse-Spiels mal richtig was erleben zu dürfen.

Damit war Andrea Berg für mich seit jeher ein Mysterium der Gegensätzlichkeit, eine innere Schiffsschaukel, die zwischen Faszination und Fassungslosigkeit hin und her schwingt. Mit ihr wurde ein Phänomen deutscher Musikgeschichte geschaffen, das an kaum jemandem spurlos vorübergeht – und sei es nur für einen Moment tiefster Irritation. Eine popkulturelle Ikone, die in der Schlagerwelt perfekt funktioniert: Andrea Berg startete ihre erfolgreiche Karriere vor knapp 30 Jahren und übt bis heute ungebrochene Anziehungskraft auf ihre Fans aus. Naja, und auf mich – auch wenn ich mich wirklich nicht als Fan bezeichnen würde.

Raus aus dem Dorf und ab in die große Stadt zum Studium – endlich weg von den Dorffesten, von engen Grenzen und dem Mief! Dachte ich zumindest. Aber ganz ehrlich: You can take the Dorfkind out of the Dorf, but you will never take the Dorf out of the Dorfkind. Schützenfeste mied ich zwar, seit sich mein Freizeitangebot erweitert hatte, großflächig, aber Andrea Berg blieb irgendwo im Unterbewusstsein bei mir. Spätestens als ich meine Bachelorarbeit zum Thema Image und PR-Strategien bei Popstars schrieb, war die Musikerin wieder präsent – und nein, meine Gefühle zu ihr hatten keine Schweigepflicht. Immerhin ist sie Ikone, Abziehbildchen, Sehnsuchtslager und Schlagermaschine – und somit perfekt als wissenschaftliches Thema. Natürlich nur aus der Ferne. Wer hätte gedacht, dass mein Beruf als Journalistin mich Jahre später ganz nah zu Andrea bringen würde? Ich jedenfalls nicht.

Aber manchmal verlaufen die Lebenswege eines ehemaligen Dorfkindes mit Schützenfest-Trauma auf unergründlichen Pfaden: Das Universum entschied, dass auch ich nun einmal in Andreas Traumwelt entführt werden sollte. Mir steht ein Konzert in Berlin auf Andrea Bergs Mosaik-Tour bevor. Und ich denke: Ist einfach nicht meine Musik und nicht meine Szene – gleichzeitig regt sich erneut die Faszination für diese Frau in mir. Also denke ich: Wenn ich schon mal die Gelegenheit habe – warum nicht einfach hingehen und meine eigenen Vorurteile herausfordern? Wer weiß: Vielleicht überwinde ich ja sogar mein Trauma?

Glitzerhüte, Leuchtarmbänder, Teufelchen-Ohren und blinkende Herzen – die Fans in der ausverkauften Mercedes-Benz-Arena haben sich offensichtlich am Merch-Stand eingedeckt. Alle sind bester Laune, "Mädelsgruppen" sprudeln vor sich hin wie der Prosecco in ihren Dosen und feiern ihren Ausflug in die Hauptstadt zur Andrea. Ich kann mir nicht helfen: Das Ganze erinnert schon sehr an einen überdimensionalen Junggesellinnenabschied. Hallo Vorurteile: Ich bin mir ganz sicher, dass der Großteil dieser Fans ihren Morgenkaffee aus einer "Ohne Dich ist alles doof"-Tasse trinken und schöne Bilder mit Sprüchen auf Facebook posten. Aber: Das ist völlig in Ordnung, denn gleichzeitig sieht man selten so ein generationsübergreifendes und soziokulturell-diverses Publikum wie auf diesem Konzert.

Alles voller lustiger Pilze hier.

Dann geht es los: Andrea kommt auf die aufwändig gestaltete Bühne und nimmt uns mit in ihre Traumwelt, auf ihren neuen Planeten. Es wird unmissverständlich klar: Wir sind eine große Familie, wir sollen unsere Sorgen zurücklassen und so sein wie wir wollen, sagt sie uns. Und was klingt wie ein hart verschallerter LSD-Druffi auf dem Fusion Festival, klingt bei Andrea irgendwie authentisch. Man nimmt es ihr wirklich ab.

Ob als kindlich-naive Petra Pan, abenteuerliche Sailormoon, kämpferische Sternenkriegerin oder träumerischer Blumen-Hippie – da ist für jeden was dabei! In vier spektakulären Outfits und drei langen Stunden schafft sie es, den größtmöglichen diffusen, gemeinsamen Nenner zu kreieren, der jede*n einlädt, Wünsche und Sehnsüchte in sie hineinprojizieren. Mal ist sie der verliebte Teenager, der über nichts nachdenken sondern einfach l(i)eben will, mal die unabhängige, rebellierende Party-Piratin. Dann ist sie die leidende Zurückgelassene, die dem lügenden und betrügenden Mann dank ihrer Sehnsüchte erlegen ist, dann die sexy Abenteurerin für eine Nacht, dann wiederum die umsorgende Mutter, die ihr Kind ziehen lassen muss…Wer ist denn da bitte noch nicht bedient?

Bei der ganzen Persönlichkeitsmultiplikation die hier stattfindet, bewegt sich Andrea gekonnt in einem apolitischen Vakuum aus Zeit und Raum, in dem sie so gut wie nichts falschmachen kann. "Musik verbindet Generationen und Völker. Wie auch die Sterne, denn sie sind überall gleich, egal, von wo aus wir in den Himmel schauen," ist das einzige politisch anmutende Statement, das sie an diesem Abend wagt. Es fügt sich ideal ein in die "wir haben uns alle lieb“-Stimmung und ist doch konturlos genug, um auch diejenigen mit einer eventuell anderen Haltung mitzunehmen. Auf Andrea können sich halt alle einigen.

Gegen Ende sammelt sie bei mir nochmal kräftig Sympathiepunkte, denn sie stellt ihre Bandmitglieder und sogar ihre Tänzer*innen namentlich einzeln vor – ich bezweifle, dass Pop-Größen ihres Kalibers das sonst auch so machen.

Und wie schlägt dein Herz so?

Zwischen Sternenträumern, Einsamkeitsteufeln und Traumschiffen verliere dann auch ich irgendwann das Gefühl für Zeit und Raum und es kommt mir vor, als würde ich seit drei Stunden das gleiche Lied in unterschiedlichen Modulationen hören. So langsam hat es sich ausgeträumt und meine Ohren signalisieren mir, dass sie keinerlei Liebe und Herzschmerz mehr aufnehmen wollen. Dennoch: Trotz Vorurteilen, Schützenfest-Trauma und neu aufflackernder Abneigung gegen Junggesellinnen-Abschiede war dieser Abend wider erwarten sehr schön. Das Goodie-Beutelchen, auf dem "Mein Herz schlägt Schlager" draufgedruckt ist, verstecke ich auf dem Nachhauseweg dennoch, damit ja niemand erahnt wo ich gerade herkomme. Meine eigenartige Ambivalenz aus Faszination und Verwirrung muss ja nun wirklich nicht jeder mitbekommen.

Und mit den hartnäckigsten Ohrwürmen steige ich dann wieder aus, aus Andreas Schiffsschaukel. Für einen kurzen Moment erinnere ich mich wieder daran, wie es damals war, mit 16 Jahren auf dem Dorf. Fluch, Flucht, Foxtrott, Mofa-Führerschein, Fanta Korn, erster Kuss und im Hintergrund läuft "Du hast mich tausendmal betrogen". Ja, denke ich, gut dass manche Dinge unwiederbringlich vorbei sind. Wie es mit meiner Beziehung zu Andrea weitergeht – das ist so aufregend wie ein Blick auf ein buntes Mosaik.

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  • Quelle:
  • Noizz.de