Wir haben mit Sängerin Alma über ihr Debütalbum "Have U Seen Her?" gesprochen – und auch darüber, wie merkwürdig es sich anfühlt, das im Corona-Chaos zu droppen. Ganz nebenbei hat sie uns auch noch ihre zehn Lieblingssongs verraten, die sie durch die Quarantäne bringen.

Mit ihren neongrünen Haaren ist Alma nun wirklich nicht zu übersehen. Das sie mit ihren gerade einmal 24 Jahren aber innerhalb von vier Jahren zu eine der schillerndsten Indie-Pop-Figuren werden würde, hat damit nun wirklich nichts zu tun. Denn Alma kann verdammt gut Songs schreiben. Nicht nur für sich selber, sondern auch für die Crème de la Crème des Pop-Olymps: Ariana Grande, Miley Cyrus, Lana Del Ray, Charli XCX und Tove Lo.

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Kein Wunder, dass bei so vielen Nebenprojekten und gefragt sein, das eigene Schaffen ein bisschen länger braucht. Obwohl Alma schon eine Weile im Game ist, veröffentlicht sie jetzt erst ihr erstes Album, das sie vorher in drei Wellen angekündigt hat. "Have U Seen Her?" heißt es, und ist für die finnische Musikerin auch ein Stück Selbsttherapie – oder sagen wir eher, sie verarbeitet damit die Erlebnisse ihre Kindheit, die nicht ganz so einfach für sie waren.

So auch in ihrer neuen Single "LA Money"

In "LA Money" erzählt sie nämlich, wie sie sich vor allem zum Beginn ihrer Karriere gefühlt hat: "Ich hatte das Gefühl, an einem Punkt zu sein, an dem ich nicht sein wollte, ich machte Musik, die ich nicht machen wollte, alle verstanden mich falsch. "LA Money" zu schreiben war eine Erlösung – danach begann alles aus mir herauszufließen und ergab wieder einen Sinn. Ich wusste, dass ich das hinter mir lassen muss. Musik machen, die mich glücklich macht und mein Leben so leben, wie ich es will."

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Diesen Befreiungsschlag hört man der teils wütend-progressiven Platte an. Offen und direkt thematisiert sie Frauenrechte, Body-Positivity, Sexualität, Depression, Drogenkonsum und Ängste. Auch weil ihre Kindheit nicht immer einfach war: Ihre Eltern hatten wenig Geld, in der Schule fühlte sie sich oft fehl am Platz. Auch diese Gefühle und Erlebnisse verarbeitet sie auf "Have U Seen Her?".

Hier kannst du in "Have U Seen Her" reinhören:

Umso merkwürdiger erscheint es dann, dass Almas großer Befreiungsschlag mit der Musik, die sie wirklich machen will, gerade jetzt in einer Zeit erscheint, in der sich alle ein bisschen mehr zurückziehen, die Welt sich entschleunigt und jeder etwas mehr mit sich selbst und den Umständen zu kämpfen hat. Wir haben mit Alma kurz vor dem Release ihres Albums genau darüber gesprochen und auch, wie sie mit der Situation klar kommt.

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Alma im NOIZZ-Talk: "Tu, was auch immer du tuen willst!"

NOIZZ: Wie fühlt es sich an, sein Album jetzt gerade in dieser Chaoszeit zu veröffentlichen?

Alma: Zuerst war ich wirklich panisch – ich habe mir viel zu viele Gedanken gemacht. Muss ich es jetzt canceln oder verschieben?! Dann habe ich aber mit meinem Team geredet und ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass es gerade jetzt wichtiger denn je ist, neue Musik zu veröffentlichen! Damit ich Leute aufmuntern kann und sie mal etwas anderes hören und an etwas anderes denken können, wie viele Tote es gerade in der Welt gibt. Wir brauchen auch gute Nachrichten, nicht nur schlechte.

Du hast sehr lange an dem Album gearbeitet – woran lag das? Bist du zu perfektionistisch gewesen oder lag es daran, dass du sehr persönliche Themen auf dem Album abarbeitest?

Alma: Haha, ich würde sagen beides. Das ist schon ein bisschen klischeehaft, was ich jetzt sage, aber: Ich wollte herausfinden, wer ich wirklich bin. Wo ich, auf lange Zeit gesehen, in meinem Leben hin will. Als ich das in ersten Ansätzen herausgefunden habe, und die richtigen Leute dafür gefunden habe, hat es erst nach und nach Sinn ergeben. Ich glaube, das ist auch ein Prozess und Teil des Erwachsenwerdens.

Alma in ihrer Wohnung in Finnland

Woher kommt der Titel und der Song "Have U Seen Her?"?

Alma: Es hat einfach total Sinn ergeben für mich. Ich bin sehr präsent – alleine mit meinen Haaren. Die Leute erkennen mich. Aber ich habe trotzdem kaum das Gefühl, dass sie wirklich wissen, wer ich bin. Ich meine, das habe ich ja selbst erst vor Kurzem herausgefunden. Gleichzeitig ist es auch eine Frage an mich selbst: Ob ich weiß, wer ich bin, ob ich mich sehe? Das ist einfach meine Geschichte, mein Leben. Das versuche ich in jedem einzelnen Song zu zeigen. Es ist deswegen der ideale Titel.

Hörst du jetzt in der Selbstisolation eigentlich Musik anders als vorher?

Alma: Nee, nicht wirklich. Ich habe vorher auch schon eher ältere Sachen gehört. Ich war sehr beschäftigt damit, mein Album aufzunehmen und fertigzustellen, deswegen habe ich seit einiger Zeit immer nur die gleichen Tracks gehört.

Ist dir Musik aber vielleicht noch wichtiger geworden?

Alma: Ja, total! Musik hat mir sehr dabei geholfen, diese harte Zeit irgendwie durchzustehen – tut sie immer noch. Mein Leben bestand seit vier Jahren nur aus Touren, ich war immer unterwegs. Jetzt, wo ich gezwungen bin, zuhause zu bleiben, war Musikhören und neue Musik zu machen wirklich befreiend. Es hat mir wirklich sehr geholfen, den Kopf frei zu kriegen.

Was bringt dich sonst durch diese Zeit – gibt es irgendwelche Podcasts oder Hörbücher, auf die du abfährst?

Alma: Also, ich bin eher der YouTube-Suchti. Ich schaue mir unendlich viele Vlogger an. Das ist superunterhaltsam, wenn dir superlangweilig ist. Ansonsten schaue ich viel Netflix. Bisher habe ich mich noch nicht wirklich an Hörbüchern versucht, aber das nehme ich mir schon so lange vor! Ich bin ein echt ungeduldiger Leser, deswegen könnten Hörbücher vielleicht genau das Richtige für mich sein!

Wie geht es dir sonst so in der Quarantäne?

Alma: Ich lebe ja in Finnland und seit fast zwei Monaten bin ich mehr oder weniger in Quarantäne – aber es ist ganz okay, wir dürfen ja noch rauszugehen.

Genießt du es, auch mal zuhause sein zu können oder gibt es Dinge, die du schrecklich vermisst?

Alma: Hmm, eigentlich finde ich es ganz cool, in meinem Haus zu sein. Liegt aber vielleicht auch daran, dass ich davor die ganze Zeit in den USA war. Aber ich vermisse echt meine Freunde, raus zu gehen, Party zu machen und natürlich auf Konzerte zu geben! Oh Gott, das vermisse ich wirklich. Und auch die Freiheit, jederzeit alles machen zu können, worauf man Lust hat.

Hast du einen Ratschlag, wie man am besten mit der Situation umgehen kann?

Alma: Versuche, etwas zu machen, das sich für dich einfach gut anfühlt. Ich mache zum Beispiel einfach Musik. Aber gleichzeitig sollte man sich wirklich keinen Druck machen, dabei ultraproduktiv zu sein. Wir müssen alle irgendwie durch diese Zeit kommen – auf unsere eigene Art und Weise. Wenn das für dich auf dem Sofa abhängen und Netflix gucken ist – fein. Tu, was auch immer du tun willst!

Hört hier Almas Quarantäne-Playlist mit Lykke Li, Rosalia und Lady Gaga

Alma hat uns noch den Soundtrack für ihre Quarantäne-Zeit verraten. Der ist mit einigen Klassikern wie "I Follow Rivers", und "Clint Eastwood" ein bisschen retro, aber hat mit Rosalia und der neuen Single von Lady Gaga auch einige Songs aus dem Jetzt parat.

Quelle: Noizz.de