Ein Bekenntnis.

Tell me, baby – Do you recognize me?

Als "Last Christmas"-Fan muss man eine Entscheidung treffen: Möchte man den Winter in Einsamkeit leben, aber dafür mit großartigem Soundtrack, oder ein florierendes Sozialleben haben, allerdings in Stille? "Last Christmas" ist wie Saumagen oder Mario Barth: Es polarisiert, und man kann es nicht "geht so" finden. Entweder man liebt den Track oder man hasst ihn. Und während ich auf pfälzische Kulinarik und den unlustigsten Nerv-Comedian Deutschlands (kennste? kennste?) mit Leichtigkeit verzichten kann, mache ich mir mit meiner Liebe zu Whams Smash-Weihnachtshit alljährlich Feinde. Fassunglose Reaktionen wie "Du hast doch eigentlich einen guten Musikgeschmack!" oder ein schlichtes "Was ist denn bloß falsch mit dir?" sind keine Seltenheit.

My god, I thought you were someone to rely on

Es gab Zeiten, da war ich von Selbstzweifeln zerrissen: Was ist denn tatsächlich falsch mit mir, wenn ich selbst mich mit George Michaels Stimme im Kopf so verdammt richtig fühle? Wenn ich Anfang Oktober heimlich den Song zum ersten Mal im Jahr einschalte? Wenn durch die lieblichen Klänge des Synthie-Keyboards innerlich eine euphorische Fontäne blinkender Tannenbäume zu sprudeln beginnt? Wenn ich Ende Januar niedergeschlagen einsehen muss, dass die Weihnachtssaison nun endgültig vorbei ist und somit auch die Zeit von "Last Christmas"?

Heute weiß ich: Ich muss dazu stehen. Heute traue ich mich, es zuzugeben: Ja, ich freue mich seit Februar wieder auf das nächste Weihnachten und meine Zeit mit "Last Christmas"! Nach Weihnachten ist vor Weihnachten und vor "Last Christmas"!

Once bitten and twice shy

Dabei kann ich nicht erklären, woran es liegt und wann es anfing. Wenn ich an meine frühe Kindheit denke, wurde jeder dunkle Winter durch George Michaels honigblonde Fönfrisur erleuchtet. Lichterketten und Christbaumschmuck verschmolzen seit jeher mit dem schwülstig süßen Gesang Michaels wie die Schokoweihnachtsmänner in der Frühlingssonne.

Vielleicht habe ich den Song als Kind einfach zu oft gehört – und er hat sich mir in die Seele gebrannt, so heiß wie Mandeln auf dem Weihnachtsmarkt? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich für mein Fandom nie ernst genommen wurde. Freunde, vor allem in der Pubertät, dachten, ich mache Witze, wenn ich von meiner musikalischen Liebe erzählte. Mithören wollte nie jemand. Traurig – ist doch geteilte Freude die pure, echte Freude.

Last Christmas, I gave you my heart

Es ist nun mal so, dass man für seine Leidenschaften Kompromisse eingehen muss. So lebe ich das Leben einer Person, die niemals Street Credibility haben wird – nicht, sobald jemand merkt, wie meine Augen leuchten, wenn "Last Christmas" ertönt. Ich höre den Song nie zu laut, versuche meine Umwelt zu schonen. Ich achte darauf, niemandem einen Ohrwurm einzupflanzen, was schwierig ist, wenn man dazu neigt, seinen Lieblinsgssong gedankenverloren vor sich hinzusummen.

Mein winterlicher Alltag findet nur im Schatten der Gesellschaft statt. Manchmal hoffe ich, dass es bei mir sein könnte, wie bei Rudolf, dem rotnasigen Rentier: vom Außenseiter zum Helden mit leuchtender Nase. Ein Traum, der vermutlich ewig unter den Schneehaufen des Videos zu "Last Christmas" begraben bleiben wird.

Quelle: Noizz.de