Wie Alessia Cara mir in 20 Minuten beibringt, was es heißt, mich selbst zu lieben.

„Die Welt bringt dir bei, die ganze Zeit unsicher mit dir selber zu sein. Deswegen ist dein ganzer Selbstzweifel nur in deinem Kopf“, erzählt mir der internationale Pop-Star Alessia Cara an einem kalten November Mittag im Hyatt Hotel in Berlin. Wir sitzen gemütlich gekuschelt in zwei schwarzen Leder-Sesseln und schauen verträumt auf den nebeligen Potsdamer Platz. Fast vergesse ich, dass ihre Managerin und Label-Vertreter hinter unserem Rücken stehen, und die Fotografin busy um uns herumschwirrt. Eigentlich bin ich für ein Interview da, doch gerade fühlt es sich eher wie eine dringend benötigte Therapie-Sitzung an.

Noch eine halbe Stunde vor dem Interview machte ich mit meiner Fotografin Ney Tran Test-Shots in dem Hotel. Mein einziger Gedanke, als wir die Fotos checkten war: OMG, wie kann ich nur gerade heute diesen lumpigen, unvorteilhaften Pulli angezogen haben. Also tauschten Ney und ich Pullis. Ich bekam ihren eng anliegenden, eleganten roten Rollkragen, und Ney das undefinierbar-grüne Sweatshirt mit abgetragenen Ärmeln. Dann kam Alessia Cara in den Raum – mit einem Sweatshirt von genau dem Kaliber, was ich gerade ausgezogen hatte. Und ein bisschen ärgere ich mich über meine grundlose Unsicherheit über ... über was eigentlich? Das unwichtige Stück Kleidung an meinem Körper? Im Nachhinein fühle ich mich ziemlich lächerlich.

Das Gespräch mit Alessia Cara fühlt sich an, wie Therapie. Foto: Ney Tran / Noizz.de

„And you don’t have to change a thing, the world chould change its heart. No scars to your beautiful, we’re stars and we’re beautiful“

Das singt Alessia Cara in ihrem Hit „Scars to your beautiful“, den mittlerweile fast jedes Teenie-Girl unter der Dusche mitsingen kann. Ihre ruhige, sanfte Stimme mit leichtem Hang zum Soul, unterlegt mit einem Pop-Beat spricht auch auf ihrem Durchbruch-Track „Here“ alle an, die sich inmitten von vielen Menschen auf einer Party eigentlich nur einsam und verloren fühlen.

Ihr bisher erfolgreichster Song „Stay“ hat auf Spotify mittlerweile schon über 700 Millionen Streams. Obwohl der Track mit Electro-Popper Zedd in Vergleich zu ihren ersten Liedern stark in die bedeutungsleichte Club-Pop-Schiene abgleitet, beteuert sie im Interview, ihren Sound seit Beginn nicht verloren zu haben. Anfang November gewann Alessia Cara sogar einen MTV European Music Award für die Best World Stage. Am 30. November (heute) ist ihr bisher zweites Studio-Album erschienen.

Sie tritt selbstbewusst und zielorientiert auf, doch strahlt eine Ruhe aus, die jegliche Verbissenheit überschattet. Wir reden über permanente Unterhosen-Flecken, Erwachsenwerden, die Größe des Universums, und Alessia erzählt mir von dem letzten Mal, wo sie geweint hat.

Alessia Cara im NOIZZ-Interview: „Du kannst als Frau nicht gewinnen.“

NOIZZ: In letzter Zeit trägst du bei all deinen Live-Auftritten und auf der Cover-Art deiner Singles einen übergroßen, grauen Anzug. Er steht für alle die Sachen, in die du momentan noch hereinwachsen musst. Wurdest du kritisiert dafür, dass du dich als Frau entschieden hast, nichts körper-betonendes anzuziehen?

Alessia Cara: Oh ja, und ob! Am Anfang fand ich die Kommentare noch normal, weil der Anzug ja tatsächlich etwas merkwürdig ist. Ich hätte aber nie gedacht, dass es den Leuten wirklich so wichtig ist, was ich anziehe. Jeder hatte irgendein Problem damit. Sie machten Kommentare wie „Es ist wirklich eine Schande für ein so hübsches Mädchen sich zu verstecken“ - und diese Kommentare kamen teilweise von Müttern! Ich frage mich, ob sie genauso reagieren würden, wenn ich ihre Tochter wäre.

Schade, eigentlich. Das Thema „Kleidung“ scheint für Frauen immer Thema zu sein.

Eben! Bin ich halb-nackt, dann haben die Leute ein Problem damit, dass ich halb-nackt bin. Bin ich total bedeckt, dann haben die Leute ein Problem damit, dass ich total bedeckt bin. Du kannst als Frau nicht gewinnen. Deswegen müssen dir die negativen Kommentare einfach egal sein.

Was ist das Schlimmste, was dir je Kleidungs-technisch passiert ist?

Meine Hose ist in der Öffentlichkeit gerissen! Wir mussten dann mit einem schwarzen Marker meine Haut anmalen, damit man das Loch nicht sieht. Ich hatte an dem Tag rosa Unterwäsche an und egal wie oft ich sie wasche, sie hat nun auch einen permanenten schwarzen Marker-Fleck.

Dein Insta-Game ist offen gesagt ziemlich on point. Hat Instagram die Art, in der du dich selber siehst, verändert?

Vor zwei Jahren habe ich die Kommentarfunktion auf meinem Instagram ausgeschaltet. Ich hab damals gemerkt, dass es keinen Unterschied macht, was Leute zu sagen haben. Ich will einfach nur eine Plattform, die komplett mir gehört und wo ich machen kann, was ich will.

Alessia Cara im NOIZZ-Interview Foto: Ney Tran / Noizz.de

Du bist gerade mal 22. Dein erster Hit „Here“ erschien, als du 17 Jahre alt warst. Wie ist es für dich, als Star aufzuwachsen?

Gerade in den letzten drei Jahren musste ich viel darüber lernen, was Erwachsenwerden bedeuten. Ich war gerade noch in der Schule und dann habe ich gleich angefangen, in diesem Business zu arbeiten, wo mein einziger Job ist, über sich selber zu reden und aufzutreten. Dabei hat man dann gar keine Zeit, mal alleine klar zu kommen und diese ganzen erwachsenen Sachen zu lernen.

Wolltest du denn schon als Kind Musikerin werden?

Ich habe meine ersten Lieder geschrieben, als ich zehn Jahre alt war. Damals hatte ich eine alte Schreibmaschine. Abends habe ich dann immer irgendwelche Songtexte darauf rumgehämmert. Dann habe ich auf meiner Guitarre versucht, eine Melodie dazu zu finden. Meine Mutter hat mir immer gesagt, ich solle doch bitte damit aufhören, weil es SO laut war! Heute habe ich die Schreibmaschine immer noch.

Ist deine Musik jetzt anders, weil du ein Star bist?

Ich finde nicht, dass das irgendetwas beeinflusst. Natürlich denkt man an seine Zuhörer, wenn man schreibt, aber es würde niemandem etwas bringen, wenn ich Songs darüber schreiben würde, was es bedeutet, ein Star zu sein. Dazu kann niemand Bezug nehmen. Ich will nie Musik veröffentlichen, die für niemanden etwas bedeutet.

Musst du dich manchmal in deinen Worten zensieren, damit andere dich verstehen?

Eigentlich das Gegenteil. Ich bin viel mehr dazu gezwungen, meine echten Gefühle zu zeigen, und nicht auf oberflächliche Gedanken zurückzugreifen. Innen drin sind wir alle nur Menschen, und dazu findet jeder einen Bezug, egal welchen Job du hast.

Alessia Cara im NOIZZ-Interview Foto: Ney Tran / Noizz.de

Fühlst du dich dazu hingezogen, Club-Music zu produzieren, weil solche Musik öfter in den Charts zu finden ist?

Nein, als ich dieses zweite Album gemacht habe, habe ich definitiv vieles riskiert. Alleine diese ganze Geschichte mit dem übergroßen Anzug. Als Pop-Artist denkt man immer, dass es eine bestimmte Nische gibt, in der du dich einnisten musst, um berühmt zu werden. Ich will aber nicht in der Art erfolgreich werden. Wie krass wäre es, wenn dieses Album erfolgreich ist UND ich etwas riskiert habe UND ich einfach gemacht habe, was ich will. Das ist so viel mehr belohnend. Für mich ist Erfolg erst wirklicher Erfolg, wenn ich zu 100 Prozent dahinter stehe. Ich würde lieber scheitern, weil ich etwas riskiert habe, als Erfolg zu haben, weil ich irgendeiner Formel folge.

Du bist so eine wunderschöne Frau, so viele Menschen lieben dich. Trotzdem schreibst du Lieder über Unsicherheit und Selbstzweifel. Woher kommen diese Gedanken?

Sie kommen von unseren dummen Gehirnen. Die Welt bringt dir bei, die ganze Zeit unsicher mit dir selber zu sein. Deswegen ist dein ganzer Selbstzweifel nur in deinem Kopf. Es ist egal, wie wunderschön du bist. Jeder hat Unsicherheiten. Jeder denkt, er sei nicht gut genug. Ich weiß, was es bedeutet, solche Gefühle zu haben. Deswegen mache ich auch Musik darüber. Ich weiß, dass mit mir alles in Ordnung ist, aber manchmal schaue ich mich selber an und bin verzweifelt über das, was ich sehe. Gerade gestern habe ich über meine Cellulite geweint. Manchmal schaue ich mich an und denke „ich hasse das, ich hasse, wie ich aussehe!“ Dabei weiß ich, dass das dumm ist.

Alessia Cara im NOIZZ-Interview Foto: Ney Tran / Noizz.de

Was machst du in diesen Situationen, wenn es dir richtig scheiße geht?

Für die Menschen um mich herum ist es leicht zu sagen „ach, das stimmt doch gar nicht“, aber manchmal muss ich einfach für mich alleine mit diesen Gefühlen umgehen. Ich schlafe eine Nacht darüber und merke, wie klein diese Situation im Gegensatz zum ganzen Universum ist. Ich versuche die Welt als ein riesiges Ding anzusehen, dann stelle ich mir die ganze Galaxis und das ganze Universum vor und dann denke ich darüber nach, wie klein die Erde eigentlich ist und wie klein etwas dummes wie Cellulite ist. Es ist noch nicht mal messbar! Wenn ich dann an dieses kleine Stück Haut denke in Relation zu diesem riesigen Universum, in dem wir existieren, dann wird so etwas kleines plötzlich völlig egal. Die Größe des Universums hilft mir dabei zu merken, wie unwichtig solche Sorgen sind.

Besuchst du manchmal einen Therapeuten?

Wenn ich zuhause bin, dann besuche ich meinen Therapeuten. Manchmal hilft es einfach, wenn du mit jemandem reden kannst, der trainiert darin ist, dir mit deinen Problemen zu helfen und dir damit hilft, Lösungen zu finden. Es ist schön, eine unvoreingenommene Meinung aufs Leben zu bekommen. Ich finde Therapie richtig gut.

Sollte man offener über Therapie reden?

Es sollte einfach normal sein. Jeder kann zur Therapie gehen, du musst dafür nicht psychisch krank sein. Es ist wie ein Freund zum Reden.

Alessia Cara im NOIZZ-Interview Foto: Ney Tran / Noizz.de

Als ich das Hotel nach dem Interview mit Alessia Cara wieder verlasse, ist es bereits dunkel geworden. Deswegen fühlt es sich auch irgendwie so an, als hätte ich ein stundenlanges Gespräch hinter mir. Doch die wichtigsten Inhalte brauchen eben nicht viel länger als ein paar Minuten, um sie zu kommunizieren. Selbst ein Pop-Star hat Selbstzweifel und Unsicherheiten. Trotzdem kann sie ganz offen darüber reden und hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihren Fans zum Glück zu verhelfen. So dann auch auf ihrem zweiten Studio-Album „The Pains of Growing“, dass sie am 30. November veröffentlicht.

Quelle: Noizz.de