Ihr neues Album trägt den Titel "Frontalcrash" und schlägt genauso ein: Full Speed und mit vollen Tacho in alle Richtungen. Wir haben mit Anton und Bennet nicht nur über ihr Album gefacetimet, sondern auch über die verwirrende Zeit in der wir gerade leben – mit allem, was dazu gehört.

In den vergangenen Wochen über Musik zu schreiben und zu berichten, ist gar nicht mal so leicht. Festivals werden abgesagt, Albumreleases verlegt, Konzerte fallen aus – Interviews werden verlegt oder können nur noch per Telefon oder Videocall stattfinden. Benett und Anton, die zusammen als das Duo AB Syndrom eine aufregende Mischung aus Electro-Pop und vielen anderen Einflüssen fabrizieren, haben zum Glück ihr neues Werk "Frontalcrash" trotzdem veröffentlicht. Ganz kalt lässt sie die aktuelle Situation aber nicht.

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Eigentlich wollten wir uns von Angesicht zu Angesicht treffen, ganz real und nah. Dann machten aber alle Cafés zu und es gab die offizielle Anweisung: "Haltet Abstand." Als dann aber Anton meinte, er "Fühle sich leicht erkältet", haben wir daraus lieber ein Facetimedate anstelle eines Proberaumdates gemacht. Nach den üblichen Startschwierigkeiten digitaler Kommunikation – "Läuft die Kamera jetzt bei dir?! Was sagst du?! Hallo?! – kriegen wir das Ganze dann doch gestartet, fast so als wären wir an einem Ort ...

"Ich habe meine allgemeine Panik-Erkältung auch überwunden“, verkündet Anton dann irgendwo zwischen peinlich berührt und stolz. Aber eigentlich sind wir ja zusammengekommen, um über das neue Album der beiden zu sprechen, der Nachfolger ihres 2018 erschienen Albums "Plastik". Wie der Titel es schon erahnen lässt: Es geht um Geschwindigkeit, Rausch, Hektik – im Inneren als auch in unserer Gesellschaft. Eine Ambivalenz, die in jedem einzelnen der 15 Tracks, die mal länger, mal kürzer sind, mit schwebt.

Vom "Frontalcrash" in den Grübelmodus

"Ich schreibe und komponiere meine Songs eher als eine Art Selbsttherapie", erklärt Bennet ziemlich abgeklärt, so als sei es das Normalste auf der Welt, sein tiefstes Inneres nach außen zu kehren und mit potenziell Millionen Zuhörern zu teilen. Die Songs auf "Frontalcrash" thematisieren Depressionen und unverarbeitete Traumata, die sich von Generation zu Generation fortpflanzen. "Manchmal habe ich im Nachhinein auch echt gar nicht so ein gutes Gefühl dabei", erklärt Bennet, und führt weiter aus: "Aber für mich ist es wichtig, die Sachen zu verarbeiten und anzusprechen. Dieser direkte Einstieg zum Beispiel mit "Frontalcrash" ist schon krass – ich habe lange überlegt, ob man das wirklich so droppen kann. Ich bin mir noch nicht mal sicher, ob ich darüber in Interviews sprechen will. Aber ich finde, man kann Sachen auch nicht totschweigen. Es kann anderen ja auch helfen."

"Es ist okay, wenn nicht alles perfekt ist", sing Bennet etwa im Song "Forty Forty" – dabei schwingt da eigentlich die Angst mit, dass es eben doch nicht so in Ordnung ist, wie der Sänger von AB Syndrom weiter erklärt: "Es geht viel um 'Highspeed Love', den Druck der Geschwindigkeit und was passiert, wenn man das alles so schnell weiterlaufen lässt." Also schwingt auch eine gewisse Kritik an dem, was in unserer Gesellschaft grade schief läuft mit?

Anton findest schon: "Auch, dass man den Druck verspürt, ständig so schnell und immer weiter zu machen – damit man sich wertvoll fühlt. Um dem Tag und sich selber einen Wert zu geben, um sich gut zu fühlen." Für Bennet ein sehr persönliches Thema, ein Druck, den er seit seiner Jugend verspürt und mit den Songs jetzt eben auch verarbeiten kann. Dabei ist der ständige Geschwindigkeitsrausch für die beiden Musiker auch mehr als nur ein individuelles Thema – es ist vielmehr der Zeitgeist, ein Symptom der Gesellschaft und Zeit, in der wir leben.

"Seitdem ich 15 oder 16 bin, geht es mir so, dass ich mich nur gut fühle, wenn ich mir den totalen Grind gebe. Das kommt ja aber nicht aus dem Nichts, sondern ist schon auch in unserem Umfeld verankert“, sagt er etwa über den song "Highspeedlove".

Was für eine Zeit, in der wir leben – AB Syndrom fangen sie in ihren Tracks ein

Das führt auch dazu, dass ihre Songs musikalisch ziemlich unkonventionell arrangiert werden. Die jetzige Situation, dass vieles von unserem sozialen Leben aufgrund der Coronavirus-Pandemie auf Eis liegt, ist für die beiden nur schwer zu ertragen. "Unsere Songs leben schon davon, dass wir sie auch live spielen. Dass das jetzt alles wegbricht auf unbestimmte Zeit, ist schon schwer für uns. Auch die neuen, sehr persönlichen Songs, dass wir die jetzt nicht so emotional rüberbringen können, ist schon ein richtiger Abfuck“, findet Anton.

Bennet hingegen kommt da gleich wieder ins Grübeln und überträgt alles aufs große Ganze: "Es sind schon besondere Zeiten. Für viele kommt jetzt auch so eine Art Entspannung. Bei mir ist es aber überhaupt nicht so, bei uns geht es ja jetzt erst richtig los mit Albumpromo. Das ist schon ein merkwürdiger Zustand." Die Kontraste, die schon im Bandnamen des Duos stecken, ziehen sich also wie ein roter Faden überall durch.

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Das zeigt sich auch in der Art und Weise, wie ihre Musik entsteht: Vieles beginne als Skizze, werde umgearbeitet, verworfen, neugestaltet. Kein Song, der es am Ende auf das Album geschafft hat, klinge so, wie er ganz am Anfang einmal als Versatzstück existierte, man erkenne sie kaum wieder, erklärt Anton. "Das ist ein künstlerischer Prozess, der uns sehr wichtig ist."

Das erklärt auch den Avantgardistischen bisweilen experimentell-abenteurlichen Sound von AB Syndrom. Viele der Songs entstammen einer wohlbekannten Klangwelt, die man aus zeitgenössischem Pop kennt, AB Syndrom gehen aber weiter – verfremden Texturen, geben ihre eigene Note hinzu. Am besten kann man das vielleicht am Song "Spiegelverkehrt", der zusammen mit Sängerin Mine entstanden ist, erkennen.

Für AB Syndrom kommt alles aus dem Inneren – und ist damit irgendwie auch politisch

Wer das erste Mal einen Song von AB Syndrom hört, mag diese aufreibende Mischung irgendwie befremdlich finden, aber gerade durch diese gewollten Ambivalenzen und wuchtigen Klangwelten lebt die Musik. Das spiegelt sich in den Texten und Inhalten ihrer Songs. Als politische Band verstehen sie sich aber nicht direkt, wie Anton erklärt: "Es gibt einerseits immer das Private, das aber auch mit einer gesellschaftlichen Komponente einher geht."

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Bennet steigt sofort auf diesen Gedanken ein: "Das bedingt sich ja auch total. Die Songs sind nicht geplant geschrieben, sie kommen immer aus meinem Inneren und oft merkt man dann eben, dass es da auch die gesellschaftliche Seite gibt, die uns alle betrifft." Bei einigen Songs sei die eine Seite eben etwas stärker ausgeprägt als die andere.

"'Frontex' ist vielleicht unser am offensten politisch-kommunizierter Track", gibt Bennet ein Beispiel. "Weil wir da die Vokabeln auch offen aussprechen. Aber auch der Song funktioniert dadurch, dass man ihn einerseits ganz klar nach außen aufs Weltgeschehen beziehen kann – und auf der eigenen Ebene aber auch eine zwischenmenschliche Beziehung beschreiben kann. Baut man Mauern auf, zieht man wen zurück ins Land oder lässt ihn ertrinken?"

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Wer das Album "Frontalcrash" verstehen will, der muss sich damit intensiv auseinandersetzen. Es ist kein Album, das man eben mal nebenbei hören kann. Gerade in Zeiten, wo wir zurückgezogen in unseren eigenen vier Wänden leben müssen, ist es genau der richtige Soundtrack, um zu verstehen, was in unserer Gesellschaft ab geht: Von Mental Health Issues, modernen Liebe bis hin zu "Fridays For Future" und dem blinden Hass von Rechtspopulismus. What a time to be a live. Sie ist laut, manchmal zart in sich zurückgezogen. Genau so klingen auch AB Syndrom.

Auf Spotify kannst du "Frontalcrash" von AB Syndrom natürlich auch hören:

Quelle: Noizz.de