Der größte Skandal ist eigentlich, dass Hafti wieder kein neues Album gedroppt hat.

2019 ist viel passiert: Kontra K hat erzählt, warum er sein eigenes Auge mit einem Löffel auskratzen wollte, Mero wurde mit Hells-Angels-Mitglieder gesehen und Haftbefehl ist seit diesem Jahr Influencer – für Zahn-Bleaching. "Deutschrap, was ist nur los mit dir?", könnte man an dieser Stelle fragen, doch wäre das völliger Bullshit. Deutschrap hat sich nämlich kaum verändert – leider. Sexismus, Ärger mit JournalistInnen, geklaute Klicks, Verschwörungstheorien und Beef zwischen den RapperInnen selbst: All das ist in dem Musikgenre mittlerweile irgendwie normal und fasst 2019 ziemlich gut zusammen.

Natürlich haben Alben wie "Trettmann", "Tua“, "Bling Bling" und "Supersize" unsere Musikherzen sehr, sehr glücklich gemacht. Podcast wie "Cosmo Machiavelli", "Deine Homegirls" und "Schacht und Wasabi" haben uns zudem immer wieder ein Grinsen aufgesetzt und uns mit wichtigen Fragen konfrontiert. Insgesamt haben HipHop-Medien vielleicht sogar mehr Kritikbereitschaft gezeigt, als in den Jahren zuvor. Doch gab es neben Chartrekorden, Lobhymnen und wichtigen Diskussionsrunden auch das ein oder andere Skandälchen. Wir erinnern an das, was 2019 nicht so dolle war: Acht Skandale, ohne die Deutschrap 2019 noch besser gewesen wäre.

1. Prinz Pi behauptete: "Ich habe im Deutschrap noch nie Sexismus oder Rassismus erlebt"

Im (fast) alljährlichen "New Fall Festival", einem Düsseldorfer Festival für Popkultur, richtete Rap-Magazin "Hiphop.de" eine Gesprächsrunde aus, die sich mit der Frage "Welche Werte hat Hiphop?" beschäftigte. Mit eingeladen war unter anderem Prinz Pi. Der Berliner Rapper gab dabei ein Statement ab, das in breiter Öffentlichkeit kritisiert wurde.

"[...] Ich persönlich, ich habe das nie irgendwie erlebt, dass in dieser Hip-Hop-Szene irgendwie jemand diskriminiert wurde wegen seinem Geschlecht oder wegen seiner Herkunft."

Dem Rapper wurde Ignoranz vorgeworfen, er sei betriebsblind, naiv und sich seinen eigenen Privilegien nicht bewusst. Mehrere Rapjournalisten wie Jan Kawelke und Johann Voigt, als auch Sängerin Mine thematisierten das Problem auf Social Media. Eine Entschuldigung, geschweige denn Einsicht, gab es von Prinz Pi aber bis heute nicht.

>> Prinz Pi behauptet: Im Deutschrap nie Sexismus oder Rassismus erlebt

2. Gzuz als Feature auf Trettmanns neuer Single – trotz vermeintlichem Skandal

"Auch wir mussten unseren Artikel zur aktuellen Gzuz-Thematik aus rechtlichen Gründen offline nehmen“, postete HipHop.de im Mai auf ihrer Instagramseite. Gzuz Exfreundin Lisa hat dem Rapper in einer langen Instagram-Story viele schlimme Dinge vorgeworfen. Medien thematisierten den Konflikt, mussten ihre Artikel aber wieder offline nehmen. Man munkelte, dass Abmahnungen die Runde machten. Wer Lisas Post gesehen hat, oder ein bisschen googelt, der kennt die Vorwürfe. Ob sie stimmen? Es steht Aussage gegen Schweigen. Was bleibt, ist ein bitterer Beigeschmack. Nicht zuletzt, weil Gzuz viel provoziert und ihm unter anderem vorgeworfen wurde, auf dem Splash-Festival eine Frau sexuell belästigt zu haben.

>> Gzuz und seine Ex-Freundin: Warum tun plötzlich alle so geschockt?

Umso mehr verwundert es, dass Trettmann Gzuz als Feature auf seinem gleichnamigen Album auftreten lässt – "Du weißt" war zudem die erste Single der Platte. Tretti ist angesehener, sehr erfolgreicher Rapper. Was er sagt, rappt und macht hat hohen Stellenwert. Warum dann einen Song mit jemandem machen, der wegen häuslicher Gewalt in der Kritik steht? Eine Erklärung zu "Du weißt“ gab es lange nicht. In einem Interview mit Nico von Backspin hieß es dann aber: "Vielleicht wäre es sogar einfacher gewesen, zu sagen 'Okay, wir lassen das halt weg'." Ein Statement auf Social Media sei nicht sein Style. Er sehe trotzdem das Positive in der Zusammenarbeit mit Gzuz.

>> Endlich ein Statement: Bereut Trettmann das "Du Weißt"-Feature mit Gzuz?

3. Fler gegen Casper und Journalisten – und mit jeder Menge Sexismus

Fler droppte 2019 eine transgenderfeindliche Line gegen Casper. Für Promo. Auf einem gemeinsamen Song mit Farid Bang. "Casper sieht aus wie ein Transgender-Model", hieß es. Das dazugehörige Snippet scheint aber mittlerweile nicht mehr auf YouTube verfügbar zu sein.

Damit sind alle Fler-Fauxpas aber noch nicht benannt.. Der Aggro-Berliner hat dieses Jahr einem Journalisten gedroht. Auf Twitter veröffentlichte er ein Foto des Klingelschildes eines Berliner Wohnhauses und verlinkte dazu den Account eines "Tagesspiegel"-Reporters. Dieser reagierte mit einem Post und kassierte prompt die nächste Drohung. "Haue dir für jeden frechen Tweet einfach mehr auf die Fresse", schrieb Fler. Pressefreiheit? Nicht mit ihm. Dafür wieder jede Menge Sexismus und Homophobie – im Track "Shirinbae".

>> "Auf die Fresse": Fler droht Berliner Journalisten

Shirin, die dieses Jahr so richtig abgeliefert hat und mit ihrem Einstieg ins Rap-Game eine neue Generation Boss-Bitches heranzüchtet, wurde in Flers Track auf Klischees reduziert. "Shirin-Bae, Nickname, Booty-Call auf meinem Display. Sie ist grad horny und fragt: 'Hast du Zeit, Bae?“, heißt es in dem Track. Shirin selbst wirbt für Flers Song.

Bei sexistischen Lines bleibt es nicht.“ Warum chillst du mit den Faggots?", rappt Fler weiter – der englische Begriff für Schwuchtel. Das ist schlicht homophob und kann auch nicht mit Kunstfreiheit entschuldigt werden.

>> Shirin, warum gibst du dich für Flers homophoben Steinzeit-Rap her?

4. Kollegah, der Vice-Artikel – und viele, viele Abmahnungen

Für Kollegah lief 2019 wohl nicht so gut. Nach dem Echo-Eklat 2018 und einem gescheiterten Event, kam dieses Jahr auch noch eine verdeckte Reportage von "VICE" und "BuzzFeed" online, die aufgedeckt hat, dass das "Alpha Mentoring" voll die Abzocke ist. Dazwischen bastelte Kolle in seinem kruden Verschwörungstheorie-Format "Para? Normal!" Der Rapper sammelte Negativschlagzeilen und verschickte darauf viele, viele Abmahnungen. Unter anderem gegen den Bayrischen Rundfunk.

>> Karriere-Aus bei Kollegah? YouTube-Kanal und Insta-Posts komplett gelöscht

5. Jigzaw – falsch auf allen Ebenen

Jigzaw, ein Signing des Kollegah-Labels Alpha Empire, hatte 2019 immer mal wieder Beef – nicht nur mit den Geissens, sondern auch mit einem ehemaligen Rap-Kollegen namens Samarita. Der Skandal-Rapper Jigzaw gab nicht nur an, dass die Mutter seines Konkurrenten koksabhängig sei, sondern er auch Sex mit ihr gehabt habe. Um das zu beweisen, veröffentlichte er zuerst Ton- und dann auch Bildaufnahmen des angeblichen Akts. Ein Skandal, der nichts mit dem typischen "Deutschrap-Beef" zu tun. Einfach nur ekelhaft.

>> Sexismus im Deutschrap: So widerlich verhält sich Kollegah-Sprössling Jigzaw

6. Fridays for Future vs. Deutschrap – der Rassismusvorwurf

Ende Mai hat Rapper Chefket den Klimaschützern von Fridays for Future strukturellen Rassismus vorgeworfen und eine öffentliche Entschuldigung eingefordert. Der Grund: Die Bewegung hatte den Musiker für ein Konzert bei einer anstehenden Demonstration angefragt – nur, um ihm dann kurzfristig wieder abzusagen. Die Begründung machte der Deutschtürke via Instagram öffentlich: Chefkets Feature mit dem deutsch-kurdischen Rapper Xatar sei nicht tolerierbar. Den Rassismus-Vorwurf wies Fridays for Future entschieden zurück. Ob der Vorwurf also wirklich ein Skandal ist, scheint demnach Ansichtssache. Für Chefket stand nach dem Statement trotzdem fest, dass er wohl nicht mehr auf einer FFF-Demo auftreten wird. "Der Zug ist abgefahren", teilte er NOIZZ auf Instagram mit.

>> Chefket und Xatar werfen Greta Thunbergs Klimaschutz-Bewegung jetzt Rassismus vor

7. Shindy vs. Shirin: Wer singt jetzt eigentlich auf "Affalterbach"?

Shindy veröffentlichte Ende März seine Single Affalterbach, musste sie aber nur einen Tag später wieder von allen Streamingdiensten entfernen – wegen einer Hook. Bei dem umstrittenen Part handelte es sich um Shirin David. Laut ihrer Aussage sind sich beide MusikerInnen bei dem Videokonzept zu der Single wohl nicht einig geworden. Shirin wollte Gleichberechtigung, Shindy aber nicht, dass sie als Feature genannt wird. Wenige Tage später veröffentlichte der Rapper "Affalterbach" erneut – nur dieses Mal mit einer anderen Frauenstimme. Wer das ist, weiß bis heute keiner. Der Name des weiblichen Feature bleibt unbekannt. WARUM?

>> Shindy musste seine Single „Affalterbach“ offline nehmen – wegen Shirin David

8. Der Rest vom Deutschrap-Fest

Natürlich sind Fler, Gzuz, Kollegah, Jigzaw und Prinz Pi nicht die einzigen, die 2019 für einen mehr oder weniger großen Skandal im Deutschrap gesorgt haben. Bonez hat Heroin verherrlicht, Capital Bra hat das Label Ersguterjunge verlassen und hat nun Stress mit einem ganzen Clan. Ob der Streit zwischen Abou-Chaker und Bushido und Bushido zwischen Fler geklärt ist, sei ebenfalls dahingestellt. Beef zwischen RapperInnen scheinen normal zu sein. Skandale braucht es in diesem Ausmaß aber nicht. Lieber mehr neue, geile Alben. Hafti, du hattest für deine neue Platte mal den Zeitraum "Winter" angekündigt. Wie sieht es aus?

Quelle: Noizz.de