Diese 6 Rapper zeigen: Chicago ist die Hauptstadt des Hip-Hop

Teilen
12
Twittern

Das gefällt vor allem dem großen Kanye West.

Mit seinem Soloalbum „ye“, dem Projekt „Kids See Ghosts“ und einer ganzen Reihe Produzentenaufträge für Pusha T, Nas und Teyana Taylor scheint der Frühling/Sommer 2018 quasi zur Glanzstunde des Rap-Sturm-und-Dranglers Kanye West avanciert zu sein.

Gut, die merkwürdige Rutsche eigenartiger Instagram-Posts, in denen er seine Fans unter anderem dazu aufruft, weniger nachzudenken und stattdessen einfach mal Dopamin zu googeln (?), ignorieren wir mal  – da Kanyes Instagram-Profil nun ja sowieso wieder gelöscht ist, bleibt uns auch gar nichts anderes übrig.

Bei alledem wird Kanye nie müde, in früheren Songs wie „Fade“, „Drive Slow“ oder „Homecoming“ den geographischen Ursprung seines Genies zu preisen: seine Liebesbeziehung zu der Stadt, die ihm quasi Wurzeln und Flügel, oder in Kanyes speziellem Fall, ähm, Zwangsjacke und Schmerztabletten zugleich bot, seit er als 3-Jähriger dorthin aufwuchs – Chicago.

In Anbetracht dessen wäre es einmal höchste Zeit, zu schauen, welche Künstler „Chi-Town“ eigentlich überhaupt erst auf die Hip-Hop-Landkarte gepackt haben und was dort momentan der heiße Scheiß ist.

1. Da Brat: Die Legende des weiblichen Hip-Hop

Fangen wir hier also mit der Plakativsten an: der Hip-Hop-Legende Da Brat, die in den tiefen Neunzigern die erste weibliche Künstlerin war, die für ein Hip-hop-Solo-Projekt Platinstatus verliehen bekam – ihr Debütalbum „Funkdafied“ schlug ein.

Die gleichnamige Single ist ein schön entspannter Mix aus leichtem R‘n‘B-Tunes, coolen Rap-Versen und einem eingängigen Sample der Isley Brothers. Das dazugehörige Video ist allein wegen der 90er Klamotten und der antiquierten Videoschnitttechnik absolut sehenswert.

Ihr Album „Unrestricted“ von 2001 wurde dann sogar vom jungen Kanye West gemeinsam mit Studio-Urgestein Timbaland produziert.

2. Common: Ein bisschen mehr Tiefgang

Anfang der 90ern schaffte es der Rapper Common, die Leute von seinen Flows zu begeistern. Mit seinen erfrischend ehrlichen Texten setzte er sich von Chicagos florierender Newcomer-Szene ab und legt mit den Grundstein für die später aufkommende Conscious-Rap-Bewegung.

Auch er erklärt ähnlich leidenschaftlich wie King Kanye betont oft die Liebe zu seiner Heimatstadt Chi, verklärt sie dabei aber nie romantisch. In seinem 1992 erschienen Album „Can I Borrow A Dollar“ beschreibt er die polizeiliche Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung – in Chicago leider bitterer Alltag – und zeichnet mit Themen wie Ungerechtigkeit, Drogenmissbrauch und Perspektivlosigkeit ein düsteres Bild.

Produziert wurde das Album komplett von der Chicagoer Legende No I.D., die Jahre später für Kanye West an den Reglern saß – zu Brettern wie „Heartless“ oder „Black Skinhead“.

3. Lupe Fiasco: Das Sensibelchen aus dem Chicagoer Untergrund

Mit seinem Hang zu interessanten Erzählungen und seiner Liebe zum Detail nimmt einen der junge Lupe Fiasco Mitte der Nuller Jahre in seinen Texten mit auf eine Tour durch seine Heimatstadt Chicago. Er berichtet von Waffengewalt und spricht darüber, wie es ist, Teil einer der zahlreichen Gangsta-Rap-Gruppen der Stadt zu sein.

Schließlich kommt der eher sensible Lupe mit dem Gehabe und den aggressiven und sexistischen Lyrics der anderen Rapper zunehmend weniger zurecht. Er beschließt, es als Solokünstler zu probieren, um Musik zu machen, hinter der er auch zu Hundert Prozent stehen kann.

Mit seiner nicht-trinkenden, nicht-rauchenden Schwiegersohn-Attitüde und seinem eher poppigen Sound hat er – und das muss man echt mal zugeben – etwas ganz Erfrischendes unter den ganzen Badboys.

Ab und zu erhebt Lupe dann den Zeigefinger, um auf Rassismus, Sexismus oder anderen, ihm alltäglich begegnenden Shit hinzuweisen, der ihm Kopfschmerzen bereitet.

Ein Beispiel hierfür ist der 2007 erschienene Track „Gotta Eat“, in dem er die zunehmende Fettleibigkeit der US-Bevölkerung durch Fastfood problematisiert. In gewohnt lässiger Attitüde mit einnehmenden Flow und vielen metaphorischen Lyrics macht seine Musik echt Spaß.

4. Chief Keef: Harte Töne dank harter Realität

Anfang der 2010er führt kein Weg an Chicagos neuster Hip-Hop-Innovation vorbei, den dieser Herr maßgeblich mitprägte: der Drill. Hier mischen sich Trap-Beats mit düsteren, lebensverneinenden, gewaltverherrlichen Lyrics, die auf organische Weise in einer Stadt geboren werden, deren Kriminalitätsrate weit höher liegt als im Rest der USA.

In „I Don’t Like“, einem seiner ersten Songs, drückt Chief Keef seinen Missmut über die Beschissenheit der Dinge für die schwarze Bevölkerung aus und erschafft einen Katalysator für den aufgestauten Hass, der einem natürlich als direkter Kontrast zur poppigen Wohlstands-Welt von Kollegen wie Lupe Fiasco oder Chance the Rapper auffällt.

5. Vic Mensa: Was fürs Gefühl

Aufgefallen war Vic Mensa in seiner Anfangszeit vor allem als Mitbegründer des Chicagoer Hip-Hop-Kollektivs Savemoney, dem auch Chance the Rapper angehört.

Nachdem seine Band Kids These Days 2013 zerbricht, beschließt er, als Solokünstler weiterzumachen, und ist damit seither ziemlich erfolgreich.

Als ganz besonderes Talent wird Vic Mensa nicht nur von Kanye West gehandelt, sondern auch von Jay Z. Das liegt zum einen an seiner zarten Singstimme, die seine Raps komplettieren, zum anderen an seiner Art, Gefühle und Lebenssituationen in seinen Lyrics perfekt zu transportieren.

Das beste Beispiel dafür ist der Track „A Lot Going On“ von 2016, der einen zwei Jahre nach seinem Erscheinen immer noch berührt. Vielleicht, weil man das Grundgefühl der Überforderung und des Überrollt-Werdens vom Leben als Twen so gut nachvollziehen kann.

In dem Song erzählt Vic von einigen Monaten seines Lebens, von den vielen Kämpfen, die er beruflich, gesundheitlich, privat und letztlich gegen sich selbst kämpft und wie oft er doch als Verlierer vom Feld ziehen muss.

Obwohl dies zweifelslos eines seiner stärksten Songs ist, kann man sich auch mit „We Could Be Free“ gut von seiner wundervollen Stimme und seinem überragenden Songwriting überzeugen.

6. Chance The Rapper: An ihm kommt derzeit keiner vorbei

Zurecht ist Chance the Rapper momentan einer der erfolgreichsten Chicagoer Exporte. Das könnte zum Großteil daran liegen, dass er, wie wenig andere Künstler in der Branche die Weitsicht, Sensibilität und Kreativität besitzt, Musikstile auf derart natürliche Art zu fusionieren, dass sie einem hinterher wie reine Selbstverständlichkeit vorkommen.

Dass er damit absolut den Nerv der Zeit trifft, zeigt schon alleine die Tatsache, dass er seinen Erfolg komplett auf Mixtapes aufbaute, die nicht kommerziell gehandelt wurden. Er hatte also kein Label hinter sich, von dessen Beziehungen er profitieren konnte, nachdem er wegen diversen Marihuana-Episoden von der High-School geflogen war und beschloss, sich von da an komplett auf die Musik zu fokussieren.

In seinem 2016 erschienen Mixtape „Coloring Book“ ist sein Stil gut zusammengefasst. Hier trifft Hip-Hop auf Gospel, Chöre auf Rap und steigende Selbstzweifel auf Konversationen mit Gott.

Reichert man das mit ein paar Ausflügen in den Jazz oder Chicagoer House ab, hat man so ziemlich den Kern der Begeisterung für Chance The Rapper begriffen. Der gerade mal 25-Jährige kann halt ziemlich viel ziemlich gut.

Diesen Sommer müsste auch Chance wieder ziemlich im Stress sein. Mit dem „This Is America“-Interpreten Childish Gambino hat er ein neues Projekt angekündigt, mit Kanye West immerhin sieben neue Tracks, außerdem einige Solo-Sachen.

Unter den vier neuen Songs, die diesen Juli veröffentlicht wurden, findet man auch „Work Out“, in dem er von seiner neuen Rolle als frischgebackener Vater erzählt. Von der Thematik daher neu, von den entspannten Beats her ziemlich typisch.

Ist Chicago also Hip-Hop-Kingdom?

Man sieht also recht schnell, es gibt nicht die eine Definition, an der man Hip-Hop aus Chicago definieren kann. Die Künstlerinnen und Künstler bedienen sich verschiedener regionaler Einflüsse und Stilen und lassen sich vom diversen Chicagoer Straßenpflaster inspirieren.

Einzig die Euphorie daran, sich an bereits bestehenden Nischen zu bedienen und immer wieder etwas Neues daraus entstehen zu lassen, wird konsequent durchgezogen. Und das ist dann wiederum schon ziemlich Kanye.

Themen

Kanye West Da Brat Common Lupe Fiasco Chief Keef Vic Mensa Chance The Rapper
Kommentare anzeigen

Auch spannend

Mehr