Landflucht hat schon seinen Grund.

Weihnachten ist die einzige Zeit, in der man wirklich mal Grund genug hat, in die eigene Heimat zu fahren und in dem leergeräumten Teeniezimmer mit Leopardentapete und lila Wänden zu übernachten. Die Zeit, in der man eigentlich schätzen soll, wie schön die Gegend ist, aus der man kommt. In der man die Instagram-Storys mit idyllischen Bildern des Landlebens füllen und für einen kurzen Moment sogar vergessen soll, wie schön das Leben in der Großstadt ist. Leider ist bei mir immer genau das Gegenteil der Fall.

Immer wenn ich an den Feiertagen nach Oberfranken fahre, fällt mir auf, dass ich meine Heimat hasse. Als ich meiner Mutter und meinem Bruder vor Kurzem davon erzähle, dass ich diesen Hass in Form eines Artikels ins Universum blasen will, lachen sie nur – etwas peinlich berührt. Dass so eine Geschichte nicht gerade gut bei meiner Familie ankommt, war mir klar. Denn meine Mutter wohnt gerne in der Gegend, in der sie auch selbst aufgewachsen ist. Meine Oma ist fast 80 und hat ihr Leben lang nie in einem anderen Dorf gewohnt.

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Dieses Dorf liegt im Nichts von Oberfranken und hat angeblich 1300 Einwohner. Doch wenn ich am 24. Dezember dort aufschlage, kommt es mir so vor, als würden nur meine Oma, ihre beste Freundin und ein paar verlorene Seelen dort rumgeistern. Alles ist verlassen und zerfallen, Häuser und Läden stehen seit Jahren leer, vom schönen idyllischen Dorfleben bekommt man hier nichts mehr mit. Stattdessen fühlt man sich verloren und hilflos. Diese Trostlosigkeit hat bereits Casper in seinem Song "Die letzte Gang der Stadt" perfekt zusammengefasst.

Als wir vor ein paar Jahren, bevor der Klimawandel so richtig zugeschlagen hat, noch weiße Weihnacht hatten, habe ich meine Heimat noch ertragen können. Denn unter einer dicken weißen Schneeschicht sieht man nicht, wie räudig das ist, was darunter liegt.

Ich wünschte mir, es wäre anders

Dass ich aus einem Teil dieses Landes kommen würde, der dem romantischem Idyll gleicht, der als Hintergrund auf dem neuen iPhone zu sehen ist. Dass meine Heimat an einer schönen Kleinstadt an der Ostseeküste liegt oder in den Alpen. Doch leider sind die meisten ländlichen Gegenden nur noch eine Erinnerung daran, dass niemand mehr in diese Gegenden investiert, alle jungen Leute wie ich wegziehen und dort deshalb alles nur noch schlechter wird.

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Sexistische Sprüche, Alltagsrassismus und Nähe zur AfD gehören hier zum gute Ton. Und daran ändert sich auch irgendwie nichts, denn alle liberalen Köpfe sind ja längst weggezogen. Und wir wissen alle, dass es nichts bringt, wenn man mit Familie an Weihnachten darüber diskutiert, wieso es eben nicht okay ist, das N-Wort zu benutzen, nur weil sich Schwarze Menschen manchmal selbst so bezeichnen.

Tja, und dann kommen eben noch die "Luxusprobleme" dazu. Ohne Auto sitzt du Zuhause fest. In dem einzigen Café in der nächstgelegenen Kleinstadt haben die nicht mal Sojamilch. Ein veganes Essen, dass dich satt und glücklich macht, ist im Radius von 20 Kilometern nicht zu finden.

Sorry, aber ich will einfach nur zurück in meine kuschlige, liberale Blase in Berlin.

>> "Dann bekommst du eben Pute!": Vegetarische Weihnachten bei polnischer Familie

>> Ein Familien-Therapeut verrät, wie dein Weihnachten nicht eskaliert

  • Quelle:
  • Noizz.de