Oh nein! Er hat "Scheiße" gesagt!

YouTube-Star Rezo hat jetzt eine zweiwöchige Kolumne auf Zeit Online. "Rezo stört" heißt diese, und der 27-Jährige wird hier nun aktuelle Themen aufgreifen und kommentieren. In seiner ersten Ausgabe knöpft er sich direkt Horst Seehofer und die gesamte Debatte um das Attentat von Halle und die Gamer-Szene vor. Rezo entlarvt Seehofer und nennt diesen nicht nur völlig ahnungslos und alt, sondern auch unglaubwürdig. Die Aussagen des Politiker bezeichnet Rezo als dumm. Also alles wie immer, oder? Aber jetzt mal ganz von vorne.

Worum geht's?

Seehofer hatte nach den antisemitisch motivierten Morden von Halle vor wenigen Wochen angekündigt, die Gamer-Szene stärker in den Blick zu nehmen und liebäugelte mit mehr Überwachung. Warum? Der Täter von Halle hatte seine Tat auf der Plattform Twitch live gestreamt. Diese wird vor allem auch dafür genutzt, Computerspiele live zu streamen. Das Bekennerschreiben, das der Attentäter vor seiner Tat im Internet veröffentlichte und in dem er sein Vorhaben skizzierte, orientierte sich unter anderem an Gamer-Jargon. Also Grund genug, mal eben eine riesige Bevölkerungsgruppe über einen Kamm zu scheren – und vor allem davon abzulenken, dass es sich insbesondere um einen verdammten Rassisten, Judenhasser und Verschwörungstheoretiker handelt, der hier um sich geschossen hat, und nicht um einen Gamer.

Was ist denn überhaupt Rezos Aussage?

Um Seehofers Aussage kümmerte sich nun in aller Ausführlichkeit Rezos Text auf "Zeit Online". Seine Schlagrichtung: Horst Seehofer hat keine Ahnung von dem Gegenstand, den er bespricht, wirft Begriffe wie "Gamer" und "Simulation" total durcheinander und zieht daraufhin Schlüsse, die drastisch und unhaltbar sind. Darüber hinaus wirft Seehofer eine riesengroße Gruppe Menschen in einen Topf mit mordbereiten Faschos.

Rezos Schlußfolgerung und Appell: Prüfen, ob die Menschen, die Reden schwingen, eigentlich wissen, wovon sie sprechen, nicht alles glauben, was einem vorgesetzt wird, und vor allem Politiker an sich von ihrer oft vorherrschenden Immunität befreien. Im Klartext: "Es darf nicht lediglich als kleiner Fauxpas abgestempelt werden, wenn ein Innenminister die Massenüberwachung der halben Bevölkerung fordert und offensichtlich nicht weiß, wovon er da spricht." Recht hat er.

Und warum regen sich alle auf?

Im Prinzip ist Rezos Kommentar keine so große Sache – er hat eine Aussage und unterfüttert diese mit Argumenten. Einen Politiker zu grillen, der unbedacht Äußerungen tätigt, ist das täglich Brot der Politpresse. Unter diesem Aspekt ist Rezos Text echt nichts Besonderes. Auch rhetorisch nicht – ist schon solide, was er da abliefert. Aber nicht ungewöhnlich.

Auf Twitter gingen dennoch direkt die Buhrufe los. Von Niveaulosigkeit wird gesprochen, davon, dass jemand wie Rezo nichts in der "Zeit" verloren habe und dass hier nun die Gossensprache vergesellschaftlicht würde. Schon klar, Rezo ist ziemlich deutlich und schreibt halt ähnlich, wie er spricht. Er sagt in seinem Text ganz böse Wörter wie "Bullshit" und "Scheiße" – gut, dass er nicht auch noch "Pimmel" in seinem Text untergebracht hat, vermutlich würden dann direkt alle rot anlaufen und sich ein Sauerstoffzelt suchen. Und klar, einem Politiker wie Seehofer vorzuwerfen, er wolle mit seinen Anschuldigungen "anderen Senioren die passenden Schuldigen für das Unglück in der Welt präsentieren", ist nicht ohne – auch wenn er damit inhaltlich vermutlich gar nicht so falsch liegt. Der Wortlaut ist auf einem etablierten Medium wie der "Zeit" nicht üblich. Aber ist das wirklich einen so großen Aufreger wert?

Alt gegen jung oder was?

Die Diskussion, die hier laut wird, ist der eigentliche Kern des Problems: Die Überheblichkeit alter Generationen gegenüber jungen Stimmen. Einer mit blauen Haaren aus diesem Internet, diesem YouTube – den kann man doch nicht ernst nehmen. Einen alten weißen Mann, der noch weißere Haare hat, aber offensichtlich schon. Und zwar nur weil dieser blasierter klingt, wenn er spricht, einen Anzug trägt und es aus irgendwelchen Gründen auf den Posten eines Ministers geschafft hat.

Oder geht es allen Kritikern darum, dass Rezo im strengen Sinne kein geübter Journalist ist, aber nun dennoch für ein angesehenes Medium schreibt? Ganz ehrlich: Renommierte Schreiber verzapfen hin und wieder den allergrößten Mist – nur, dass sie dabei nach einem viel tieferen Stock im Arsch klingen (oh nein, nun haben wir das Wort "Arsch" benutzt – gut, dass von NOIZZ auch niemand etwas anderes erwartet ...).

Bei Twitter heulen einige User dann auch direkt der guten alten "Zeit" nach. Sie sprechen von Marion Gräfin Dönhoff (legendäre langjährige Chefredakteurin und Mitherausgeberin ) oder Helmut Schmidt (Altbundeskanzler und Ex-Herausgeber), unter denen so was ja niemals möglich gewesen wäre. Beide leben nicht mehr. Diese Tatsache zeigt vor allem eines: Ihre Zeit ist vorbei. Es geht weiter. Und es wird Zeit, dass sich was dreht. Im Moment haben nämlich immer noch viel zu viele Leute das Sagen oder Spitzenpositionen in Parteien inne, bei denen man sich fragt, in welcher Realität sie eigentlich leben.

Dass die "Zeit" kurzerhand einen YouTuber zum Kolumnisten macht und somit den ganzen Laden, aber auch die Politik, ordentlich aufmischt, ist nicht nur mutig, sondern vollkommen richtig. Vielleicht hat es dort ja endlich mal jemand verstanden, dass man nicht automatisch recht hat, nur weil man einen oldschoologen Lebenslauf vorweist oder schon lange genug gelebt hat.

Rezo und die CDU

Rezo polarisiert gerne – weiß man nicht erst seit seines Videos zur Europawahl im Mai dieses Jahres, in dem er die CDU komplett demontierte. Einige waren ungehalten, was sich hier einer von diesen YouTubern eigentlich erlaube – CDU-Parteichefin AKK wünschte sich im Zuge ihrer Kritik an Rezo sogar feste Regeln für Meinungsäußerung im digitalen Bereich. Also mit anderen Worten: Zensur. Autsch! So viel dazu, dass Aussagen von Politikern ordentliche Skepsis vertragen. Wir freuen uns schon auf Rezos nächste Kolumnen!

Quelle: Noizz.de