Warum es gleichzeitig scheiße und geil ist.

Noch vor wenigen Monaten habe ich mir meine Haare andauernd neu gefärbt. Pink, Weiß, Neongrün. Dann wurde es mir zu anstrengend – und meine Haare wurden dunkelbraun. Damit hab ich mich richtig wohlgefühlt. Mittellange Haare, braun, damit fällt man nicht auf. Und so habe ich es mir in meiner kuscheligen Blase gemütlich gemacht, mir die Decke der traditionellen Weiblichkeit bis über die Ohren gezogen und wollte mich aus dieser Komfortzone am liebsten gar nicht mehr raus bewegen. Eines Tages kam er dann wieder, der Teufel auf meiner Schulter, der wollte, dass ich mir die Haare komplett abrasiere. Und fuck, dann hab ich es einfach getan.

Nicht nachdenken, einfach machen

Wieso zur Hölle würde man sich die Haare abrasieren, auf acht Millimeter Bundeswehrlänge, wenn man sich doch eigentlich so flauschig gut aufgehoben fühlt, in der Welt? Ja genau deswegen eben. Sich die Haare abzurasieren ist nicht nur ein ultimatives "Fick dich!" ans Schönheitsideal der westlichen Gesellschaft, sondern auch ein eigener Stoß raus aus der Komfortzone. Denn nur weil ich jetzt abrasierte Haare habe, heißt das ja nicht, dass ich das sofort geiler finde als lange Haare. Wenn ich meine Reflexion im schmierigen Fenster der S1 sehe, hätte ich am liebsten wieder meine massenvertraglichen, kinnlangen, braunen Haare. Aber ich habe keine Wahl, als mich zu zwingen, mich auch so attraktiv und weiblich zu finden. Bis es irgendwann in meinem Kopf ankommt.

Mir ging es ja auch nie um diese Frisur, einen Buzzcut, wie man es im Englischen nennt, sondern um den Akt des Haare-Abrasierens. Ich sage dir, you gotta have balls, um dich das zu trauen. Wenn die Haare fallen und du weißt, dass es nun mindestens 1,5 Jahre dauert, bist du wieder da bist, wo du vor 30 Minuten noch warst. Ich musste es trotzdem tun, auch um mich von diesen dämlichen Schönheitsidealen der Kardashians zu befreien.

Die Kardashians und ihre verdammten Perücken

Tag ein, Tag aus, werden mir Bilder von Kylie, Kim und Co. in meine Instagram-Timeline gespült. Besonders Kylie scheint einfach immer die perfekten Haare zu haben. Lang, megagesund und gefühlt jeden Tag eine neue Farbe? Was man schnell mal vergisst, wenn man nicht reflektiert über diese Bilder nachdenkt, ist, dass es sich dabei fast immer um Perücken handelt. Sauteure Echthaarperücken, vermutlich aus den Haaren armer Inderinnen, die sie für wenig Geld verkauft haben, um ihre Familie zu unterstützen.

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Viel zu oft habe ich mir diese Bilder zum Vorbild genommen, meine Haare tot blondiert, hunderte Euro ausgegeben und am Ende enttäuscht vor dem Spiegel gestanden, mit gefickten Haaren und ganz und gar keinen Traumlocken. Sorry, Kylie, das mach ich jetzt nicht mehr mit. Ich hab dich durchschaut. Wenn es bei dir Fake ist, wird das bei mir jetzt auch Fake sein. Denn wieso soll ich denn nicht auch den Luxus haben, meine eigenen Haare, gesund und unkompliziert unter einer Perücke zu verstecken? (Ich kaufe mir natürlich Kunsthaar, die nicht mit den Tränen von Inderinnen oder Brasilianerinnen getränkt ist.)

Neben Kylie Jenners falschen Haaren haben mich auch meine Familie und meine Freunde mit ihren Aussagen dazu bewegt, den Rasierer anzusetzen. "Ich weiß nicht so recht, dafür braucht man auf jeden Fall eine schöne Kopfform", oder "Also ich würde das nicht machen", bis hin zu "Für mich ist die Vorstellung nicht schön" (Danke Mama!), habe ich so ziemlich alles zu hören bekommen, wenn ich mal wieder mit dem Gedanken gespielt habe. Selbst mein liberales Umfeld hält an den Normen unserer Gesellschaft fest: Lieber lang, als kurz. Denn obwohl mich jetzt all diese Menschen mit Komplimenten überschütten, gelten die netten Worte nicht meiner Frisur, sondern dem Mut, den ich aufgebracht habe, meine Haare abzurasieren.

Autorin Juliane mit ihrer neuen Frisur Foto: Noizz.de

Es ist wirklich verrückt: Sobald die Haare weg sind, ist das Nächstmögliche das Objekt eines Schönheitsideals. Meine Kopfform, mein Schädel, der doch eigentlich nur mein Gehirn beschützen soll, muss auf einmal schön, sexy, attraktiv aussehen. Sonst könne man das nicht machen, Acht-Millimeter-Haare.

Im Endeffekt möchten eben doch fast alle Frauen lieber lange Haare haben

Deshalb habe ich diese Entscheidung selbst 2,5 Jahre rausgezögert und zuvor doch nie den Schritt gewagt. Gegen traditionelle Geschlechterrollen anzukämpfen ist hart und es laugt einen aus, dumme Sprüche und Blicke zu kassieren, wenn man das Haus verlässt. Ich sehe meine "Tat" deswegen als eine Art Aktivismus, mit dem ich anderen Frauen aus meinem Umfeld zeigen will: Schönheit hat nichts mit Haaren zu tun. Schönheit ist ein ausgedachtes Konstrukt, dass uns Haarprodukte, Extensions und Haarfarben verkaufen will, während Männer einfach mit abrasierten Haaren durch die Welt spazieren, und theoretisch noch nicht einmal Shampoo benötigen.

Hinter Haaren kann man sich leicht verstecken, sich als jemand ausgeben, der man nicht ist. Sich vor voyeuristischen Blicken Fremder schützen. Lange Haare sind im Alltag eine Tarnung und der Schlüssel zu einem himmlischen Leben in der Welt der Genderstereotypen. Diese Welt zu verlassen ist aber auch ein verdammt geiler Befreiungsschlag, den jede Frau mindestens einmal im Leben erlebt haben sollte. Denn: Nobody is as fearless as a bold woman.

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Quelle: Noizz.de