Ein Liebesbrief.

Es ist 2018, ich sitze auf der Couch in meiner Zwei-Zimmer-Wohnung in Berlin. Gedankenlos spiele ich an meinem Handy herum, bin mal auf Instagram, dann bei Facebook. In meiner Timeline sehe ich ein Video, das Gesicht erkenne ich sofort. Es ist Sängerin Halsey, die beim Women's March in New York ein Gedicht vorträgt – "A Story Like Mine". Nach nur wenigen Worten verschwimmt der Bildschirm, ich kann fast nichts mehr erkennen. Denn meine Augen füllen sich mit Tränen. Halsey spricht genau das aus, was viele Frauen erlebt haben, gerade erleben und auch noch oft erleben werden.

Sie spricht von ihrer Freundin Sam, die nach einer Vergewaltigung bei Planned Parenthood landet und betet, dass der Mann vom After-School-Programm sie nicht geschwängert hat. Denn sie hat kein Geld für eine Abtreibung. Sie reimt über ihre persönlichen Erfahrungen, wie sich 2002, 2012 und 2017 Männer an ihr vergingen. Sie spricht von dem Tag, an dem sie eine Fehlgeburt erlitt kurz nachdem sie ihr Freund missbrauchte. Nur Stunden danach stand sie auf der Bühne, mit einer Windel, um das Blut ihres verletzten Körpers aufzufangen.

I even went on stage that night in Chicago when I was having a miscarriage

I mean, I pied the piper, I put on a diaper

And sang out my spleen to a room full of teens

What do you mean this happened to me?

You can't put your hands on me

You don't know what my body has been through

I'm supposed to be safe now

I earned it

Mit den Worten "Gott weiß, dass es einen Krieg zu gewinnen gibt" beendet die Sängerin ihr Gedicht und in diesem Moment wird mir klar – das ist die stärkste Frau, die gerade in meinem Kosmos stattfindet. Eineinhalb Jahre später hänge ich noch immer an den Lippen von Ashley Nicolette Frangipane, wie die Künstlerin mit bürgerlichem Namen heißt.

Erst gerade ist die Künstlerin wieder in die Schlagzeilen geraten. In einem Interview mit dem "Rolling Stone" öffnete sich Halsey erneut und teilte, dass sie sich nach ihrem Durchbruch mit dem Song "Closer" zwei Mal in eine psychiatrische Anstalt einweisen musste, weil sie merkte, dass die Berühmtheit sie an ihre Grenzen brachte. Für Boulevardblätter ist das ein gefundenes Fressen. Halsey ist das egal, sie möchte einfach nur aufklären. Und die Scham loswerden, die einem die Gesellschaft für so etwas in die Schuhe schieben will.

Die Aktivistin nutzt ihre persönlichen Erfahrungen schon seit Beginn ihrer Karriere um auf (systematische) Probleme der amerikanischen Gesellschaft aufmerksam zu machen. Ob es nun ihre Erfahrung mit der eigenen Bipolare Störung ist oder doch die Zeit, in der sie mit 17 Suizid begehen wollte – die 24-Jährige teilt ihren Schmerz und ihre Ängste um Stigma aufzubrechen. Im Gegensatz zu anderen Celebrities hat sie eins verstanden: Nur wenn wir über unsere Issues reden, können wir sie beseitigen und uns selbst und andere heilen. Deswegen lese ich ein Interview mit Halsey, höre mir ihre Reden bei Demonstrationen an – und wische bei Videos von Taylor Swift und Kylie Jenner weiter.

Obwohl Halsey durch ihre psychische Erkrankung und ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt bereits viel einstecken musste, was sie in ihrer grandiosen Popmusik mit Indie-Touch verarbeitet, zeigt sie jungen Frauen überall auch: Frauen sind keine Opfer. Mit ihrem aktuellen Track "Nightmare" hat sie deshalb eine Hymne für starke Frauen geschaffen, die sich von Männern und einer sexistischen Welt nichts gefallen lassen. Darin fasst sie die Gefühlswelt einer ganzen Generation ein: "Ich habe Lügen und Männern vertraut, bin in mich zusammengefallen und habe mich selbst wieder zusammengebaut. [...] Ich bin müde und wütend, aber irgendjemand sollte das sein."

Scham, Angst, Zensur? Diese Wörter gibt es in der Welt von Halsey nicht. Sie spricht all das aus, was in ihr vorgeht, was sie belastet und was sie verletzt. Wie die Welt darauf reagiert? Das ist doch nicht ihr Problem. Von den perfekten Pop-Prinzessinen wie sie einst noch Christina Aguilera und Britney Spears sein mussten, haben wir uns zum Glück schon längst entfernt. Doch selbst in der aktuellen Musikbranche kommt niemand an die Offenheit und Direktheit von Halsey ran. Während Taylor Swift nur mit dutzenden Andeutungen um sich wirft, sagt die New Yokerin einfach nur: Ja, ich identifiziere mich als queer – und?

Sobald wir Dinge aussprechen, nehmen wir anderen die Möglichkeit hinter unserem Rücken über uns zu reden oder die Tatsachen zu verdrehen. Wenn wir für uns selbst einstehen, ohne Scham über Probleme wie sexuelle Gewalt reden, nur dann können andere lernen, das es keiner Scham bedarf. Du bist nicht deine Krankheit, dein Trauma oder deine sexuelle Orientierung – du bist einfach nur du selbst. Diese Message spüre ich tief drin, wenn ich die Musik von Halsey höre und ihre Worte mich an ihre Ansprache beim Women's March erinnern. Gott weiß, es gibt einen Krieg zu gewinnen.

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Quelle: Noizz.de