Ganze drei Monate ist der Terroranschlag von Hanau her, ich erinnere mich an den Schock in der PoC-Community in Deutschland, an Gedanken und Gefühle von von Rassismus betroffenen Personen, daran wie die Stimmen, derer, die sonst marginalisiert und ignoriert werden, für eine kurze Zeit gehört wurden und wie die der Privilegierten schwiegen.

Während PoC das Bedürfnis hatten den Terror, der sich an einen Abend im Februar in Hanau ereignete, in Posts, Gesprächen und Texten zu verarbeiten, verstummte ein Teil der weißen Community. Bis auf eine kleine Gruppe von Personen äußerten sich weder online, noch von Angesicht zu Angesicht Menschen über Hanau, die nicht von Rassismus betroffen sind. An dieser Stelle sollte klar sein, dass ich nicht von Personen des öffentlichen Lebens spreche. Die Tage nach Hanau fehlte bei den meisten meiner weißen Bekannten, die sich sonst für Klimaaktivismus und Feminismus einsetzen, jede Spur von Empörung und Empathie, online und im Alltag.

"Nicht rassistisch zu sein ist nicht das Gleiche wie anti-rassistisch sein"

Während die PoC-Community online regelrecht ihren Schmerz ausschrie, ihre Angst und Enttäuschung vermittelte und trauerte, kam wenig Mitgefühl an den Geschehnissen von denen, die keine Rassismuserfahrungen machen. Ob es nur in meiner Bubble so zuging, weiß ich nicht, aber in Gesprächen mit anderen PoCs kam immer wieder das gleiche Thema auf: "Fast alle meine weißen Freunde zeigen keine Anteilnahme an unserem Schmerz." Ich erinnere mich, wie ich am Tag der Tat in Hanau und die Tage danach immer wieder darauf hoffte, dass meine weißen Freunde sich auch dazu äußern würden, wenigstens online – ich erwartete nicht einmal, dass sie demonstrieren gehen – doch vergebens, ich konnte die, die sich aktiv äußerten, an einer Hand abzählen.

Wenn etwas Rassistisches geschieht, und Weiße diesen Rassismus nicht öffentlich anprangern, dürfen sie sich nicht für anti-rassistisch halten. Dass man sich in Zeiten der Wut und Trauer Anteilnahme von seinen weißen Freunden wünscht, ist selbstverständlich. Es ist schade und tut weh, wenn man seinen Freunden beibringen muss, wie wichtig es ist, beim Thema Rassismus in Deutschland nicht zu schweigen – das sollte eigentlich selbstverständlich sein, dachte ich.

Das Problem der White Fragility

Wenn man Freunde, Bekannte, Kollegen und Konsorten auf Probleme in Bezug auf Rassismus anspricht, ihnen seine Gefühle erklärt und sich beschwert, wird man schnell mit einer Abwehrhaltung konfrontiert. Jede PoC kennt dieses Phänomen. Die Wissenschaftlerin Robin DiAngelo erklärt und beschreibt es als "White Fragility": White Fragility wird als ein Zustand charakterisiert, in dem selbst ein minimaler "Stress", ausgelöst durch das Thema Rassismus, für eine Weiße Person unerträglich wird und eine Reihe von Abwehrmechanismen auslöst.

Zu diesen Aktionen gehören Emotionen wie Wut, Angst und Schuld und Verhaltensweisen wie: Argumente zur Dekonstruktion der Bedeutung des Themas und derjenigen, die es zur Sprache bringen, die Unfähigkeit, Gespräche zu führen, oder einfach die Flucht vor der Stress auslösenden Situation, um den Komfort der Weißen wiederherzustellen, so DiAngelo. Das Phänomen der "White Fragility" hindert Weiße daran, sich mit Rassismus und Rassismuserfahrungen zu beschäftigen, und ihn somit auch zu bekämpfen. Wer sich seiner "White Fragility" nicht bewusst ist, ist Teil des Problems.

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White Allies sind wichtig

Sogenannte White Allies, also Weiße, die sich aktiv gegen Rassismus einsetzen und zu den von Rassismus betroffenen Communities halten, sind wichtiger, als sie denken. Viele PoC sind immer noch von bestimmten Kreisen in der Gesellschaft ausgeschlossen. In ausschließlich weißen Kreisen braucht es White Allies, um Rassismus, vor allem an Orten, wo er geleugnet, kleingeredet und gerechtfertigt wird, zu dekonstruieren und die Gedanken und Probleme von von Rassismus Betroffenen in weiße Kreise zu tragen, wo sie sonst nie Gehör finden würden.

Rassismus funktioniert, indem er PoCs degradiert und Macht und Privilegien für weiße Menschen schafft, deswegen ist es nötig, dass Weiße beim Thema Rassismus ihren Mund aufmachen und sich klar gegen ihn positionieren und Anteilnahme zeigen, nicht zuletzt aus Respekt und Empathie gegenüber der Trauer, Wut und Hilflosigkeit, die ihre Freunde mit Rassismuserfahrung fühlen.

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Quelle: Noizz.de