Nur grauhaarige Frauen sind "echte" Frauen. Echt jetzt?

Stellt euch vor, ein Mann und eine Frau machen ihre Beziehung öffentlich – und niemand vergleicht ihr Alter, Aussehen oder Bankkonto. "LAAANGWEILIG", schallt es aus den tiefsten Tiefen der sozialen Netzwerke. Denn schließlich handelt es sich bei dem Mann um Frauenschwarm (und Schauspieler) Keanu Reeves und bei der Frau um eine – würg – etwa Gleichaltrige.

Die Detonation dieser Beziehungsbombe scheint wirklich jeden Troll mit Internetzugang an seine Tastatur geschleudert zu haben und bringt zum Vorschein, wie zutiefst sexistisch und vor allem scheinheilig unsere Gesellschaft ist. Richtig gehört: Als Reeves (55) sich am Wochenende mit der neun Jahre jüngeren und grauhaarigen Alexandra Grant (46) Hand in Hand fotografieren ließ, schwappte nicht nur eine Welle von Negativkommentaren über die sozialen Medien. Mindestens genauso viele User lobten Reeves für seine "Einstellung".

Wenn ihr jetzt denkt: "Ist doch total nett", dann muss ich euch enttäuschen. Denn – Überraschung – einen Mann dafür zu loben, dass er mit einer grauhaarigen Frau zusammen ist genauso schlimm wie die Frau für ihr Alter und Aussehen zu beleidigen. Es ist sogar noch schlimmer: Anstatt seinen Sexismus öffentlich durch direkte Beleidigung zu äußern, wird er durch das scheinheilige Lob nur salonfähig gemacht. Für alle, die noch immer nicht überzeugt sind, erkläre ich es hier am Beispiel.

Beispiel 1: Der offen sexistische Troll.

Der Verfasser: Kein Klarname, kein Bild vom User, eine Twitter-Bio in der "Mehr oder wenig politisch unkorrekt" steht – ein klassischer und klar erkennbarer Troll.

Was er schreibt: "Die wohl glücklichste Oma der Welt!"

Die Aussage hinter der Aussage: Alexandra Grant ist alt und somit als Frau nicht mehr attraktiv für Männer. Es ist ein Wunder, dass sie trotzdem einen begehrten Schauspieler als Partner "abgekriegt" hat und das ist der Grund, warum sie auf dem Foto so strahlt.

Die Troll-Diagnose: Absolut diskriminierender Mist – aber nichts Neues. Jeder kann Tweet und Absender als das erkennen, was sie sind: sexistisch und nicht salonfähig.

Beispiel 2: Der verdeckte Sexist.

Der Verfasser: Bastian Bielendorfer alias @Lehrerkind. Als Autor und Comedian Person des öffentlichen Lebens und aus der "Mitte der Gesellschaft".

Was er schreibt: "Keanu Reeves hat eine neue Freundin. Sie hat graue Haare und ist nicht operiert Das Internet "Bor ist die alt!" Was für Arschlöcher! Anstatt einer zusammengeschraubten US-Tussi eine "echte" Frau zu haben ist kein Makel, sondern beweist, was Reeves für ein cooler Typ ist."

Die Aussage hinter der Aussage: "Ich distanziere mich von den "Arschlöchern", die Alexandra Grant wegen ihres Alter beleidigen. Ich nehme mir aber das Recht heraus, sie als "echte Frau" zu bewerten, weil sie ihren Körper nicht operiert und ihre Haare nicht färbt. Frauen, die ihren Körper modifizieren, um Schönheitsidealen zu entsprechen sind keine "echten Frauen". Dass Keanu Reeves Grant einer jüngeren Frau vorzieht, ist nett von ihm."

Die Troll-Diagnose: In Bielendorfers Aussage steckt so viel sexistische Diskriminierung, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Das Problem dabei: Sie wird aufgrund von Bielendorfers bildungsbürgerlichem Image nicht als solche erkannt und versteckt sich hinter einem Kompliment. Er bedient sich der sehr gängigen Praxis, einer Frau ein Kompliment zu machen, indem er andere Frauen herabsetzt. Außerdem schreibt er sich selbst die Deutungshoheit darüber zu, was eine "echte Frau" ist. Diese Art des Sexismus ist gefährlicher als die offensichtliche (siehe Beispiel 1), da die Aussage eher als salonfähig angesehen und dadurch reproduziert wird.

Dass Bielendorfer Keanu Reeves am Ende seines Tweets sogar noch lobt, ist die Spitze des Sexismus. Und viele tun es ihm gleich, wie dieser User, der Keanu Reeves für seine "Einstellung" lobt.

Was daran falsch ist?

Anscheinend sind wir es so gewohnt, dass viele prominente Männer mit mit deutlich jüngeren Frauen anbandeln, dass wir uns wundern, wenn ein begehrter Promi, schlicht den "normalen" Weg geht und sich in eine Frau in seinem Alter verliebt . Dabei ist nichts Lobenswertes daran, wenn Männer eine in jeder Hinsicht gleichberechtigte Partnerin an ihrer Seite wollen. Es sollte Normalität sein. Wenn wir anfangen Männer für etwas Selbstverständliches zu loben, machen wir den Misstand zur Normalität. Oder in anderen Worten: Geben wir Männern, die den Geschirrspüler genauso oft ausräumen, wie ihre Partnerinnen Standing Ovations? Eben.

Keanu Reeves ist zurecht beliebt. Er ist ein talentierter Schauspieler, gilt als respektvoll und widerspricht dem Klischee des machohaften Hollywood-Stars. Gerade aus diesem Grund wird es keinem unangenehmer sein, als Reeves selbst, dass er für seine Partnerinnenwahl gefeiert wird. Ihn in vielen Dingen als Vorbild zu sehen ist gar keine schlechte Idee. Ihn als Held zu stilisieren aber schon. Denn der ist er nur auf der Leinwand.

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Quelle: Noizz.de