In einem "ARD"-Interview behauptet Vizekanzler Olaf Scholz, weder reich zu sein, noch zur oberen Mittelschicht zu gehören. Dafür kassiert der SPD-Politiker einen Shitstorm. Warum seine Aussagen kein bescheidenes Tiefstapeln mit Augenzwinkern Richtung Millionär Friedrich Merz sind, sondern ignorant und eine Provokation gegen alle, die wirklich wenig Geld haben.

Olaf Scholz ist Vizekanzler und Finanzminister von Deutschland, vermutlich auch der kommende Kanzlerkandidat der SPD. In einem Interview der "ARD" wird er auf sein Einkommen angesprochen. Auf die Frage, wie "reich er persönlich" sei, entgegnet er:

"Ich verdiene ganz gut. Als reich würde ich mich nicht bezeichnen." – "Obere Mittelschicht?", will der Interviewer wissen, und spielt damit auf den potenziellen Gegenkandidaten Friedrich Merz der CDU an, der sich als bekennender Millionär in der Vergangenheit zur gehobenen Mittelschicht zählte.

Scholz antwortet: "Nein, so viel Geld wie der, der das für sich qualifiziert hat, verdiene ich nicht und besitze ich auch nicht als Vermögen."

Wieso wird man da sauer? Ist das nicht offensichtlich ein Witz, eine humorvolle Anspielung auf Merz' realitätsferne Vorstellung einer oberen Mittelschicht? Ist es nicht bescheiden, sein Vermögen nicht als Reichtum zu empfinden und sich lieber tiefer als höher zu stapeln? Beides nicht. Seine Antworten sorgen gerade für einen Shitstorm, überall, wo es Internet gibt. Und das zurecht.

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Tiefstapeln beim Einkommen: Warum Scholz' falsche Bescheidenheit ignorant und fehl am Platz ist

Olaf Scholz verdient als Finanzminister Deutschlands brutto 15.194.61 Euro im Monat. Seine Ehefrau Britta Ernst ist Bildungs- und Jugendministerin in Brandenburg mit einem Einkommen von etwa 14.000 Euro pro Monat. Zusammen kommt das kinderlose Ehepaar auf monatliche 29.000 Euro brutto, von denen sie als Spitzenverdiener*innen jeweils 42 Prozent Steuern abziehen müssen. Bleiben pro Monat 15.000 Euro netto für beide.

Ab 5.000 Euro monatlichem Nettoeinkommen gehören kinderlose Ehepaare in Deutschland bereits zum oberen Zehntel der Bevölkerung. Scholz und seine Frau haben das Dreifache, wie unter anderem in der "ZEIT" nachzulesen ist. Auf Basis von Zahlen des Deutschen Wirtschaftsinstitut zählen dort Paare mit einem Einkommen ab 10.000 Euro netto zu den oberen zwei Prozent der Gesellschaft – so wie auch Scholz und Ernst.

Anders gesagt: Die beiden sind reich und Topverdiener.

Obere Mittelschicht: So viel verdient der gehobene Durchschnitt in Deutschland

Die obere Mittelschicht, das sind Paare, die gemeinsam zwischen 3.500 und 5.500 Euro netto verdienen – also gut und gerne 10.000 Euro unter Scholz' Familieneinkommen liegen.

Bruh, check your Privilege! Natürlich müssen Sie niemandem Ihre Kontoauszüge unter die Nase halten. Doch "Ich verdiene ganz gut, aber als 'reich' würde ich mich nicht empfinden", ist falsche Bescheidenheit und ein Schlag in die Magengrube für alle, die wirklich nicht so viel Geld haben. "Ja, ich verdiene richtig gut, und das weiß ich auch", wäre die realitätsnahe und souveräne Antwort, die wir uns von einem Politiker wünschen, der als Bundeskanzler für uns entscheiden und regieren will.

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Es geht dabei nicht darum, mit Ihren Schäfchen anzugeben, sondern zu zeigen, dass Sie Realitäten der breiten Masse auf dem Schirm haben und sich Ihres Privilegs bewusst sind, zu den reichsten zwei Prozent des Landes zu gehören – auch wenn es natürlich immer noch Reichere gibt. Aber die gibt es immer, außer man ist Amazon-Chef Jeff Bezos. So what?

Check you Privilege ist auch ganz unabhängig vom Einkommen eine der wichtigsten Forderungen gegenwärtiger Debatten über strukturelle Ungleichheiten und Diskriminierung. Die Antwort von Scholz lässt auch die Frage im Raum, wie weit er das überhaupt mitbekommen hat, und damit am Puls der Zeit lebt.

However, weiter zum "humorvollen" Augenzwinkern.

Scholz mit Augenzwinkern: Gehöre nicht der "oberen Mittelschicht" an, dieses Vermögen besäße er nicht

Das zweite Fettnäpfchen: die "humorvolle" Anspielung auf den Millionär Merz, der sich mit seiner realitätsfernen Selbstverortung bereits zum Gespött gemacht hat. Herr Schulz, das wäre Ihre Chance im Interview gewesen, Merz öffentlich zu korrigieren und zu zeigen, dass Sie es besser wissen: Millionäre sind nicht die gehobene Mittelschicht, sondern stinkreich.

Und darunter, da kommen Leute wie Sie – Reiche und relativ Reiche –, und dann, lieber Herr Scholz, dann kommt die gehobene Mittelschicht: Menschen, die echt gut verdienen, Menschen, die ein Drittel von Ihrem Geld machen.

Was bleibt? Das dumpfe Gefühl, vielleicht bald einem politischen Spitzenrennen zwischen einem Millionär (CDU), der sich selbst der oberen Mittelschicht zuschreibt, und einem relativ Reichen (SPD), der sich selbst unter der oberen Mittelschicht verortet, verfolgen zu dürfen. Spitzenpolitiker, die durch ihre Aussagen spiegeln, kein Verständnis der Alltagsrealität des Großteils deutscher Bürger*innen zu haben – und so einen sollen wir dann wählen. Als Bundeskanzler.

  • Quelle:
  • Noizz.de