Künstler profitieren von seiner Empfehlung – doch wie kam es so weit?

Obama ist so einer dieser Namen, bei denen du in 0,8 Sekunden unzählige Assoziationen hast. Präsident, unheimlich guter Redner, Vater, liebender Ehemann zum Beispiel. Doch Musik-Influencer? Das wäre vielleicht nicht das Go-to-Attribut gewesen, das sich in den ersten 0,8 Sekunden deines Brainstorms breitmacht.

Dabei hat Obama ein ganz schön gutes Gespür dafür, wie er Menschen dazu bekommt, seine Lieblingslieder zu hören. Jedes Jahr bringt der Ex-Präsident eine Sommer-Playlist raus – und die geht ab wie Kinder mit Cola. Dank seiner diesjährigen Sommer-Playlist erlebte jeder einzelne Song auf der Playlist eine Zunahme an Verkaufszahlen. Ist Obama also vielleicht doch zum Musik-Influencer geworden? Ohne, dass wir es so richtig gemerkt haben?

Seit über einem Jahrzehnt schleicht sich der ehemalige Präsident in die Musikindustrie ein. Kleine Gesten, Kommentare, Freundschaften – wir hätten es viel früher kommen sehen können. Jetzt bleibt uns nichts übrig, als zurückzublicken. Zu dem Moment, als alles begann:

April 2008. In einer Wahlkampfrede referenziert Obama Jay-Z’s Hit "Dirt off Your Shoulder" mit einer Geste, bei der er sich den sogenannten "Dreck von der Schulter wischt".

Womöglich war das der Startschuss einer lang-anhaltenden Freundschaft mit Rapper Jay-Z und seiner Frau Beyoncé. Im selben Jahr bringt Jay-Z den Song "Jockin Jay-Z" raus, in dem er seinen Support für Obama Ausdruck verleiht.

Im Interview mit "The Guardian" verrät Obama ebenfalls, wie viel Bewunderung er für Hip-Hop in sich trägt: "[Hip Hop] ist schlau, einfühlsam, und die Art in der es eine komplexe Nachricht in kleinem Raum kommunizieren kann, ist absolut bewundernswert."

Juni 2008. Obama lässt sich das erste Mal in eine seiner Playlists reinschauen. Was damals wie eine einmalige Aktion scheint, soll später zur alljährlichen Tradition werden. Obama zeigt allen, die es interessiert, was er so hört. Und die hören das dann auch. Schließlich ist Obama der fucking Präsidentschaftskandidat und der Wahlkampf ist noch voll am Kochen; Fans des Visionärs schrecken noch immer im Schlaf auf und murmeln: "Yes We Can".

2009. Obama ist mittlerweile der ersehnte, mit Hoffnungen beladende Präsident und hält eine Rede über die Diskriminierung von Schwarzen in Amerika. In der Rede nimmt er auch Bezug auf Lil Wayne, dem er einen "pretty good flow" zuschreibt. Das veranlasste Lil Wayne in seinem fast zehn Jahre später erscheinendem Album "Tha Carter V" Obamas Zitat auf seinen Song "Dedicate" zu packen. Obamas Stimme auf einem der meist antizipierten Alben des Jahres. Hammer.

Immer noch 2009. Obama nennt Jay-Z’s Produzenten Kanye West in einem Interview einen "Jackass", worauf er bei dem Rapper Kanye West Empörung auslöst. Obama und besonders seine Meinung ist nicht nur politisch relevant, sondern schlägt auch in der Pop-Kultur Wellen.

Waren das die Startschüsse von Obamas Karriere als Musik-Influencer, fragt man sich nun beim Zurückblicken. Diese kleinen Momente waren es jedenfalls, die Obama mit in die Musiker-Reihen stellten, und sein Dasein als Teil der Szene zu etablieren.

Heute, über ein Jahrzehnt später, kann Obama sogar von sich behaupten, in den Billboard Charts gestanden zu haben. In dem ihm gewidmeten Song "One Last Time (44 remix)" rezitiert der ehemalige Präsident die Abschiedsrede von George Washington und stieg sofort auf Platz Nummer 22 der Billboard-Charts "Hot R&B Songs" ein.

>> Obama landet aus Versehen in den Billboard-Charts

Als Rapper Nipsey Hussle ermordet wurde, fühlte sich Obama auch berufen, einen Abschiedsbrief an ihn zu schreiben. Er reihte sich mit seinen Worten neben andere große Namen der Hip-Hop-Industrie wie Kendrick Lamar und Jay-Z ein – und wirkte dabei kein bisschen fehl am Platz.

>> Kendrick Lamar, Jay-Z und Obama schreiben emotionale Briefe an ermordeten Rapper Nipsey Hussle

Wenn Obama nun seine Sommer-Playlist veröffentlicht, dann erleben alle der 44 Songs im direkten Anschluss der Veröffentlichung einen Anstieg an Verkaufszahlen, berichtet "Billboard". Auf der Liste stehen neben Klassikern wie Stevie Wonder, The Rolling Stones und Frank Sinatra auch Hip-Hop-Stars wie Drake und Beyoncé, sowie jede Menge R'n'B mit Lauryn Hill, Ella Mai und Daniel Caesar. Auch momentane Hype-Künstler*In Lizzo und Lil Nas X haben es auf die Liste geschafft.

Wer es auf die Liste schafft, für den ist es eine Ehre. Siehe Lizzos Reaktion auf Twitter:

39 der 44 Songs haben auch einen signifikanten Boost in Streamingzahlen erlebt. Am meisten profitierte Terence Trent D’Arby’s "Who’s Loving You". Die Streamingzahlen dieses Songs stiegen um fast dreitausend Prozent, nachdem er in Obamas Playlist-Post landete. Esperanza Spalding’s "Espera" stieg um gute zweitausend Prozent.

Und alles, was Obama dafür tun musste, war ein Insta-Post droppen. Ein bisschen, wie ein Influencer, der sich smart in eine Industrie geschlichen hat und sich ihr zu Eigen gemacht hat. Chapeau, Mr. Ex-President. 

Quelle: Noizz.de