In Hanau verübte am 19. Februar 2020 ein Mann namens Tobias Rathjen rechtsterroristische Mordanschläge an neun Menschen, die sich zum Zeitpunkt der Tat in Shisha-Bars aufhielten.

Der Täter von Hanau schien gezielt Shisha-Bars aufzusuchen, die als Safe Spaces für PoC (PoC: internationale Selbstbezeichnung von und für Menschen mit Rassismuserfahrungen) gelten. Später fand die Polizei ein 24-seitiges Manifest, das die zutiefst rassistische Gesinnung des Täters darlegt. Die Reaktion der Mutter eines Hanau-Opfers zeigte jetzt mit voller Wucht, wie groß Deutschlands Rassismusproblem ist.

Der rechte Terror von Hanau überraschte uns Rassismus-Betroffene nicht. Als türkischstämmige Deutsche musste auch ich im Laufe meines Lebens Rassismus erfahren, vor allem institutionellen Rassismus. Seit Jahren sprechen wir über Rassismus, der uns auch im Alltag begegnet, doch unsere Ängste als PoC-Bürger werden nicht ernst genommen.

Der Anschlag war wie ein Schlag in die Magengrube, denn unsere Befürchtungen und Ängste wurden mit ihr leider bestätigt : "Das hast du sicher falsch verstanden" hört man, wenn man als Betroffene über Rassismuserfahrungen berichtet. Sie werden verharmlost. Anstatt, dass unser Empfinden ernstgenommen wird und Taten folgen, werden in Talkshows Vertreter rassistischer Meinungen wie Sarrazin und Höcke eingeladen, in Zeitungen und Magazinen ihre Ansichten verbreitet.

Rassismus wird salonfähig gemacht

Es war nur eine Frage der Zeit, bis der geschürte Hass und die Hetze auf Nichtweiße in nicht nur verbale, sondern auch aktive Gewalt ausarten. Es war auch nicht das erste Mal, dass in Deutschland Nichtweiße Menschen aufgrund von rassistischen Motiven ermordet wurden. Man muss sich nur erinnern an den Mordanschlag von Solingen 1993, den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), der seit 1999 Menschen in Deutschland ermordete und den Versuch eines Anschlags in einer Synagoge in Halle, Ende 2019, der zwei Opfer forderte.

Luisa-Celine Gaffron schrieb auf der Berlinale die Namen der Opfer, als Protest gegen rassismus auf ihre Handflächen

"Er war nicht arbeitslos"

Jetzt war es dann soweit gekommen, dass die weinende Mutter eines der Opfer des rassistischen Angriffs von Hanau, in einem mittlerweile gelöschten Video, ihren Sohn betrauerte. Zehn Menschen, darunter neun People of Color wurden bei der rassistischen Tat ermordet: Ferhat Ünver. Gökhan Gültekin. Hamza Kurtovic. Said Nessar El Hashemi. Mercedes Kierpacz. Sedat Gürbüz. Kaloyan Velkov. Fatih Saracoglu. Vili Viorel Paun. Gabriele R.

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Im Video spricht die Mutter eines der Opfer zur Kamera und sagt über ihren Sohn: "Er war nicht arbeitslos". Das Zitat ist das herzzerreißende Ergebnis pauschalisierender Unterstellungen, die in der deutschen Gesellschaft vor allem der zivilen, gegen Menschen mit Migrationsgeschichte existieren und PoC in Deutschland dazu bringen, Dinge zu legitimieren, die sie gar nicht legitimieren müssten. Die Mutter des Opfers legitimiert das Leben ihres Sohnes, in einem Moment der tiefsten Trauer, mit einem Satz, in dem sie beweist, was für ein "normaler Bürger" er war. Der Subtext klingt in meinen Ohren so: Er war nicht der, für den ihr jeden PoC haltet, er entsprach nicht euren immer wiederkehrenden, verachtungsvollen Vorurteilen gegen uns.

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Und wenn er euren Vorurteilen entsprechen würde?

Und wenn, wem müssen "wir" denn gefallen? Wem müssen wir denn beweisen integriert zu sein? Sind wir erst berechtigt hier zu leben, wenn andere uns für integriert halten? Wer bestimmt überhaupt, wer integriert ist? Wer integriert wen? Und noch etwas: Integration ist keine Assimilation. Integration geschieht auf beiden Seiten. Es gibt keinen "guten Migranten", keinen "schlechten Migranten". Die Mutter des Opfers musste niemandem etwas beweisen, dennoch hatte sie das Bedürfnis es zutun, denn die jahrzehntelange Herabwürdigung von PoC- Bürgern und die antipatische Diskussion der Gesellschaft und Medien um ihre Zugehörigkeit, hinterlässt ihre Spuren. Und Worte wie die der Mutter des Opfers aus Hanau sind das Produkt dieser Herabwürdigungen.

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Quelle: Noizz.de