Noch immer steht auch bei NOIZZ Homeoffice auf der Tagesordnung und mein depressives Ich kämpft plötzlich mit neuen und alten Problemen. Ein Glück kann ich mir die eigenen, dunklen Gefühle von der Seele schreiben und im Kollektiv versuchen, die Corona-Quarantäne mit nur kleinen mentale Schäden zu überstehen. Im sechsten Teil rede ich Klartext, warum gerade alles bergab geht.

Liebes Isolations-Tagebuch,

ich bin meinen extremen Schwankungen unterlegen. Mal schaffe ich es, mich an Momenten hochzulangen, meine Routinen und meinen Stundenplan umzusetzen (zugeben, das gelingt aktuell immer seltener) und dann reicht wieder ein winziger Moment, um mir den Boden unter den Füßen wegzureißen und diesen wackeligen Jengaturm, der sich meine mentale Verfassung nennt, zum Einsturz zu bringen. Aber werden wir heute mal so richtig schön konkret: Warum geht es gerade so vielen so schlecht? Ich glaube, es wird langsam unvermeidbar, hier laut und deutlich Tacheles zu reden, denn ich habe das Gefühl, ich defragmentiere mich gerade mehr und mehr. Trotz einiger positiver Momente und langjähriger Therapieerfahrung mache ich auf meinem Weg gegen die Depression 100 Schritt zurück und lande bald wieder am Anfang, wo ich mir meine Gefühle nicht eingestehe und meine Krankheit hinterfrage.

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Meine Depressionen haben, wie bei sehr, sehr vielen anderen Patienten auch, in einer Lebensphase des Umbruchs angefangen. Nach dem Abi wurde aus mir, einem extrovertierten, hypersozialen und sehr ehrgeizigen und selbstbestimmten Mädchen eine junge Frau, die sich selbst verschanzt, kontaktscheu, unsicher, ängstlich ist und von Selbstzweifeln dominiert wird. Grund dafür war, dass mehrere Säulen meines ehemaligen Lebens einfach weggebrochen sind: Ich konnte meine Ziele und Träume trotz sehr harter Arbeit nicht umsetzten, verlor Freunde, meinen Alltag, einen ganzen Freundeskreis, eine Beziehung und während viele andere sich in ihrem Gap-Year Träume verwirklichten, sind genau die Pfeiler, die für meine Identität und meinen Charakter so wichtig waren, langsam weggebrochen. Immer wieder landete ich vor der Frage: Was bleibt von mir?

Existenzkrisen in Zeiten des Umbruchs

Das ist logischerweise nicht nur für mich Grund für die Depression gewesen und vielen Menschen entwickeln psychische Krankheiten in Phasen des radikalen Umbruchs, wie wir ihn in diesen Wochen gerade erleben.

Genau da stehe auch ich heute, denn was ich mir aufgebaut habe, ist, in der Isolation, nur noch eine wage Andeutung. Wenn man all mein drum herum, die Kultur, die Musik, die Konzerte und das Theater wegnimmt, Dinge, die offensichtlich einen erheblichen charakterlichen Wert für mein Selbstbild darstellen, dann bleibt sehr, sehr wenig und ich sehe mich selbst nur als blasse Persönlichkeit. Erschwerend kommt durch meine sozialbedingte Panik und Angststörung hinzu, dass ich viele Freunde, die für mich ebenso wichtig waren, nicht mehr habe und auch das wird mir dieser Tage ziemlich schmerzlich deutlich und klar.

Was bleibt von mir?

Es ist diese Frage, dieser Gedanke, die mir täglich die Kraft raubt, mein Zimmer ausfüllt und mich dann im allerletzten Schritt auch von diese Arbeit, diesen Worten und Text abhält und einen weiteren Teil meiner Persönlichkeit einnimmt.

Meine Gedanken sind getrübt, davon, dass sich erneut alles um mich herum ändert, und jeder, der nur ein bisschen an depressiven Verstimmungen leidet, wird derzeit ähnliches Erleben. Denn genau so entstehen Depressionen: Dinge entfallen, Selbstbilder ändern sich rapide und viel zu schnell, um es zu begreifen, Säulen und Routinen, die den Alltag selbstverständlich in Form hielten, dematerialisieren sich und man ist wohl oder über sich mit sich selbst innerhalb dieser toxischsten Situation auseinanderzusetzen. Für mich ist es unvorstellbar unter diesen Voraussetzungen tatsächlich zu mir selbst zu finden und gestärkt aus der Situation hervorzutreten.

Kapitalismus fördert meine Depression

Diese mentale Krise, die ich und viele andere gerade erleben, zeigt sehr bravourös die Prioritäten der kapitalistischen Gesellschaft. Denn von Kinderbeinen an wurde ich auf meine Bildung und auf meine Arbeitskraft getrimmt und Menschen werden an ihrem Schaffen gemessen. Hobbys geraten immer mehr in den Hintergrund und Leistung gewinnt an Bedeutung. Dass ich mich selbst zu einem großen Teil über meinen Job und meine Arbeitskraft definiere, ist ein klares Resultat der Gesellschaftsstruktur, in der ich aufgewachsen bin. Diese Prioritäten und Fokusse, werden auch innerhalb der geführten Corona-Debatte ganz besonders herauskristallisiert. Und trotz dieser Ebene der Reflexion und Erkenntnis, beeinflusst es kaum, wie ich mich fühle. Und ich habe nicht mal einen festen Job geschweige denn einen Job verloren, an dem sich über Jahre hinweg mein Wert bemessen hat. Was bleibt von mir?

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Quelle: Noizz.de