Auch bei NOIZZ.de steht Homeoffice auf der Tagesordnung und mein depressives Ich bekommt jetzt schon einen Lagerkoller. Ein Glück kann ich mir die eigenen, dunklen Gefühle von der Seele schreiben und im Kollektiv versuchen, die Corona-Quarantäne mit nur kleinen mentale Schäden zu überstehen. Folge #3, die, in der ich den Verstand verliere.

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Liebes Home-Office-Tagebuch,

Meine Methoden zeigen mal Wirkung, mal nicht und alles, was ich geglaubt habe, über meine Psyche zu wissen, löst sich gerade in Unberechenbarkeit auf. Alles hat plötzlich das Potenzial, mich aus der Fassung zu bringen, wie zum Beispiel, dass mein Freund meinen Kaffee noch mal warm gemacht hat, ohne zu fragen und mich das so berührt. Oder die Biene, die auf meinem Balkon eine Bruchlandung hatte, kaputter Flügel rechts, kaputtes Hinterbeinchen links. Ich habe sie mit Zuckerwasser versorgt – es geht ihr nicht besser, sie fällt unentwegt auf den Rücken und ich kann mich nicht überwinden ihre Qual zu beenden, sondern weine darüber.

Stimmungsschwankungen und Spaziergänge

Meine kleinen Spaziergänge helfen etwa eine halbe Stunde, bis ich dann wieder in Unmut versinke und ich bin traurig, dass in dem Park um die Ecke immer Kinder an dem Ziegengehege stehen und ich sie nicht für mich alleine habe. Die Bude versinkt mehr und mehr im Chaos, weil ich überall Handarbeitsprojekte rumliegen habe. Für ein paar Sekunden konnte ich mich überwinden, für ein paar Sekunden habe ich mich darauf konzentriert zu malen oder zu basteln und dann hat mich doch jedes Mal die Frustration und die Antriebslosigkeit wieder eingeholt.

Der Kampf, der sonst den Morgen bestimmt hat und den ich meistens beiseite schob oder zumindest gewonnen habe, der schleicht sich nun auch wieder in den Alltag und nihilistische Fragen ploppen unentwegt auf. Ich schaffe weniger als sonst, doch mein Gefühl sagt, ich schaffe nichts und mein fragiler Selbstwert, der doch immer an meine Leistung gekoppelt ist, sinkt unentwegt. Daran ändern die Komplimente der Kolleginnen nichts und auch nicht der bloße Fakt, dass ich ja nach wie vor acht Stunden täglich arbeite, was die Irrationalität von Depressionen, die mir und meinem depressiven Klub ja klar ist, ziemlich auf den Punkt bringt. Doch das kommt nicht mehr an.

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Mac Miller tut so gut!

Musik hilft. Ich liebe Musik so sehr und normalerweise sind vor allem Konzerte immer die Momente, wo ich denke: "Ja, genau, das ist der Grund. Deshalb bin ich hier!" Das hat sich seit ich 14 Jahre alt bin nicht geändert und das erste Mal von der Wucht der Livemusik eingesogen wurde. Sich jetzt auf das Bett zu setzen und Musik laufen zu lassen, ist gerade die größte Wohltat. Sind wir mal ehrlich, zu viel mehr reicht es auch nicht, aber die Melodien und Texte, geben mir Geschichten an die Hand und was ich fühlen soll.

Dabei versuche ich nicht, zwanghaft die größten Banger raus zu kramen. Klar nach dem fünften Mal "Good as Hell" werd auch ich für ein paar Momente von Lizzo angesteckt, wie soll man sich dieser Frau auch entziehen?! Aber es ist allein wohltuend, wenn Phoebe Bridgers etwas melancholisch über ihre Kindheitserinnerungen singt oder Billie Marten ihre depressiven Erfahrungen teilt und auf ihrem Album "Feeding Seahorses by Hand" sogar ihren mentalen Heilungsprozess offen darlegt. Ich habe dann das Gefühl, wir teilen uns für die 3:13 Minuten unsere Traurigkeit und das ist wie ein kleines Wärmepflaster.

Uff, und Mac Miller tut so gut! Ich fühle mich besser, zu Kurt Cobain zu weinen, der sich die Seele aus dem Hals krächzt, vielleicht weil es seine Gefühle sind, die mich dann traurig machen, es ist seine Depression, nicht meine. Klingt nach brutaler Augenwischerei, aber wenn es hilft, sollte man mir wohl auch diese verdrehte Logik gönnen. Es tut so gut meine Energie für ein paar Sekunden dramatisch auf dem Bett heraus zu springen, alles erzittern zu lassen, wenn ich Jojis "Slow Dancing in the Dark" laut aufdrehe und dieser Song aufgeht und von allem in mir Besitz ergreift.

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Musik heilt nicht, sie macht es vielleicht sogar manchmal schlimmer, aber es tut so gut sich auch mal zu ergeben und dabei zumindest nicht allein zu sein, sondern melodisch begleitet zu werden. Am kathartischsten ist wohl aber das Video von Angie McMahon, die in "Pasta" ihre Eintönigkeit durchbricht, vollkommen aufdreht und ein Konzert für die Hunde der Nachbarschaft gibt. Auslöser ist ein kleiner Sternsticker und ab morgen werde auch ich mir ein Sternchen ins Gesicht malen. Sei es ein noch so kleiner Versuch, wenn es mich für ein paar Minuten so erfüllt wie sie, dann ist das ja schon mal gewonnen. Bevor Angie mit einem kraftvollen Gitarrenlauf zu neuem Leben erwacht, findet sie so auf den Punkt, was die Isolation für weirde Gedanken auslöst und wie merkwürdig wir alle plötzlich werden. Lasst uns mal diese Zeilen appriciaten und den Song gemeinsam zur Quarantäne-Hymne machen, denn, nichts hilft aktuell so, wie dieser Song!

"And I spend so much time eating pasta

Although I'm probably allergic

And other people seem to move so much faster

I wonder why I'm feeling lonely

When there's plenty of ways to be alone

I guess I spent all of yesterday on my phone"

Danke Angie für diese Zeilen und diesen Song, ich höre ihn mehrmals täglich, er macht alles besser und ich schwöre, wenn das hier vorbei ist, dann lass ich mir eine fucking Nudel auf meinen Körper stechen. Tschau, ich geh jetzt und stochere in der fünften Portion Pesto-Nudeln für diese Woche.

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Rosalie mit Sternchen im Gesicht

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Quelle: Noizz.de