Auch bei NOIZZ.de steht Homeoffice auf der Tagesordnung und mein depressives Ich bekommt jetzt schon einen Lagerkoller. Ein Glück kann ich mir die eigenen, dunklen Gefühle von der Seele schreiben und im Kollektiv versuchen, die Corona-Quarantäne ohne mentale Schäden zu überstehen - Willkommen zum zweiten Teil.

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Liebes Home-Office-Tagebuch,

Ich möchte dir meinen wunderbaren Begleiter vorstellen, der in diesen Tagen ganz besonders präsent ist und mir hier in meinen vier Wänden nicht von der Seite weicht, und mich unterstütz, wo es nur geht: der Druck!

Jap, ich habe nun erkannt, dass es nur ein paar Tage braucht, um die Ergebnisse aus zwei Jahren Therapie mit einem Fingerschnipsen zum Einsturz zu bringen. Applaus. Nachdem ich langsam merkte, wie alles schwerer wird, habe ich mich ab Mittwoch durchgerungen, bin morgens brav unter die Dusche gesprungen und habe mir richtige Klamotten angezogen. Ich habe die Zeit, die ich sonst in der Bahn verbringe, für mich genutzt und gezeichnet und dazu Musik gehört. Klingt eigentlich nach einer guten Routine und einem schönen Tagesbeginn. Wäre da nicht der Druck: "Du bist jetzt schon wach, arbeite doch jetzt einfach schon. Die haben bestimmt schon gesehen, dass du am Laptop bist."

Wer 'die' ist, kann ich euch nicht verraten, denn meine Kolleginnen sind sehr verständnisvoll und meistern die Situation und Kommunikation ziemlich optimal. Als frische Uni-Absolventin und freie Journalistin, ist mein Arbeitsalltag eher unstetig und es wurde während der letzten zwei Jahre, so essenziell in der Bibliothek zu arbeiten, also den Ort, wo ich arbeite von dem, an dem ich lebe zu trennen, um eine klare gedankliche Barriere zu schaffen. Die wurde ja jetzt erfolgreich mit Mileys Wrecking Ball und unter Tränen umgehauen, und dementsprechend denk ich eigentlich immer an meine Texte und daran, dass ich vielleicht nicht gut genug bin. Dabei lasse ich kein krummes Haar an mir selbst, verkürze meine Pausen und genehmige mir keinen ruhigen Atemzug, damit die anderen bloß nicht auf die Idee kommen, ich würde mir im Homeoffice eine gute, entspannte Zeit machen.

Es hat auch nicht geholfen am Ende des Tages aufzulisten, was ich geschafft habe und woran ich gearbeitet habe. Denn da es ein paar größere Sachen sind an denen ich schreibe, steht da auch einfach echt wenig und die ausführliche Recherche komplett kleinteilig aufzulisten, wurde an einem gewissen Punkt einfach lächerlich. Ich weiß, dass ich gearbeitet habe, ich weiß auch, dass das hier niemand anzweifelt, aber diese verdammt Irrationalität, funkt ständig dazwischen. Ich weine zum Beispiel, wegen eines Rechtschreibfehlers, denn wer will schon eine Journalistin, die kein Auge für Rechtschreibung hat. Immerhin sind in der Tränenflüssigkeit ziemlich viele Stresshormone. Es ist quasi wie eine Dusche für meinen Hormonhaushalt, da wird einmal richtig durchgewischt.

symbolbild trauer

Sozialer Druck

Und nachdem ich das Home-Office bewältigt habe, lauern 1.000 Vorschläge auf mich, wie ich die Zeit zu Hause sinnvoll nutzen kann. Denn abgesehen von Yoga, für meine mentale Gesundheit kann ich auch fünf neue Sprachen lernen, alle tollen Serien gucken, endlich die 500 besten Alben der Welt fertig hören, mein feministisches Wissen auffrischen und auf einen besseren Stand bringen, weil ich schon wieder vergessen habe, ab welcher Woche man von einem Fötus sprechen kann und bis wann das nur ein Zellhaufen in der Gebärmutter ist.

Und während alle etwas über sich selbst lernen, plötzlich mal auf Achtsamkeitsübungen Wert legen und sich so richtig schön mit sich auseinandersetzen, weiterbilden, ihre Work-Life-Balance überdenken, einen kleinen Lagerkoller bekommen – den gestehe ich jedem zu - und die Welt da draußen nach der Isolation so richtig appreciaten, bin ich wahrscheinlich endlich bereit in die psychische Tagesklinik zu gehen, die mir meine Therapeuten sowieso ständig empfehlen. Dafür muss ich mich nicht schämen - aber come on, wenn ich mich für eine 5-Minuten-Pause fertigmache, glaubt ja wohl keiner, dass ich okay damit wäre, diese Situation, trotz meiner Medikamente, nicht zu überstehen.

Hello Panic, my old friend.

Und dann war ich gestern einkaufen und im Bäcker der kleinen Passage hockten dicht an dicht alte Leute, die nicht auf ihr verdammtes Stück Kuchen verzichten konnten. Da frage ich mich, wozu tue ich mir das eigentlich gerade an. Das hat doch alles keinen Sinn. Und was ist eigentlich, wenn es nie aufhört?! Was, wenn alle denken 'toll super, ich hasse Menschen sowieso und die U-Bahn auch, lasst uns das doch mal zur Zukunft machen'? Oder was, wenn die Lehre daraus ist 'Hey, man kann auch von zu Hause super arbeiten, lasst uns doch das Wochenende einfach auch arbeiten, von zu Hause, das ist doch sowieso nicht richtiges arbeiten, dann oder halt im Urlaub?' Klingt für euch übertrieben - na dann welcome to my life, denn ich schaff es zeitweise nicht mal eine dieser Fragen zu Ende zu denken.

Ich halte weiter so gut es geht an meinen Abläufen fest: 07:30 Uhr Aufstehen, Duschen, Kaffee machen, Zeichnen, Musik hören. Bei Arbeitsbeginn eine Liste machen und mit viel Freude, getane Dinge abstreichen. 13:00 Uhr eine richtige Pause machen, am besten ohne Laptop, ohne Social Media, wo mir irgendwer etwas empfiehlt. Vielleicht auch einmal ums Haus laufen. Danach weitermachen, pünktlich Feierabend - hast du gehört, Schluss, nein, nicht noch mal nachlesen. Aus!

Ich falle abends regelrecht ins Bett, aber schlafe nicht sonderlich gut. Ich gehe innerlich durch, was ich geschafft habe und versuche mich zu loben. Selten gestehe ich mir ein, stolz zu sein. Das alles ist tief in mir verankert und ich habe es eigentlich im Griff. Heute nicht.

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Quelle: Noizz.de