Auch bei NOIZZ.de steht Homeoffice auf der Tagesordnung und mein depressives Ich bekommt jetzt schon einen Lagerkoller. Ein Glück kann ich mir die eigenen, dunklen Gefühle von der Seele schreiben und im Kollektiv versuchen, die Corona-Quaranäne ohne mentale Schäden zu überstehen.

Seit vergangenem Freitag ist auch bei NOIZZ.de Homeoffice angesagt und was für den einen ein Segen ist, bedeutet für mich ein ganz schöner Fluch. Seit mehreren Jahren leide ich bereits an Depressionen und Angststörungen, nehme Medikamente dagegen und habe mir in meiner Therapie Alltagsroutinen erkämpft, die meiner Psyche helfen. Als Super-Praktikantin der deutschen Kulturschreiberszene war das gar nicht mal so einfach, weil ich zwischen freier Autorenschaft und Vollzeit-Praktika jongliere.

So kann ich mit Sicherheit sagen, dass die aktuelle Situation der CoVid-19-Isolation zu mindestens einer Krise bei mir führt. Gleichzeitig weiß ich, dass ich damit nicht alleine bin. Where is my depression squad?! Ich teile hier fortan regelmäßig heiße Tipps aus mehrjähriger Therapie und lasse euch gleichzeitig daran teilhaben, wie ich selber voraussichtlich nur einen Bruchteil davon umsetzen kann. Welcome to my isolation crib!

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16. März 2020

Liebes Home-Office-Tagebuch,

Ich weiß nicht so ganz, ob das jetzt Tag eins ist, oder schon Tag vier, denn NOIZZ ist bereits seit Freitag im Home-Office-Modus. Ganz egal, schon jetzt fällt mir die Decke auf den Kopf und aufstehen ist eine viel größere Challenge, wenn ich die Möglichkeit habe, liegen zu bleiben. Wenn meine Kolleginnen also schreiben, dass sie es auch mal geil finden, in der Schlafanzughose vom Bett zu arbeiten und dabei ordentlich zu snacken, weiß ich genau, dass das mein persönlicher Untergang wäre.

Symbolbild Homeoffice

Im Bett bleiben und den Laptop auf die Beine zu schwingen, ist keine Option, denn dieser kuschelige Ort ist gleichzeitig mein größter Feind, der meine dunkelsten Stunden ausgebadet hat. Jeden Morgen kämpfe ich gegen mich selber, um zunächst das Bett zu verlassen, dann das Zimmer und schließlich auch das Haus. Meine Antriebslosigkeit und mein Weltschmerz tut mal mehr, mal weniger dafür, dass ich in tiefem Grübeln versinke und an einem dunklen Ort der Selbstzweifel und der existenzialistischen Panik lande. Dank Anti-Depressiva, gewinne ich diesen Kampf inzwischen fast täglich, aber um ehrlich zu sein, kommt wenig gegen den Zwang eines Jobs an, den ich zu dem noch ziemlich liebe.

Heute Morgen klingelte mein Wecker, wie jede Woche und während ich letzte Woche noch den Vorsatz hatte, einen entspannten tollen Morgen zu verbringen und die Zeit für mich zu nutzen, lag ich heute noch etwa eine halbe Stunde da und die Gedanken, die ich sonst wegschiebe, weil ich sie auch wegschieben muss, die hatten plötzlich wieder ganz schön Oberwasser und ich hatte die Zeit zu hinterfragen und in meine kleine, feine Abwärtsspirale zu purzeln. Dabei bin ich noch nicht mal lange in diesen vier Wänden!

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Ich war draußen ...

Ich muss an dieser Stelle nämlich gleich mal gestehen, dass ich am Wochenende mein Isolations-Gelübde brach und mich zum Hamsterkauf aufmachte. Auf meiner Liste: Pflanzen. Denn einerseits ist es März, der ideale Monat, um seinen Garten oder die Blumenkästen aus dem Winterschlaf zu rütteln. Und auf der anderen Seite weiß ich, dass das ein oder andere Grünzeug und vor allem die Verantwortung dafür, mir helfen wird, morgens richtig durchzulüften, meinen Arsch aus dem Bett zu bewegen und gefälligst meine kleinen Samen mit Wasser zu versorgen.

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Aus dem Nichts Gemüse anzüchten

Wenn ich schon hier festsitze, dann kann ich auch endlich mal versuchen, meine eigenen kleinen Setzlinge hochzuziehen, denn es ist genau die richtige Jahreszeit, ich liebe Gemüse und die aufmerksamkeitsliebenden kleinen Dinger sind nun in nächster Nähe und können rund um die Uhr versorgt werden. Ich hoffe, ein paar Pflanzen überleben. Schon heute habe ich eine derart vermenschlichte Beziehung zu den Pflänzchen aufgebaut, dass dicke Kullertränen beim Beerdigen über meinen Wangen rinnen, sollten sie eingehen. Samen gibt es derzeit in jedem größeren Supermarkt und zum Anzüchten können zum Beispiel Tetrapaks und alte Joghurtbecher verwendet werden.

Licht, Licht und nochmal Licht

An diesem ersten Tag versuche ich auch, besonders auf Licht zu achten. Generell ist mir wichtig, zu wissen, wann an welchem Fenster am meisten Tageslicht ist. In der 'Mittagspause' habe ich den größten Luxus der gegenwärtigen Situation in Betrieb genommen: meinen Balkon. Normalerweise verbringe ich dort sehr wenig Zeit, denn so ein Träumchen an Balkon kann ich mir nur leisten, weil er komplett in der Einflugschneise liegt.

Dank Corona, ist der Lärm aber etwas weniger als üblich und ich habe meine Frisch-Luft-Zeit ohne die Infektionskurve zu beeinflussen. Ich gehe jetzt zum dritten Mal an diesem Tag mit einer kleinen Sprühflasche und einem Lächeln ins Nachbarzimmer, um die Anzuchtbehälter zu befeuchten und verbringen ein paar Minuten mit etwas Lebendigem. Vielleicht singe ich ihnen sogar ein Lied vor. Ich lache, wenn ich an die Gemüsesamen denke – nimm das Depression!

Deine Rosalie

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Quelle: Noizz.de