Die Hygiene-Demonstrant*innen sind einfach nur verrückte Verschwörungs-Heinis? Das zu glauben ist einfach, es zu überprüfen umso wichtiger. NOIZZ hat einen Blick in die Facebook-Gruppen dieser Menschen gewagt – und Überraschendes entdeckt.

Videos von Ken Jebsen, Memes über das Versagen der Politik und die bösen Machenschaften von Bill Gates: Ein Blick in verschiedene Facebook-Gruppen zu Corona-Protesten reicht, um zu sehen – das sind ja wieder die üblichen Verschwörungstheoretiker. Moment – das habt ihr jetzt vielleicht gedacht. Und ich zunächst auch: So einfach ist das aber nicht. Denn um wirklich zu verstehen, wer die Menschen hinter den Corona-Demonstrationen sind, muss man genauer hinschauen. Einfach den Stempel "Aluhut-Träger" auf alle Kritiker*innen zu pressen, ist genau das, was die Corona-Krise überhaupt erst so eskalieren ließ.

NOIZZ ging auf einen digitalen Spaziergang durch das Sudelbecken von Verschwörungstheorien und die gleichzeitige Plattform für ernsthafte Kritiker*innen: Die Facebook-Gruppen "Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen" (3.880 Mitglieder) und "Corona Rebellen" (44.394 Mitglieder).

"Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen"

"Jens Spahn wird neuer Gesundheitsminister. Seine Qualifikation für den Posten: er war schon mal beim Arzt." Dieser zynische Post neben dem verwirrt dreinblickenden Gesicht Jens Spahns leuchtet jedem entgegen, der dieser Gruppe beitritt. Ein Gruppen-Profilbild, das geradezu schreit: "Die Regierung ist unfähig – jetzt müssen wir ans Steuer". Wer mit dieser Meinung nicht einverstanden ist, ist falsch in dieser Gruppe. Und tatsächlich scheint es, als sei dies ein grundsätzlicher Konsens unter den Mitgliedern – wenn auch der einzige.

Das Titelbild der Facebook-Gruppe "Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen"

Das Nächste, was Mitglieder in der Gruppe erblicken ist das, was schon der Gruppenname verrät: Ankündigungen, wo und wann die nächste Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen stattfinden soll. Geordnet nach Monaten und Bundesländern schreiben die Mitglieder der Gruppe fleißig sämtliche Termine unter einen Sammel-Post und antworten auf verwirrte Fragen à la: "Gibt es in Köln schon etwas, wo ich mich anschließen könnte?" Hier ist der Ton sachlich, die Mitglieder untereinander hilfsbereit. Was auffällt: Die Demonstrationsveranstaltungen tragen Namen wie "Döbeln für Vernunft und Normalität" – der bürgerliche und "ganz und gar normale" Charakter der Demonstrationen und ihrer Teilnehmer*innen wird hervorgehoben. Der Tenor: Alle, die anders denken, sind unvernünftig. Ein Narrativ, das spätestens seit Corona die Fronten in Deutschland verhärtet hat und Misstrauen auf beiden Seiten säte.

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Zwiespalt unter Mitgliedern

Doch dass selbst die Mitglieder dieser Gruppe nicht "einer Front" angehören, lässt sich den Beiträgen weiter unten entnehmen. "Das ist doch cool", schreibt eine Userin namens Marlena P. neben ein Video. Darin umarmt eine alte Frau ihren Enkel durch eine Art Plastikvorhang und freut sich, ihn trotz Corona wieder in die Arme schließen zu dürfen.

Marlenas Optimismus wird jedoch sofort im Keim erstickt. "Was ist daran cool? Das ist einfach nur krank", antwortet eine Userin namens Katja. Robin M. erkennt in der emotionalen Szene Propaganda-Material: "So wird das Emotionale genutzt um die Auswirkungen der Pandemie in den Köpfen der Menschen zu rechtfertigen. Ziemlich unterste Schublade der Meinungsmache." Gegenwind für optimistische Beiträge und Umdeutungen zur Verschwörung gehören in der Gruppe dazu.

Pessimismus und Wut

Ein noch größeres Hobby einiger Mitglieder scheint es zu sein, sich gegenseitig mit Pessimismus und Wut hochzuschaukeln. Unter das schlecht gefilmte Videomaterial, das einen Supermarkt-Mitarbeiter zeigt, der Kunden erst einlässt, wenn er ihre Temperatur mit einem Thermometer gemessen hat, ergießt sich die Wut der Mitglieder geradezu. Wieder beginnt es mit harmlosen Kommentaren wie Lach-Smileys, später fallen harte Beleidigungen, es wird zu einem Boykott gegen die Supermarktkette aufgerufen und schließlich kommen auch wieder Verschwörungstheorien ins Spiel: "Es wird immer Möglichkeiten geben, den Wahnsinn zu toppen – die Illuminaten haben eine grausame Art der Belustigung entwickelt – erst die Maskenmonster, dann die panischen Abstandhalter, dann desinfizieren, bis man von der Giftwolke Atemnot und sogar Hautprobleme bekommt und jetzt ein Fieberautomat a la Krankenhaus", schreibt Hedwig S. Dass sie auf ihrem Profilbild aussieht wie eine freundliche Großmutter, die auf einem Weizenfeld posiert, verwundert nur noch wenig.

Die sogenannten Hygiene-Demonstrationen in ganz Deutschland zeigen mehr als deutlich, dass es "den klassischen Verschwörungstheoretiker" nicht mehr gibt. Als politische "Querfront" treten die Teilnehmer*innen auf – und tatsächlich: Senior*innen wie Student*innen, Rechtsextreme und Linksorientierte treffen sich, um die Schuld für das Coronavirus bei der Regierung zu suchen. Ebenso bunt gemischt sind auch die Mitglieder dieser Gruppe.

Da sind Konflikte vorprogrammiert. So landet nicht selten der ein oder andere hetzerische Post mit AfD-Logo in der Gruppe. Neben zustimmenden Kommentaren schreiten aber auch häufig Mitglieder ein. Es entbrennen politische Diskussionen darüber, ob die Partei versuche, die Corona-Proteste für ihre Zwecke zu missbrauchen. Manchmal schaltet sich der Moderator der Gruppe ein und merkt an, dass man die Schuld für die Corona-Krise nicht bei Flüchtlingen oder Minderheiten suchen solle, sondern bei der Regierung. Häufig fällt der Satz: "Wir dürfen uns nicht gegenseitig zerfleischen, seid solidarisch." Doch Solidarität fällt schwer, wenn der einzige Konsens ist, dass man "denen da oben nicht trauen darf". Wem man aber tatsächlich noch trauen kann, darüber ist sich in dieser Gruppe niemand so richtig einig.

"Corona Rebellen"

Ähnliche Probleme gibt es auch bei den "Corona Rebellen": AfD-Posts und heiße Diskussionen darüber, welche Theorien zu weit gehen. Die Grundstimmung ist verwirrt bis zerstritten und Posts wie dieser sorgen für noch mehr Zündstoff:

Auf dem blauen Zettel mit der Aufschrift "Ihr Impfteam war hier" wird suggeriert, dass es bereits eine Impfpflicht für ein Corona-Gegenmittel gebe. Was wahrscheinlich satirisch gemeint ist (die Anspielungen auf verschiedene Verschwörungs-Mythen sind stark überspitzt), wird nicht von allen Gruppen-Mitgliedern als Witz verstanden. Manche reagieren verwirrt, andere wütend.

Weitere Beiträge der Gruppe speisen sich aus Memes, die die aktuelle Politik ins Lächerliche ziehen, Beiträgen aus einschlägigen Verschwörungsmedien und Medien wie RT Deutsch (Sender "Russia Today ", der von der russischen Regierung finanziert wird) und Hass-Posts gegen die "Mainstream-Medien". Lustigerweise werden auch hin und wieder Beiträge ebendieser Medien gepostet – natürlich nur, wenn der Inhalt ins bereits zurechtgelegte Weltbild passt.

Besonders spannend wird es immer dann, wenn sich offensichtliche Gesinnungsgegner einschalten. Bei den "Corona Rebellen" geschieht das vor allem durch einen Fake-Account namens Birgit Preuss, der immer wieder zynische Beiträge über das Weltbild einiger Gruppenmitglieder postet. Häufig hagelt es Forderungen nach einem Rauswurf, manche Mitglieder der Gruppe schlagen sich aber sogar auf die Seite von "Birgit".

Bilanz des Streifzugs

Möchte man eine Bilanz aus dem Streifzug durch die Facebook-Gruppen ziehen, so lautet die: Uneinigkeit, so weit das Auge reicht. Zum einen gibt es tatsächlich die Extremisten, die vor wenigen Jahren noch bei Pegida mitliefen und durch Corona nun wieder ihre Chance wittern, an Einfluss zu gewinnen.

Zum anderen sind in den Facebook-Gruppen genug Bürger*innen, die tatsächlich verunsichert sind. Verunsichert davon, dass sie Einschränkungen hinnehmen müssen, ohne dass sie selbst eine Person kennen, die an Corona erkrankt ist. Dass es lange Zeit keine öffentliche Kritik an den strengen Hygieneregelungen gab. Dass immer wieder Fotos von Politiker*innen auftauchen, die selbst keine Maske tragen. Wieder einmal haben wir es zugelassen, dass diese Verunsicherung nun in Foren verhandelt wird, die von Extremisten dominiert werden. Dass zurecht verunsicherten Menschen der Stempel "Aluhut-Träger" aufgedrückt wird.

Der Blick in die Gruppen zeigt: Es ist kein Wunder, dass diese Menschen irgendwann wirklich zu ebensolchen Aluhut-Trägern werden – man muss ihre Fragen nur lang genug ignorieren.

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Quelle: Noizz.de