Zu viele Serien, wie soll das mein Zeitmanagement schaffen?

Gäbe es bei Netflix so was wie den Spotify-Jahresrückblick, ich möchte gar nicht wissen, wie viele Stunden ich beim Streamen verbracht habe. Wahrscheinlich zu viele. Schuld daran sind die – zugegeben verdammt guten – Eigenproduktionen. Allen voran Serien wie „Sex Education“, „Love“ und „Better Call Saul“. Serien sind cool. Weil sie lange den Spannungsbogen aufrecht halten, mehr mit Charakteren spielen und sich einfach mehr Zeit lassen können.

Da wären wir aber schon bei einem Problem. Zeit. Ich habe nicht so viel davon. Also fangen wir besser so an: Nicht so viel Zeit übrig, um neben Job, Haushalt und Familie auch noch stundenlang eine Serie nach der anderen anzufangen. Okay, könnte ich schon, aber dann schau ich mir die nicht richtig an und lasse mir keine Zeit, die Serie wertzuschätzen.

Erst vergangenes Wochenende wieder: Ich bin nicht so eine, die kein normales Fernsehen mehr hat. Hell yes, ich habe einen Kabelanschluss und ich nutze ihn! Deal with it! Aber, wie das manchmal so ist: Es kam nur Schrott. Der Freitagabend im deutschen TV, er ist eine Katastrophe. Also, ab ins Netz. Wozu abonniere ich denn Amazon Prime, Netflix und Co.?

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Es gibt bekanntlich einige Tricks, mit denen man das Beste aus dem Angebot von Netflix rausfiltern kann, ohne auf die üblichen Verdächtigen reinzufallen. Ich habe mir zum Beispiel angewöhnt, auf meine „Empfehlungen“ zu scheißen. Erstens, weil die eher was über die krude Paarung aus sehr unterschiedlichen Geschmack meines Freundes und mir aussagen. Beispiel: Krasse historische Dokumentationen und Finanz-Thriller treffen auf kitschig-aufgeladene Rom-Coms, britische Serien und schwarzhumorige Komödien.

Zweitens, weil die auch nur darauf basieren, was viele andere geschaut haben auf Netflix, die auch mal das Gleiche wie ich geguckt haben. Gefangen in einer Endlos-Empfehlungs-Schleife. Also schaue ich vor allem bei einer Kategorie besonders genau hin: „Kürzlich hinzugefügt“ und „Neuerscheinungen“. Aber nun komme ich dazu, wieso Netflix mich Schritt für Schritt, aber sicher verdirbt. Erinnerung: Ich suche einen Film, weil ich einfach nur die nächsten zwei Stunden unterhalten werden möchte.

Ich blättere die Rubriken durch, sehe Szenen, Trailer, lese die Beschreibungen, und immer, wenn ich etwas sehe, denke ich mir: ,Oh ja, das klingt spannend.‘ Etwa bei „Derry Girls“: „Vor dem Hintergrund der politischen Konflikte Nordirlands in den 1990ern haben fünf Schülerinnen mit den universellen Herausforderungen des Teenager-Daseins zu kämpfen“ – steht da. Und dann erst dieser Trailer:

Klingt voll gut! Dann die Enttäuschung: Es ist eine Serie. Aber sie klingt so gut, das hätte man doch auch locker in einen Film packen können. So geht es mir oft. Bei „Dear White People“, genauso wie bei „Love“. Früher oder später verfalle ich den Serien doch und ich schaue sie. Ich weiß, ich werde auch „Derry Girls“ suchten. Ich weiß es einfach jetzt schon. Aber es wird so viel Zeit fressen. Viel zu viel.

Hinzu kommt, dass Netflix' Drang zur Serie, mich von meiner Liebe zum Film abbringt. Es scheint fast so, als hätten Filmemacher verlernt, einen Plot konzentriert in eine stringente Handlung von 90 Minuten Länge zu bringen. Als könnten oder wollten Sie nur noch in Serien denken.

Sicherlich ist es Netflix nicht zu verübeln, dass sie verstärkt auf Serien setzen. Das funktioniert super, alle lieben es. Wer hat nicht in der vergangenen Woche über „Sex Education“ oder irgendeine andere Netflix-Serie gequatscht? Seht ihr, da haben wir es. Die Serien haben uns voll im Griff. Das ist an sich okay, kann aber dazu führen, dass sie unsere ästhetischen Vorlieben und Sehgewohnheiten Schritt für Schritt ändern – und wir eben auch immer mehr in Serien-Strukturen denken. Dann werden klare Cuts auf einmal schwieriger als vorher.

Und einen Serienmarathon zu unterbrechen – undenkbar. Aber wie macht Netflix das?

Der Erfolg von Netflix basiert im Wesentlichen auf vier Säulen. Natürlich die eigenen und exklusiven Inhalte. Damit werden neue Nutzer angelockt (Stichwort: Probe-Abo), von denen die meisten wohl auch bleiben werden. Bestehende Kunden gehen nicht, weil es sich noch immer lohnt. Dementsprechend radikal werden weniger erfolgreiche Serien auch wieder abgesetzt, selbst wenn es nur eine Ministaffel gab mit kleiner Fanbase.

Hinzukommt, dass der Streamingdienst für uns eigentlich überall verfügbar ist, wo wir Internet haben. Sogar in der U-Bahn könnte ich meine Serie auf dem Smartphone weiter schauen. Ich komme gar nicht erst dazu, auszusteigen. Die dritte Erfolgssäule ist eigentlich ziemlich oldschool: Cliffhanger. Die Serien spielen damit und bauen sie stärker als frühere TV-Serien ein. „Breaking Bad“ hat dieses Muster bis zum Äußersten getrieben und etabliert.

Tja, und so kann Netflix mittlerweile eine stolze Bilanz von 700 neue Eigenproduktionen, einem Budget von acht Milliarden US-Dollar und weltweit 118 Millionen zahlenden Abonnenten vorweisen.

Ein kleiner Trost für Filmfans bleibt jedoch:

Netflix will ins Kino – um auch an Prestigeträchtigen Filmfestival teilnehmen zu können und um eben auch irgendwann mal vielleicht einen Oscar einzuheimsen. Vielleicht könnte es in diesem Jahr so weit sein. Das mexikanische Filmdrama „Roma“ von Regisseur Alfonso Cuarón geht nicht nur für den „besten fremdsprachigen Film“ ins Rennen – und ist außerdem als „bester Film“, „beste Regie“ und „Beste Hauptdarstellerin“ nominiert.

Das bewegende Porträt über das turbulente Leben einer Haushälterin im politisch instabilen Mexiko der 1970er Jahre hat bereits drei Golden Globes gewonnen und erhielt den Goldenen Löwen bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig, wo „Roma“ auch Weltpremiere feierte. Der Film hat alles, was das Herz eines jeden Kinofans höher schlagen lässt: ästhetische Bilder in Schwarz-weiß. Einen krassen realen Hintergrund mit dem Fronleichnam-Massaker, bei dem Dutzende Studenten in Mexiko von einer paramilitärischen Gruppierung namens „Los Halcones“ getötet wurden.

Im Vergleich zu der Masse an den, ohne Frage, hochqualitativen Serien sind Filmproduktionen in der Qualität von „Roma“ eine seltene Ware auf Netflix. Das ist zum Teil nachvollziehbar, denn die schnelllebigen Serien bringen viel schneller neue Abonnenten ein, als ein einziger hochkarätiger Film. Und so finanzieren die Serien eine Produktion eben mit. Nur um die Größenordnung zu verstehen: „Roma“ zu produzieren, hat rund 13,2 Millionen Euro gekostet. Der Film spielte aber gerade einmal 2,6 Millionen Euro im Kino ein. Ein Verlustgeschäft.

Darüber, wie viel Netflix eine Serienproduktion kostet und wie viel sie einbringt, äußert sich das US-Unternehmen nicht so gerne. Es ist ja auch nicht so leicht zu ermitteln, wie das Einspielergebnis an den Kinokassen. Bei „House of Cards“, der Serie mit der bei Netflix den Hype 2011 begründete, beliefen sich die Produktionskosten auf gut 55,5 Millionen Euro für 13 Folgen à 56 Minuten. Das macht gut 4,2 Millionen Euro Budget für eine Folge mit erstklassigen Darstellern. Billiger als ein Film.

Hinzu kommt, dass Serien seitdem Netflix ins Streaming-Geschäft eingestiegen ist, zur Identität der Plattform gehört. 2007 wechselte das Unternehmen vom DVD-Postverleih zum Onlinestreaming in den USA. 2011, das Jahr indem sich Netflix ohne auch nur eine Pilotfolge von „House of Cards“ gesehen zu haben, alle Lizenzrechte für die Serie mit Kevin Spacey in der Hauptrolle sicherte, begann Netflix auf Eigenproduktionen zu setzen – und stellte seinen DVD-Versand ein.

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Und so kommt es also, dass ich wohl trotz des Erfolges von „Roma“, noch etliche Wochenenden lang Netflix durchstöbere, mir denke, „Klingt großartig!“ und dann enttäuscht bin, dass es „nur“ eine Serie ist. Inwiefern das unseren Medienkonsum und ästhetischen Anspruch verändern wird, ist noch nicht abzusehen. Aber, es passiert.

Quelle: Noizz.de