Menschen lieben Überraschungspartys. Ich nicht. Was als liebevolle Geste beginnt, endet im maximal schlimmen Konzept, weil nicht richtig nachgedacht wurde. Warum Überraschungspartys was für Kinder sind, die nicht wissen, was sie wollen, von Leuten organisiert, die nicht wissen, worauf es ankommt.

Seit ich 20 bin und in irgendwelchen WGs wohne, gibt es immer wieder Leute, die für irgendwen ganz aufgeregt mit 'ner üB€rRaScHuNG$spArTy um die Ecke kommen. Ich frage mich jedes Mal: "Hä? Hat die Person, die da zum ihrem 25. Geburtstag gerade überrascht wird, keine eigene Vorstellung, wie sie ihren Geburtstag feiern will? Und mit wem? Und in welchem Rahmen? Wieso fragt man da nicht einfach nach und macht das dann? Und wieso kreischen auf einmal alle, als ginge es hier um die Goldene Himbeere?

Letztes Jahr im Sommer, meine Freundin und ich sind gerade ein paar Monate zusammen und ihr Geburtstag steht an. Kommt ihre Mitbewohnerin zu mir: "Till, also, ich würde gerne eine Überraschungsparty für Luisa organisieren. Wär super, wenn du ihr sagen könntest, sie soll sich den Tag freihalten, damit ihr was zusammen machen könnt."

Ich: "Boah, ich will echt nicht über Luisas Kopf hinweg entscheiden, wie sie ihren Geburtstag verbringt. Ich würde mir auch echt nicht herausnehmen, von ihr zu verlangen, sie soll ihren Geburtstag für mich freihalten."

Sie: "Doch, doch, mach das mal bitte. Sag ihr einfach, sie soll sich das freihalten, und dann kommst du spontan mit ihr zum See und dann sind wir alle da."

Ich: "Boah, nee, das ist echt nicht meine Art und ich fänd's auch nicht cool, wenn ich ihr sage, wir machen was zu zweit, sie freut sich und stellt sich darauf ein, und dann sind wir plötzlich den Tag lang in großer Runde."

Sie: "Doch, doch, sag ihr einfach, sie soll sich das freihalten, und dann kommt ihr zum See."

Was passiert? Ich spiele mit, will kein Spielverderber sein. Superunangenehm. Luisa weiß von nichts und organisiert parallel, mit ihren Freunden nach unserem Date zum See zu gehen. Totales Organisations-Chaos: Die Mitbewohnerin und Luisa planen beide nebeneinander den selben Tag. Alle Freund*innen sind verwirrt. Und ich bin der, der das alles in Geheimniskrämerei tarnen muss und als Initiator dasteht. Purer cringe. Aber: "wI€ c0Ol, eIn€ üB€rRaScHuNG$spArTy!" Never. Ever. Again.

Es gibt Ausnahmen. Aber Überraschungsparties sind für Kinder, die nicht wissen, was sie wollen, von Menschen, die es gut meinen, aber nicht in der Lage sind, einen Schritt weiter geradeaus zu denken. Fight me.

Überraschungspartys in ihren Einzelteilen: liebevolle Gesten mit unnötigem Rattenschwanz

Mal ehrlich: Was ist schön an Überraschungspartys? Die Geste: Eine Person, die dich liebt, plant etwas für dich, weil sie dir eine Freude machen will. Aber Gesten sind leider nicht alles. Wenn du ein Geschenk nicht magst, dann magst du es nicht, so schön die Geste ist. Die schönste Geste fällt mit dem falschen Inhalt. Und bei Überraschungspartys muss man sagen: Nach der schönen Geste kommt nur noch Müll. Denn was ist sonst schön?

Dass du auf einmal alle deine Freunde siehst? Aber hättest du die nicht eh gesehen, wenn du gewollt hättest? "Haha, coole Überraschung, eigentlich hätte ich auch eh alle eingeladen, aber wegen der üB€rRaScHuNG$spArTy habe ich es nicht getan und jetzt seid ihr trotzdem alle hier. Cool!" – So in etwa, oder?

Weiter zum Klimax, dem Augenblick der Offenbarung.

"wI€ c0Ol, eIn€ üB€rRaScHuNG$spArTy!"

Gibt es Überraschungspartys ohne den theatralischen Moment der Enthüllung? Nein. "Woooooow, hahaha, kraaass!" – denn was soll man auch sagen? Ist nicht die eigene Reaktion der Sold der Organisator*innen? Was, wenn man sich in Wahrheit etwas anderes gewünscht hätte; andere Leute, andere Runde, anderes Setting, anderes whatever. Was, wenn man nicht in der Stimmung ist? Was willst du tun?

"Boah, richtig lieb, aber ich hätte mir echt etwas anderes gewünscht" sagen? No way. Was beim Auspacken von Geschenken schon als kaum überwindbare Hemmschwelle daher kommt, ist hier schlicht unmöglich. Zu viel Herz im Rennen – Herz derer, die ja eigentlich etwas für dich machen wollten, oder? Zu viele Gäste plötzlich im Boot. Deshalb heißt in solchem Stile überrascht werden immer: mitspielen. Haha. Ja, wow. Wie! Schön!

Sei ehrlich: Wie hoch ist die Chance, dass eine für dich organisierte Überraschungsparty zu null Prozent unangenehm oder stressig für dich ist? Dass sie wirklich trifft, wonach dir gerade ist. Klein, oder? Vielleicht bist du die eine unfassbar spontane und entspannte Person unter Hunderten. Aber wer ein bisschen kantig ist, einen durchmischten Freundeskreis hat, oder einfach eigene Vorstellungen von sich und seiner Zeit, der oder die kann mir nicht erzählen, dass so eine Party nicht wenigstens ein Stück weit zum Mitspielen und Verbiegen führt. Und da frage ich: Wieso, wenn es ein Leichtes wäre, es anders zu organisieren.

"aB€r !cH lI€bE üB€RrAsChUnG€n!"

Ja? Lässt du deine Eheschließung auch als Überraschungs-Hochzeit planen? Sagst du beim Essengehen "Überraschen Sie mich"? Klamotten kaufen: "Überraschen Sie mich, einfach irgendwas für 100 Euro." Machst du nicht. Weißt du auch, warum?

Die Überraschung an sich ist nichts Schönes. Sie ist wie ein Würfelwurf: Ohne Glücksspielfaible ist das einfach eine neutrale Sache. Aber wenn es um den Kick des Unerwarteten geht, dann könnt ihr auch in die Spielo gehen und Automaten drücken, da wird die ganze Nacht gewürfelt.

Mich triggert das. Überall sonst im Leben ist klar, dass man seine eigenen Ideen hat und umsetzen darf. Aber an Geburtstagen oder Rückkehren von Auslandsaufenthalten hat sich irgendwie durchgesetzt, sich mit dem Glücksrad zufriedenzugeben und bei jedem Ergebnis strahlend "Wooooow, hammer!" zu rufen. Wie toll, eine Party, die mir nicht gefällt. "aB€r €s !sT d0cH eIn€ üB€rRaScHuNG$spArTy!"

Glücksspielsüchtig? Dann ist eine Überraschungsparty genau das Richtige für dich. Vielleicht in einer Spielothek.

Was bleibt?

Ja, die Geste ist richtig schön. Überraschungspartys sind der maximal schöne Impuls im maximal schlechtesten Konzept. Wenn man für eine enge Person etwas richtig Schönes tun will – für sie eine Party organisieren –, warum sollte man sich da für das Glücksrad entscheiden?

Das Übel beginnt im Moment der Geburt. "Mmmmh, was könnte Person X wohl zu ihrem Geburtstag gefallen?" – Frag sie doch, lol. Und dann setzt ihr das um.

Ich finde: Überraschungspartys sind für Kinder. Als Kind kennst du die Welt nicht, und die erste Süßigkeit deines Lebens ist automatisch die beste.

Aber wer in seinen Zwanzigern das Konzept Überraschungsparty abfeiert, der weißt nicht, wer er ist. Denn wer sich selber kennt, hat viel mehr Freude daran, seine eigenen Wünsche und Ideen zu leben, als unerwartet irgendetwas zu bekommen, was zu hoher Wahrscheinlichkeit einfach nicht die Sache ist, die man sich selber ausgesucht hätte oder die für den Moment das Richtige ist.

Überaschungsparty-Gegenentwurf. Ich bin ja kein Hater.

Sagen wir mal, gute Freunde oder meine Freundin würden mir gerne eine Überraschungsparty schmeißen. Wisst ihr, was ich stattdessen schön fände? Wenn die einfach zu mir kommen und mich fragen: Till, was für einen Geburtstag wünscht du dir? Wen willst du sehen, was für ein Setting, was wäre komplett entspannt für dich, damit du den Tag genießen kannst? – und das dann einfach zusammen mit mir realisieren, oder von mir aus auch für mich.

Wie geil wär's. Ein kleines gemeinsames Projekt, bei dem deine schönste Party- oder Geburtstagsidee für dich und mit dir realisiert wird. Alles dabei: die Geste, das schöne Fest, und man muss nicht mal am Glücksrad drehen.

Und wenn man will, kann man dann immer noch sagen: Leute, überrascht mich einfach. Ich bin für alles offen. "aB€r w€nN dU w€!ßT, d4Ss dU üB€Rra$cHt w!RsT, d4Nn !sT €s jA gAr kEiNe üBeRr4ScHuNg m€Hr" – Richtig.

Denn die Überraschung ist nicht der Clou der Geschichte (siehe Würfelwurf). Das Schöne ist die liebevolle Geste und eine Sache zu machen, die einem gefällt. Für beides braucht man keine üBeRrAsChUnG, sondern liebe Freunde, gute Ideen und offene Kommunikation.

Liebe Grüße aus Team "!Ch wEiß sChOn SeLbSt, w4S m!R gEfÄlLt."

  • Quelle:
  • Noizz.de