Netflix kann einpacken.

"Nicht die Kanzlei!", schreit der Anwalt Roy aus Cornwall dramatisch, während er auf die Knie fällt. Dann ruft er seinen verhassten Halbbruder an, macht Schulden bei den falschen Leuten und verzweifelt völlig. Am Ende rettet ihn die verpeilte Reiterhof-Besitzerin Annie, sie verlieben sich und Roy wird als Reitlehrer glücklicher als jemals zuvor. So oder so ähnlich läuft ungefähr jeder ZDF-Film ab, der nach den Vorlagen der Autorin Rosamunde Pilcher gedreht wurde. Vorhersehbar denkst du? Stimmt. Und ich liebe es.

Jeden Samstagabend laufen unbemerkt von Millionen Bürgern die Film-Schmuckstücke der deutschen Fernsehgeschichte. Sie heißen "Die Braut meines Bruders", "Das Geheimnis der Blumeninsel", oder "Ungezügelt ins Glück". Nur Deutschlands Omas scheinen eingeweiht zu sein, kuscheln sich in ihre Fernsehsessel und sagen: "Let the Drama begin". Oder besser gesagt: Deutschlands Omas, meine beste Freundin und ich. Für uns ist es zum Ritual geworden, Woche für Woche einen neuen "Rosamunde-Film", wie wir es nennen, in der ZDF-Mediathek zu gucken. Hier ist eine kleine Best-Of-Zusammenstellung:

Im Mittelpunkt der Filme steht immer ein gut verdienendes Mittelstandspärchen, die Handlung spielt im englischen Cornwall und die Schauspieler kennt man aus mindestens drei vorangegangenen Produktionen, nur unter neuen Namen. Meistens verlieben sich im Laufe der Handlung auch noch die verwitweten Eltern des Pärchens, ein Kind wird gerettet und ein Hund adoptiert. Kurz: Kennst du einen, kennst du alle.

Warum das so toll ist?

Netflix ist voller Kriminalität, Gewalt und guter Cliffhanger. Unter der Woche brauche ich kurze Folgen, die in meinen vollen Zeitplan passen. Ich brauche die Spannung, um mich unterhalten zu fühlen und nach einem langen Tag abzuschalten.

Am Samstagabend, wenn die Woche geschafft ist und ein entspannter Tag hinter mir liegt, habe ich endlich Zeit für einen langen Film. Eine abgeschlossene Geschichte, die mich nicht mit einem krassen Cliffhanger zurücklässt. Kurz: Eine Geschichte, über die ich nicht viel nachdenken muss.

Dabei ist die Handlung nicht immer ganz unproblematisch: Auch wenn die Produzentinnen und Produzenten der Filme seit einigen Jahren darauf achten, nicht mehr ganz so altbacken herüberzukommen, passieren immer wieder Fauxpas. Wenn zum Beispiel die Hauptperson eine erfolgreiche Meeresbiologin ist – aber im Film zu 99 Prozent über ihren Lover redet. In solchen Momenten merke ich, dass – so sehr ich die Pause für den Kopf auch liebe – das Frauenbild in den Filmen absolut nicht auf der Höhe der Zeit ist. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, in welchem Film die Hauptpersonen mal nicht weiße Gutverdiener waren – oder ob das überhaupt schon einmal der Fall war.

Und deshalb rate ich euch: Guckt die Filme nicht alleine. Ihr braucht mindestens eine euch nahestehende Person bei euch, mit der ihr euch über die fehlende Diversität lustig machen und aufregen könnt. Rosamunde-Abende sind keine normalen Movie-Nights, in denen ihr still den Film genießt. Bei Rosamunde-Abenden reden meine beste Freundin und ich mehr als die Schauspieler, spulen besonders alberne Stellen zurück und gucken sie wieder und wieder, bis wir uns vor Lachen auf dem Sofa kringeln.

Kurz: Rosamunde-Abende sind das perfekte Gegenstück zu abgeschiedenen Netflix-Sessions, bei denen du stundenlang still auf deinen Laptop schaust. Denn eines steht fest: Mehr als zwei Rosamunde Pilcher-Filme hinter einander schaffen nicht einmal hart gesottene Fans wie ich. Und keine Netflix-Serie der Welt bietet dir so viel Angriffsfläche für Kritik und Witze.

Die Rosamunde-Filme schaffen es, dich gleichzeitig in ihre wohlige heile Welt einzumummeln – und diese so zu überspitzen, dass dir ihre Absurdität einfach auffallen muss. Unfreiwillig problematisieren die Filme damit selbst die spießige, heteronormative Welt in der sie spielen – und zwingen uns dazu unsere Vorstellung von Romantik zu überdenken. Das Tolle daran ist: Es ist gar nicht schlimm, wenn dir die Filme gefallen. Jeder braucht einmal eine Auszeit vom Denken. Aber nach dem Film bist du nicht nur entspannt – sondern hast, ob du es willst oder nicht, sehr viel über dich selbst gelernt: Gefallen mir die klischeehaften Darstellungen von Liebe in dem Film? Warum gefallen sie mir – und ist das überhaupt schlimm?

Und genau deshalb sind Rosamunde Pilcher-Abende mit der besten Freundin die schönste Beschäftigung, die es am Wochenende gibt. Wenn ihr eine Person braucht, die euch in die wundersame Welt der Kitschfilme einführt, dann fragt doch einfach mal eure Großmütter. Denn ihr wisst ja: Sie sind die wahren Kennerinnen, der deutschen Filmkunst.

>> Loredanas Erfahrung mit Männern im Rap zeigt: Frauen begegnet man immer noch nicht auf Augenhöhe

>> Fem as Fuck #7: Jungfräulichkeit ist ein soziales Konstrukt, das Frauen und ihre Sexualität unterdrückt

>> Wieso es scheinheilig und sexistisch ist, Keanu Reeves für seine gleichaltrige Freundin zu loben

Quelle: Noizz.de