Und zwar mit Recht.

Zweimal hat mich mein Leben bereits unwiderruflich traumatisiert: Erstens: als ich zwölf war und mich mein Papa verlassen hat. Zweitens: bei jedem Friseurbesuch.

"Soll ich Seiten abmachen?" – Nein, nur Konturen, ich lasse ALLES rauswachsen. "Okay, und Ohren? Freimachen oder nur sauber?" – Bitte nur sauber, das soll echt alles lang werden. "Okay."

Was macht der Gute? Schneidet die Seiten kurz und macht Ohren komplett frei. Fußballerfrisur. FUSSBALLERFRISUR!! Wie kann man so sein?

Diese Tragödie war mein letzter Samstagvormittag. Den Rest des Tages habe ich damit verbracht, zu hassen. Wobei, stopp, falsch: Dieses Gespräch steht für 13 Jahre Friseurbesuche. Seit ich Haare habe und mir nicht komplett am Arsch vorbeigeht, wie die aussehen (also vielleicht, seit ich 14 bin), geht das so. Friseurbesuche sind Höllenritts. Und es will nicht in meinen Kopf reingehen, wieso das so sein muss.

Ich hasse alle Friseure

Mit "alle Friseure" meine ich natürlich nicht alle Friseure. Ich meine circa ein Drittel aller Friseure. Gut 30 Prozent, denen mein auf Erfahrungswerten basierender, völlig gerechtfertigter Hass gebührt. Was ist das bitte für eine stupid hohe Zahl? Ich bin eigentlich ein friedfertiger Mensch, ich hasse nicht.

Aber: Einfach ALLES beim Friseurbesuch ist schlimm und falsch. Erst sitzt du viel zu lange auf irgendwelchen Kunstledersesseln und bist gezwungen, das Personal zu inspizieren. Wie ein Gang durch eine Folterkammer, bei der dir jedes Instrument einzeln vorgestellt wird und du dich fragst, mit welchem du wohl in den Wahnsinn getrieben wirst. Die Daumenschrauben? Das Kohlebecken? Die Streckbank? Die Wella Contura Haarschneidemaschine aus der Hölle?

Da wartest du und weißt, irgendwo rollt gerade jemand einen Würfel für dich und mit einer Chance von eins zu drei passiert gleich was richtig Schlimmes.

Dann geht's los. Die Würfel sind gefallen. Irgendein Mensch mit Schere steht vor mir, lächelt mich an. Als gäb's irgendwas zu lächeln. Wir gehen zum Schafott. Ein schwarzer Umhang fällt über meinen Kopf, raubt meinen Händen die Bewegungsfreiheit. Nichts, was ich noch tun könnte. Der eingangs zitierte Dialog entfaltet sich. Hilflos lasse ich Schere, Rasierer und den "Smalltalk" des Advokaten über mich ergehen.

Und zehn Minuten später sitze ich da, blicke in den Spiegel und komme nicht hinterher, was da gerade passiert ist. Absolute Fassungslosigkeit. "Ja, super, danke", lächle ich dem Teufel durch den Spiegel zu.

"Gerne", leiert der Teufel mit gelangweiltem Lächeln zurück, zückt einen überdimensionalen Nackenpinsel und schwingt das Teil beherzt über meinen Hals. Als ob das irgendwie helfen würde; die Haarspitzen verteilen sich so nur noch mehr im Nacken – "und piksen", hätte ich jetzt fast geschrieben. Aber das klingt so harmlos. Diese Haarspitzen sind nicht harmlos, sie sind der Tod im Nacken und schneller am gesamten Rücken verteilt, als der Teufel "17 Euro, bitte" sagen kann. – Wieso 17, ich wollte nur Konturen. Das kostet 7 Euro. "Okay, dann 7."

WTF? Hast du gerade so offensichtlich und plump versucht, mich abzuziehen?? Gebe 8 und sage "stimmt so". Verlasse den Tatort mit Fußballerfrisur und werde bei jedem Schaufenster auf dem Heimweg daran erinnert, dass ich gerade kastriert wurde.

KEIN Einzelfall

SO. GEHT. DAS. IMMER.

Vor zwei Jahren war ich auf Heimatbesuch, weil meine Cousine geheiratet hat. Am selben Tag noch schnell zum Friseur, nur kurz Konturen machen lassen – "Klar, kein Problem". Und was hat die gemacht? Hat mir 'n Bob geschnitten. EINEN BOB. Und ich bin 'n Typ. Ich konnte die Scheiße nicht mal mit 'nem Zopf verstecken. So bin ich dann zur Hochzeit meiner Cousine. Das kann man sich nicht vorstellen. Vor Ort angekommen, latscht dann direkt meine Tante auf mich zu, sagt mir allen Ernstes, dass sie es ja toll findet, wie ich einfach mein Ding durchziehe, und schaut mir dabei mit einer Mischung aus familiärer Liebe und absolutem Unverständnis auf meine "Frisur".

Schnallen Friseur*innen eigentlich ansatzweise, was sie da tun? Da lässt man wochenlang seine Haare wachsen, versteckt sich unter Mützen und Caps, zählt die Tage, bis man wieder zumutbar aussieht. Und wenn man's dann halbwegs geschafft hat und sich die Konturen machen lassen will, damit man wieder aussieht wie ein Mensch, schneidet irgendein Fatzke einfach die Seiten ab und man kann direkt wieder von vorn beginnen.

Nennt mich einen Träumer

Ganz ehrlich, irgendwann kommt das große Aufwachen. Wie nach einem fürchterlichen Albtraum. Mit etwas Distanz wird man auf ein paar Jahrzehnte deutsche Friseurkultur zurückblicken und sich denken "Oh mein Gott, war DAS schlimm. Aber zum Glück ist es vorbei." Dann wird man mit dem Kopf schütteln und anfangen, die Nummer noch mal zu überdenken. Kopfform checken, Haartyp checken, Wunsch vom Gast anhören und schauen, wie sich das typgerecht umsetzen lässt. So wird das ablaufen. Man geht zum Friseur und freut sich, weil man weiß, gleich bekommt man einen schönen Haarschnitt. Heute unvorstellbar. Aber die Zeit wird kommen. Bis dahin werde ich mich weiter mit Gewaltfantasien über Wasser halten und mir vor allem etwas einfallen lassen, wie ich diese Fußballerfrisur von meinem Kopf bekomme. Kill me.

>> Warum tragen eigentlich so viele Typen die Fuckboy-Frisur?

>> "Wenn du deine Tage hast, finde ich das ekelig": Warum blutige Unterwäsche völlig okay ist

Quelle: Noizz.de