Und warum sie trotzdem richtig und wichtig war.

Endlich haben wir wieder eine Heilige! Ich meine das ganz unironisch. Denn Greta Thunberg verzaubert die Welt, wie wir es nur aus Zeiten kennen, bevor Friedrich Nietzsche Gott für tot erklärte. In der Kirche gibt es Heilige schon lange nicht mehr. 

Auf dem UN-Klimagipfel in New York hielt sie nun ihre Bergpredigt. Mit heiligem Zorn und Tränen in den Augen las sie den Mächtigen dieser Welt die Leviten, ermahnte sie, klagte sie an, machte sich zum Sprachrohr all jener, die sonst nie durchdringen würden zu den Staatschefs, Wirtschaftsbossen und Superreichen. Am Schluss sprach sie sogar eine Drohung aus: 

“Wir werden euch das nicht durchgehen lassen!”

Ich nehme ihr ihre Worte ab.

Und spätestens jetzt, so hat man das Gefühl, hat jeder Greta Thunberg gehört. Spätestens jetzt wissen “die da oben” was “die da unten” von ihnen wollen. Wie sie denken. Wie sie fühlen. Spätestens jetzt können sie sich nicht mehr rausreden

Thunbergs Rede vor den Vereinten Nationen war eine Handlungsanweisung an die globale Wirtschaft und Politik. Als ob die Menschheit vor die Menschheit getreten ist, um ein letztes Menetekel vorzubringen. Ein letztes “Wehe euch ...”, das eigentlich ein “Wehe uns …” ist. Denn die Entscheider der Geschicke dieser Welt leben ja nicht auf einem anderen Planeten, auch wenn es manchmal so scheinen mag.

Nur, leider wird Thunbergs Appell nichts bringen. Diejenigen, die etwas zu sagen haben, werden ihr kaum Folge leisten. Geld regiert die Welt, nicht das Volk oder ein Teenager aus Stockholm. Daran hat sich seit Menschengedenken nichts geändert. Seit wir im Kapitalismus leben, ist dies ja sogar kein Geheimnis mehr, sondern qua definitionem offiziell. Deshalb sind Politik und Wirtschaft auch so eng miteinander verflochten.

Kommunismus? Hat nicht geklappt. Der Teufel wurde mit dem Beelzebub ausgetrieben. Aus “Alle Menschen werden Brüder” wurde “Wer hier eintritt, lasse alle Hoffnung fahren”. 

Konsumismus abschaffen? Wollen wir doch selbst nicht! Oder wir schaffen es einfach nicht. Zu groß ist der Einfluss all jener Firmen, die uns von Geburt an mit ihrer Werbung zuballern – oft bemerken wir das nicht mal mehr. Wir wollen doch nicht wirklich auf all die Sneaker, all die Outfits, all die Lifestyle-Produkte verzichten, von denen uns immer erzählt worden ist, dass sie uns beglücken und definieren. Wir wollen weiter konsumieren – und sei es Kram aus Recycling-Material. 

Das Problem: Konsumismus und Nachhaltigkeit sind zwei Prinzipien, die sich widersprechen. Und Nike wird nicht damit anfangen, den unzerstörbaren Sneaker herzustellen. Den einen Schuh, der das ganze Leben hält. Das wäre für jedes Unternehmen im “Höher, schneller, weiter”-Haifischbecken Selbstmord.

Dazu kommt, dass ein großer Teil der Welt ja noch gar nicht in den “Genuss” von all dem gekommen ist, von dem Thunberg sagt, dass es die Welt zerstört. Massen von Menschen wollen endlich auch fliegen – oder zumindest mit dem Auto durch die Gegend fahren. Sie wollen auch endlich täglich Billigfleisch essen, sich so viele Klamotten kaufen, wie’s nur geht. Jahrzehntelang hatte man ihnen McDonald’s, Coca-Cola, British Airways und Mercedes als Heilsbringer verkündet. Jetzt wollen auch sie zu ihrem Recht kommen – und auf Teufel komm raus konsumieren. 

Ihnen ist egal, was irgendeine Greta, wir oder unsere Politiker dazu sagen. Schlechtes Timing für die (Um-)Welt, aber Tatsache.  

Wir sind also leider dem Schicksal ausgeliefert – Greta Thunberg hin oder her. Was aber nicht heißt, dass ihr heiliges Reden und unser eifriges Demonstrieren nichts bringt. Allein, es erfüllt einen anderen Zweck, als den, von dem wir die ganze Zeit reden. Greta Thunberg hilft uns dabei, unser Leben zu überprüfen und es nach dem Guten auszurichten. Ein sinnvolle(re)s Leben zu führen. Und währenddessen – beim Greta bewundern und auf die Straße gehen – darauf zu hoffen, dass etwas, was außerhalb unserer Macht liegt, eine (Klima-)Wende herbeiführen wird. 

Und eins ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Wo ein Heiliger ist, da sind Wunder nicht fern.

Quelle: Noizz.de