Authentisches Lügen ist hingegen völlig okay.

Ihr kennt ihn alle, diesen einen Moment: In familiärer oder freundschaftlicher Runde sitzt ihr neben einem Tannenbaum, seid im Begriff ein Geschenk zu öffnen, auf euch gerichtet die freudig glitzernden Augen der Person, die euch dieses Päckchen mittels Zeit, Liebe und Geld ausgesucht hat, und denkt euch "Scheiße, was, wenn es mir nicht gefällt – sag ich's, oder sag ich's nicht?"

Schenken und Geschenke bekommen ist eigentlich wunderschön, und zwar auf beiden Seiten. Man zeigt sich, wie viel man sich bedeutet und wie gut man sich kennt, drückt seine Zuneigung aus, bekommt Zuneigung ausgedrückt und wird sich bewusst, wie sehr man Menschen liebt und mag, beziehungsweise wie sehr man geliebt und gemocht wird.

Und trotzdem findet man sich alljährlich unverhofft in dieser Klemme wieder

... wenn die Realität ein Wörtchen mitzureden hat und man beim Geschenke auspacken merkt, dass nicht alles so rosarot ist, wie es eigentlich sein könnte oder vielleicht auch sein sollte. Da hab ich keine Lust mehr drauf: Ich will, dass Geschenke auspacken, Spaß macht. Immer und auch dann, wenn das eigentliche Geschenk gar nicht mal so cool ist. Und ich habe keine Lust mehr, am 24. und den Folgetagen gequält zwischen innerem Zurechtbiegen und Stimmungskiller changieren zu müssen.

Was tun, wenn man sein Geschenk nicht mag?

Wie schwer kann es sein "Oh, sorry, aber das ist nicht so mein Geschmack" zu sagen? Tja, scheinbar so schwer, dass man es einfach nicht tut, und sich lieber mit einem gequälten "Oh, super, ja, genau richtig" aus der Misere rettet. Jedenfalls finde ich mich jedes Jahr in genau dieser Situation wieder, und dass, obwohl ich sagen würde, eine richtig entspannte Familie zu haben. Und wenn ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis herumfrage, dann bekomme ich auch genau das gespiegelt – jeder rettet sich hier und da mit kleinen Notlügen. Weihnachten und Geschenke schön-lügen – gehört das einfach zusammen?

"Ehrlich währt am längsten" ist ja im Großen und Ganzen eine schöne goldene Regel, aber unter dem Tannenbaum stößt auch dieser Evergreen von Lebensweisheit an seine Grenzen. Manchen Menschen will man einfach nicht das Herz brechen und manche Situationen sind so schön und harmonisch, dass man mit einer kleinen Notlüge gefühlt alles richtig macht, wenn dafür der Abend so besinnlich bleibt.

Ursprünglich wollte ich an dieser Stelle herausfinden, welche Faktoren beim Geschenke auspacken zusammen kommen, und dann damit eine Formel aufstellen, die man universal anwenden kann und durch die man immer weiß, ob man bei einem unliebsamen Geschenk lügen oder die Wahrheit sagen soll. Eine kleine Entspannungshilfe, damit der Sekt nicht wieder die ganze Arbeit alleine machen muss, die hätte ich gerne.

Pustekuchen. Etliche Gedankengänge später bin ich nun an den Punkt gelangt, dass Schenken viel zu kompliziert und vielschichtig ist, um eine generelle Formel anwenden zu können:

Geht es um das eigentliche Geschenk oder eher die Geste des Schenkens?

War es besonders teuer oder vielleicht sowieso schon ein Besitzstück? Kann ich es an Freunde weitergeben? Könnte man es wieder umtauschen? Wie sehr würde es gerade die Person kränken, von der ich das Geschenk erhalte? Geht es beim Erhalten eines Geschenks überhaupt um mich, oder vielleicht um die Person, die mir mit ihrem Geschenk zeigt, wer sie ist? Endlose Faktoren spielen da rein. Geschenke und ihre Situationen sind so unterschiedlich und vielfältig, da muss man einfach immer wieder neu herausfinden und fühlen, was gerade richtig und falsch wäre.

Ehrlich, ich wünschte, ich könnte hier was anderes schreiben, und ihr habt ja keine Ahnung, wie lange ich auf diesem Thema herumgekaut habe, nur um einzusehen, dass es überhaupt nichts bringt. Aber mein komplett ehrliches Fazit ist einfach: alles Typ-Sache, alles situationsabhängig. Tja, geiler Artikel, oder?

Aber vielleicht lässt sich ja doch noch etwas gewinnen, auch, wenn es nicht der große philosophische Wurf wird. An diesem Punkt stehen wir gerade:

Erstens: Schenken ist eigentlich etwas richtig Tolles und Liebevolles und sollte deshalb unbedingt genau das sein und bleiben, selbst, wenn das Geschenk nicht gerade ein Herzenswunsch war.

Zweitens: Trotzdem gerät man immer wieder in Situationen, in denen das Gegenteil entsteht und man nicht weiß, wie man ein unschönes Geschenk kommunizieren soll. Und wie wir gesehen haben, scheint straight mit der Wahrheit zu gehen nicht immer der goldene Weg zu sein – manchmal gibt es Wichtigeres als das persönliche Glück.

Drittens: Schenken ist zu kompliziert, um eine generelle Formel zu benutzen.

Was macht man jetzt damit?

Erhält man ein Geschenk, das man eigentlich nicht so toll findet, hat man zwei Möglichkeiten, einen guten Umgang damit zu finden. Entweder, man merkt, dass es um das Geschenk an sich geht und man für sich selber einfach sagen muss, dass man es nicht mag. Dann sollte man auch genau das tun. Oder aber, man merkt, dass es in der jeweiligen Situation vielleicht gar nicht so entscheidend ist, wie sehr man das Geschenk mag, und dass gerade andere Dinge wichtiger sind, wie beispielsweise ein harmonisches Miteinander oder die Geste des Schenkens. In diesem Fall sollte man vielleicht nicht offen sagen, dass es nicht das passendste Geschenk der Welt ist, sondern es freudig annehmen.

So oder so: Irgendwie sind beide Optionen in Ordnung und erhalten das Schöne am Schenken am Leben. Und wenn ich mir das so überlege, dann merke ich, dass beim Schenken eine Sache einfach nichts zu suchen hat, und zwar falsche Höflichkeit. Damit meine ich, dass man sich dafür entscheidet, ein unschönes Geschenk anzunehmen, obwohl das überhaupt nichts besser macht. Zum Beispiel, wenn man nicht die Wahrheit sagt, obwohl die schenkende Person es eigentlich total gut abkönnte. Oder wenn man nicht die Wahrheit sagt, obwohl es für einen selbst eigentlich total wichtig wäre, genau das zu tun. Lügen aus Feigheit könnte man das auch nennen.

Und damit ist überhaupt niemandem geholfen: Weder dir selber, noch der Situation, noch der Beziehung zwischen dir und der schenkenden Person, der du dich in diesem Augenblick nicht authentisch zeigen kannst. Und so wird das eigentlich so schöne Schenken und beschenkt werden zu einer Farce, zu einem Schein und Schauspiel.

Vielleicht ist das ja doch eine grobe Formel, an die man sich halten kann: Checken, ob man beim Geschenk gerade selber der Mittelpunkt ist, oder vielleicht etwas ganz anderes im Vordergrund steht und dann authentisch "sorry, das ist leider nicht richtig für mich" oder "vielen Dank, ich freue mich total" sagen. Und wer das nicht tut, sondern sich hinter falscher Höflichkeit versteckt, der gibt dem Schenken keine Chance, das zu sein, was es eigentlich sein kann und soll: eine wunderschöne Geste, die dafür gedacht ist, unsere zwischenmenschlichen Beziehungen zu feiern und zu stärken.

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Quelle: Noizz.de