Warum wir den 9. November nicht vergessen dürfen

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9.11. Foto: Walterschernstein / Instagram

80 Jahre nach der Reichspogromnacht.

Vor genau 80 Jahren fanden in Deutschland die Novemberpogrome statt. Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 war eine beispiellose antisemitische Hetzjagd und markiert den Übergang von der bloßen Diskriminierung zur systematischen Verfolgung und Tötung aller Juden in Deutschland.

So wurden unter Adolf Hitler zwischen 1941 und 1945 circa sechs Million Juden getötet – vor weniger als 80 Jahren. Die Mörder waren keine unzivilisierten Steinzeitmenschen, sondern die Generation unserer Groß- und Urgroßeltern.

Man sollte meinen, mit Ende des Krieges und dem Untergang des Nationalsozialismus sei in Deutschland Einsicht, Reue und Sensibilität für andere Religionen und Völker eingekehrt. Man sollte meinen, dass wir Deutschen, mit so einer Vorgeschichte in den Knochen, die ersten sind, die gegen Antisemitismus und Fremdenhass auf die Barrikaden gehen.

Aber irgendwie fühlt sich unsere Zeit gerade anders an. Immer wieder sind in den letzten Jahren, Monaten und Wochen Dinge vorgefallen, bei denen ich einfach nicht verstanden habe, wie das gerade tatsächlich passieren kann.

Groß waren natürlich die Skandale um Kollegah und Farid Bang bei der letzten Echo-Verleihung.

Kollegahs Interpretation von Kunstfreiheit, sein Umgang mit Kritik und das im besten Fall unsensible Video zu seiner Single „Armageddon“ hätten meiner Meinung nach dicke und dreifach reichen sollen, ihn vom Musikpreis Echo auszuschließen.

Genauso unverständlich waren mir die Reaktionen innerhalb der deutschen Rapszene, die Kollegah größtenteils in Schutz nahmen und bestärkten. Wieso haben sich da so viele Menschen für eine Art von Rap und einen Menschen dahinter stark gemacht, dessen Kunst und Wirken so offensichtlich durch den verächtlichen Umgang mit Minderheiten beziehungsweise – im Falle des Albums mit Farid Bang – mit dem Schicksal von Juden lebt?

Ich verstehe Battle-Rap und finde auch, dass Kunst ihre Freiräume braucht. Aber an dieser Nummer beim Echo war so viel mehr falsch als eine Punchline auf dem (mittlerweile indizierten) Album „Jung, brutal, gutaussehend 3“.

Foto: Youtube/ Screenshot

Auch in der Öffentlichkeit findet zunehmend Antisemitismus und Fremdenhass statt.

In Berlin wurde im April ein Jude wegen seiner Kippa auf offener Straße mit einem Gürtel geschlagen. Im Juli musste ein weiterer jüdischer Junge ins Krankenhaus geliefert werden. Er war zuerst antisemitisch beleidigt und anschließend von einer Gruppe zusammengeschlagen worden. Schließlich ereigneten sich im September in Chemnitz die bekannten Hetzjagden gegen Flüchtlinge.

Jetzt, heute, am Jahrestag der Reichspogromnacht, beschließt das Verwaltungsgericht Berlins eine vor kurzem verbotene rechte Demonstration durch Berlin doch zu erlauben. Die Demo läuft unter dem Namen „Wir für Deutschland“ und hat bereits mehrfach gegen die Berliner Flüchtlingspolitik demonstriert. Die Anmelder sind dem Berliner Verfassungsschutz als „muslimfeindliche Extremisten“ bekannt.

Die Demokratie und das Recht auf Versammlung in Ehren, aber: Warum dürfen am 9. November rechtsextreme Menschen durch die Innenstadt Berlins ziehen? Wie taktlos ist das gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen von 1938 und den Folgejahren?

Ich finde, das alles darf nicht sein.

Musiker, die ihren Erfolg auf der Diskriminierung von Schwächeren und Minderheiten aufbauen, dürfen keine Preise erhalten. Wer auf der Straße seine Religion zur Schau trägt, darf sich nicht vor körperlicher und verbaler Gewalt fürchten müssen. Und Rechtsextreme dürfen nicht die Erlaubnis haben, an einem Gedenktag für die Opfer des Genozids, in der Berliner Innenstadt zu demonstrieren und deutsche Flaggen zu hissen.

Deshalb dürfen wir nicht vergessen, was am 9. November geschehen ist.

Quelle: Noizz.de

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