Jenke von Wilmsdorff behandelt in seiner TV-Doku den Fleischkonsum der Deutschen – und emotionalisiert das Thema maßlos. Dennoch spricht er genau die richtigen Schlagworte an.

Kann man die Fragestellung der betreffenden Folge "Das Jenke Experiment" eigentlich noch bedeutungsschwangerer aussprechen? "Tiere lieben, Tiere essen – wie viel Fleisch muss sein?", fragt Reporter Jenke von Wilmsdorff mit unerschrockenem Blick in die Kamera. Die hochstimmigen Chöre im Hintergrund der Szene hätten auch eine Folge "Game of Thrones" untermalen können. Er zieht Bilanz: Über 1.000 Tiere hat der 54-Jährige in seinem Leben durchschnittlich schon gegessen. Erschütterung.

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Eines ist nach wenigen Sekunden der TV-Doku klar: Hier sollen die Zuschauer*innen emotionalisiert und bei der Stange gehalten werden. Dabei hätte man das auch entspannter machen können, denn das Thema brodelt derzeit sowieso ordentlich: Fleischkonsum. Spätestens seit dem Tönnies-Skandal mitten in der Corona-Pandemie diskutieren alle über Ramsch-Preise und unmenschliche Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen.

Fleischkonsum: Eine laute und aktuelle Debatte

Kein Wunder, dass RTL die aktuelle Debatte um Fleischproduktion nutzt, um die erwähnte Folge "Das Jenke-Experiment" aktuell noch einmal auszustrahlen. Erstveröffentlichung war bereits Anfang März. Das Konzept: Jenke von Wilmsdorff macht vier Wochen lang den Extremtest: Zwei Wochen lang isst er täglich ein Kilo Billigfleisch, danach lebt er zwei Wochen lang vegan. Natürlich wird das Ganze von Kameras und Medizinern begleitet. Es sollen ja ordentlich Ergebnisse rumkommen.

Das Thema Sex wird ganz nebenbei auch noch abgegriffen: Gleich zu Anfang schnallt Jenke sich einen Potenzmesser um und packt sich diesen auch am Ende noch mal an den Penis. Verifiziert werden soll dadurch, ob es stimmt, dass Veganer standhafter in puncto Bettgymnastik sind.

Billigfleisch, Schweinemast und Kuscheltiere

Um den ganzen Schritt ans Lieblingsfleisch der Deutschen zu schaffen, zieht Jenke für seine Doku auch noch auf einen Bauernhof und ist nun Pfleger für zwei Schweine, die eigentlich alt genug sind, um geschlachtet zu werden. Gleich zu Beginn merkt Jenke, dass seine Zieh-Tiere "Schmali" und "Elsa" extrem kuschelig sind, Empathie für die Wesen um sie herum entwickeln und auf ihren Namen hören.

Am Ende der vier Wochen kann Jenke entscheiden, ob er Elsa vor der Schlachtung rettet – und sich damit verpflichtet, als Vegetarier zu leben. Oder aber weiterhin Fleisch konsumiert, und mit ansieht, wie die beiden Tiere das Leben lassen. SPOILER: Jenke entscheidet sich für das Leben seiner neuen tierischen Freunde.

Jenke und das Fleisch: Crashkurs in Ethik, Medizin und Abgründe

Jenkes Doku ist extrem dicht gewebt: Es geht um alles gleichzeitig. Wie ungesund ist Fleisch? Wie ungesund ist vor allem der Konsum von Billigfleisch? Was bedeutet Billigfleisch eigentlich für Körper, Umwelt und Gewissen? Was bedeutet es überhaupt, Tiere zu essen? Was bedeutet es, Lebewesen zu schlachten, die ein Bewusstsein für sich und andere haben? Die Schmerzen und Freude empfinden? Die ein schlagendes Herz haben, ganz wie wir Menschen?

Schweine im Schlachthof: Die Tiere werden massenhaft gehalten und geschlachtet.

Das sind alles große Fragen, die man nicht ohne Weiteres in einen Topf, beziehungsweise in eine Doku werfen kann. Denn es sind Grundsatzdiskussionen verschiedenster Disziplinen: Medizin, Politik, Wirtschaft, Philosophie – jeder einzelne Blickwinkel ist hier wichtig. Nicht umsonst gibt es ganze Bibliotheken voll zu genau diesen Themen.

Und genau deshalb wirkt die TV-Doku hin und wieder etwas fahrig – und macht sich auch angreifbar: Jenke fühlt sich nach zwei Wochen Billigfleisch völlig erschöpft, er kann nicht schlafen, die Gelenke schmerzen, die linke Hand ist irgendwann unbrauchbar. Vegan zu leben, wird bei ihm zwar auch nicht romantisiert – er macht kein Geheimnis daraus, dass ihn die pflanzliche Diät nicht erfüllt – aber es geht ihm gesundheitlich besser. Gleichzeitig freundet er sich mit den zwei Schweinen in seiner Obhut an und kann sie am Ende nicht töten lassen. Alles auf einmal. Alles in vier Wochen. Wäre sonst ja auch langweilig!

Jenke übertreibt – und macht damit vieles richtig

Ob es nun Jenkes entzündete Hand ist, die nach zwei Tagen intensivem Fleischkonsum schmerzt, die zwei Schweine, die Jenke ins Herz schließt oder aber die Frage danach, ob man ein Tier essen kann, dass auf seinen Namen hört – hier wird alles verdichtet, um am Ende eine unterhaltsame Sendung auf die Bildschirme zu zaubern.

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In erster Linie geht es bei RTL immer noch um die Einschaltquote – und nicht etwa darum, tatsächlich am Fleischkonsum der Deutschen etwas zu bewegen. Denn ob es nun gut 47 Kilogramm Schweinefleisch sind, die der gemeine Deutsche pro Jahr isst, dürfte dem Sender herzlich egal sein. Auch die Tatsache, dass in Deutschland knapp 5.000 Tonnen Fleisch pro Jahr produziert werden. Aber: Die Art und Weise wie all diese Zahlen und Fakten in Jenkes Sendung behandelt werden, ist gut.

Der Reporter schafft nämlich Nähe zum Konsum. Er zeigt, wie ein Tier leben kann, dass später getötet wird. Er wirft Fragen auf, die durchaus wichtig sind: Was steckt hinter dem zartrosa Schweinekotelett, dass es pro Kilo schon für circa vier Euro im Supermarkt gibt? Wie sah das Lebewesen aus, dass später entfremdet und zerstückelt in der Theke liegt?

Schlachthöfe und Politik – zu weit vom Verbraucher entfernt?

Als Politiker*innen der Grünen forderten, dass Fleischpreise angehoben und vor allem die Fleischproduktion geprüft werden müsse, war der Aufschrei groß. Denn keiner will sich seine Wurst vom Teller nehmen lassen – vor allem nicht in Deutschland. Fleisch dürfe nicht zum Luxus werden, hieße es. In Deutschland dominiert scheinbar die Annahme, jeder hätte ein Grundrecht auf billiges Fleisch. Aber dieses Recht hat seinen Preis: Die Tiere haben ganz offenbar kein Grundrecht auf artgerechte Haltung und die Menschen in den Schlachthöfen haben offenbar kein Grundrecht auf ihre Würde.

Doch der kernige RTL-Mann Jenke, wie er selbstlos Gramm für Gramm Fleisch in sich hineinschaufelt, wie er sich fragt, wo sein Gewissen ist, wie er nachdenkt, was es heißt, einen Mittelweg zu finden – und das zur Primetime im Mainstream-Sender kann tatsächlich eine Diskussion anregen, die fruchtbar ist. Es kann tatsächlich anregen, dass jede*r mal nachdenkt, was und wie Konsum ist und was es bedeutet – und vor allem: Welche Verantwortung sich daraus speist. Vielleicht spätestens, wenn es um die eigene Potenz geht – wie Jenkes Penistest ausfällt, spoilern wir hier nämlich nicht. Das kann sich jede*r selbst ansehen und sich anschauen, wie das Ferkel aussieht, dass später neben der Grillsauce auf dem Teller landet.

Quelle: Noizz.de