Warum redet jeder über den Begriff Alman? Vor Kurzem wurde auf Twitter der Slang-Begriff heiß diskutiert und beschuldigt, respektlos und diskriminierend zu sein.

Es handelt sich um den Slangbegriff "Alman", schon klar. Aber woher kommt dieses Wort plötzlich? Was viele nicht wissen, so neu ist das Wort Alman gar nicht: Es heißt auf Türkisch Deutsch. Das Wort kam mit den ehemaligen Gastarbeitern, die in den 60er Jahren ihre neue Heimat in Deutschland fanden, aus der Türkei. Da viele erst mal kein Deutsch sprachen und ihre Sprache an ihre Kinder weitergaben, hat sich der Begriff "Alman" immer mehr in der deutschen Popkultur etabliert. Durch Memes über deutsche Klischees und berühmte Meme-Seiten wie "Alman Memes" (die übrigens selbst von "Almans" ist) ist der Begriff in den letzten Jahren immer beliebter geworden.

Der Begriff beschreibt Klischees, die wir alle aus unserem Alltag in Deutschland kennen und auch irgendwie relatable und faszinierend sind. Ganz so wertfrei ist der Begriff trotzdem nicht. Er beschreibt einen Lifestyle nach Regeln und Personen die nach Klischees leben, er hat also eher wenig mit Coolness zutun. Auch der allseits bekannte Internet-Comedian Phil Laude, spielt in seiner Arbeit extrem viel mit den Alman-Lifestyle-Klischees. Interessant ist aber, dass die Memes über Almans grade bei "Almans" selbst so gut ankommen.

Der Begriff hat allerdings grade für uns PoC (People of Color: ist eine Selbstbezeichnung von Menschen, die Rassismus erfahren) eine weitere Bedeutung. Da viele PoC leider immer noch in unserer Gesellschaft teils nicht als Deutsche akzeptiert werden, aber sich als Deutsch identifizieren, hat man im Slang zwischen "Deutschen" und "Almans" unterschieden. Das heißt, Deutsche sind alle, die sich als solche identifizieren und Almans sind diejenigen, die keine anderen "Wurzeln" und keinen Migrationshintergrund haben.

Es ist verständlich, dass es Menschen gibt, die das nicht mit Humor nehmen wollen und sich bloßgestellt fühlen. Das muss natürlich, wenn es angesprochen wird, respektiert und akzeptiert werden.

Comedian Shahak Shapira äußerte sich so dazu: "Als Alman wirst du bezeichnet, wenn du dir drei Stunden Youtube-Content über Dübel gibst. Als Kanake wirst du bezeichnet, wenn dich Neonazis beim Dorffest zu Fünft angreifen."

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Denn die eigentliche Diskussion begann auf Twitter, als einige User argumentierten, wenn Alman gesagt werden darf, dürfe auch das N-Wort und die Bezeichnung Kanake auch von ihnen benutzt werden. Alman mag nicht wertfrei sein, aber der Begriff ist nicht gleichzusetzen, mit rassistischen Begriffen, die über Generationen hinweg benutzt wurden, um Minderheiten zu unterdrücken und systematisch zu diskriminieren. Es ist bedenklich, dass man im Jahr 2020 dagegen argumentieren muss, warum das N- Wort nicht dasselbe ist, wie das Slangwort Alman.

Das N- Wort ist ein Begriff aus der alten, rassistischen, von weißen konstruierten kolonialen Ordnung. Es ist außer Frage, dass der Begriff beleidigend und diskriminierend, sowie rassistisch ist. Vor Kurzem wurde im Landtag die Benutzung des N- Wortes erlaubt, nachdem sich ausgerechnet ein AfD- Politiker darüber aufregte, dass er es nicht benutzen dürfe. Auch das sollte im Jahr 2020 nicht mehr denkbar sein. Eine Studentin startete eine Petition dagegen und äußerte sich in einem Interview im Politikmagazin Jetzt: "Ich glaube, viele Menschen wollen das nicht verstehen. Vielleicht liegt das auch daran, dass afrikanisch-deutsche Geschichte kaum Beachtung findet, weder in den Medien, noch in Schulen oder im Alltag. "Auch der Begriff Kanake, der ebenfalls nicht mit dem N-Wort gleichzusetzen ist, hat eine rassistische Geschichte hinter sich. Hilal Moshtari schreibt im Magazin disorient: "Seit den 60ern gilt Kanake im allgemeinen Sprachgebrauch als rassistisches Hasswort für dunkelhaarige Migrant*innen und in den 90ern wurde es zur ironischen bzw. widerständigen Eigenbezeichnung der Betroffenen."

Und hier nochmal aus meinen Erfahrungen: Als Deutsch-Türkin wurde man in seinem Leben schon mehrmals – nicht nur von Neonazis – als Kanake beschimpft. Im Club heißt es: "Keine Kanaken, sorry". Im Bus steigt ein pöbelnder alter Mann ein und beschimpft PoC-Fahrgäste als "Kanaken- Pack". Und auf einem Parkplatz musste man als kleines Kind zusehen, wie ein Mann die eigene Familie Angriff und "Scheiß Kanaken" schrie. Ist das etwa zu vergleichen mit der Verwendung des Begriffs Alman?

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Die Personen, die den Begriff Alman als hoch diskriminierend empfinden, können das meinetwegen äußern, aber sie sollen aufhören, diesen Slangbegriff mit rassistischen Bezeichnungen zu vergleichen, mit denen PoC in Deutschland seit Jahrzehnten zu kämpfen haben. Man erkennt, dass diese Menschen noch nicht erfahren haben, was es überhaupt heißt, systematische Diskriminierung und Alltagsrassismus Generation für Generation zu erleben.

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Quelle: Noizz.de