Dass dieser Track für viel Redestoff sorgen würde, war eigentlich schon von Anfang an klar: Rapperinnen Cardi B und Megan Thee Stallion haben am vergangenen Freitag "WAP" veröffentlicht. Vordergründig geht es um feuchte Pussys. Hintergründig um Empowerment, die Frage, wie sexuell eine Frau* im Jahr 2020 eigentlich sein darf und warum es viele so schlimm finden, dass ausgerechnet Kylie Jenner einen Auftritt im Video hat.

Eine fette Mansion, davor ein Brunnen, geformt aus zwei nackten Frauenkörpern, aus deren prallen Brüsten die Wasserfontänen nur so spritzen. Hinter der großen Eingangstür endlose Gänge, deren Wände goldene, wohlgeformte Ärsche zieren. Auftritt der beiden Powerfrauen Cardi B und Megan Thee Stallion, die in aufeinander abgestimmten Corsagen durch die Gänge spazieren: "There's some whores in this House" – "Es sind einige Huren im Haus", erklingt es aus dem Off.

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"Wet-Ass Pussy": Wer hat Angst vor weiblicher Lust?

Ein gutes Jahr mussten Cardi-B-Fans auf Musik der Queen of Rap warten – mit "WAP" meldet sie sich jetzt zurück – und wie: "WAP" steht für "wet-ass pussy", zusammen mit Rapperin Megan Thee Stallion besingt sie gut vier Minuten lang das weibliche Geschlechtsorgan und den Sex, den sie damit gerne hat – und das ziemlich explizit. So explizit, dass auf YouTube von Anfang an nur die zensierte Radio-Version veröffentlicht wurde – wer sich den Song auf Apple Music oder Spotify anhört, bekommt die unzensierte Variante zu hören:

"Du fickst eine nasse Pussy", rappt Cardi gleich zu Beginn. "Bring einen Wischmopp und einen Eimer für diese feuchte Pussy, gib mir alles, was du für diese feuchte Pussy hast". Und zusammen mit Megan: "[...] extra groß und extra hart, leg die Pussy in dein Gesicht, zieh die Nase durch wie eine Kreditkarte, spring auf, ich will reiten [...] diese Pussy ist nass, komm tauchen".

Der Aufschrei folgte prompt – einige Konservative wollten das Lied sogar direkt verbieten lassen. Auf Twitter beklagten sie einen "Sittenverfall" – und dass die beiden Sängerinnen das weibliche Geschlecht 100 Jahre in die Vergangenheit zurückkatapultieren würden – kein Scherz.

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Als Feministin muss ich sagen: Chapeau an die beiden, diese Reaktionen zeigen ganz genau, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Warum? Weil Cardi und Megan weibliche Lust in einer Offenheit besingen, die anscheinend einige wirklich schockiert. Weil sie immer noch ein gesellschaftliches Tabu ist. Und wir auch im Jahr 2020 noch immer in patriarchalischen Strukturen gefangen sind, die weibliche Sexualität nur legitimieren, wenn sie männliche Lust befriedigt.

Cardi und Megan stehen zu ihrer Sexualität – wie das 2020 verdammt noch mal sein sollte

Rapper, die Frauen als Hoes besingen und sie auf ihr Äußeres, ihren Arsch, ihre Titten reduzieren? Trifft so ziemlich auf jeden zweiten Rap-Song zu. Empörung? Gibt's nicht. Solang die Frau gefügig ist, in den Male Gaze passt und als schmückendes, sexy Beiwerk fungiert, darf ihre Pussy besungen werden, wie sie will.

Singen zwei Frauen dagegen darüber, vor Lust feucht zu sein, auf harten Sex zu stehen und nur Interesse an dem Schwanz eines Dudes zu zeigen (Geld und Erfolg haben die beiden Musikerinnen schließlich selbst genug), folgt prompt die Empörung. Was soll das? Sollten wir Frauen* im Jahr 2020 nicht genauso offen und dominant über unser Sex-Leben sprechen dürfen, wie Typen? Warum wird es zwei erfolgreichen Frauen, herrje, die eine auch schon Mutter, angekreidet, das zu tun, womit männliche Rapper seit Jahren Erfolg haben? Das ist lächerlich – und ganz schön traurig.

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Warum sprechen alle über Kylie Jenner?

Doch nicht nur die Lyrics sorgten am Wochenende für Diskussionsstoff, noch etwas anderes, beziehungsweise jemand anderes, war vielen ein Dorn im Auge: Denn Cardi und Megan sind nicht die Einzigen, die in dem Video auftauchen. Sie werden von einem All-Female-Cast an Rapperinnen und Sängerinnen begleitet – und von Kylie Jenner. Die taucht mitten im Video in einem Leoparden-Outfit auf, läuft gut aussehend, aber stumm, über den Bildschirm, und verschwindet damit auch eigentlich so schnell wieder, wie sie aufgetaucht ist. End of Story, sollte man meinen, doch der Shitstorm folgte zugleich.

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Der Vorwurf erzürnter Cardi-und-Megan-Fans: Die beiden Schwarzen Künstlerinnen hätten einer weißen Prominenten die Bühne überlassen. Sie sehen die Black Culture verraten und haten Kylie so sehr, dass kurzerhand sogar eine Petition gestartet wurde, um die Jüngste des Kardashian-Jenner-Klans aus dem Video herauszuschneiden. Die hat mittlerweile schon über 65.000 Unterschriften. Nachvollziehbar? Nur, wenn man nicht um die Ecke denkt – und Cardis Entscheidung, Kylie in das Video einzubinden, als den genialen Schachzug zu sehen, der er ist.

Wem kommen die "WAP"-Klicks eigentlich zugute?

Denn "WAP" hat mittlerweile, nach gerade mal drei Tagen, schon knapp 60 Millionen Aufrufe. Viele davon gehen auf die Diskussion um Kylie Jenner zurück – ihr Auftritt wurde medial umfassend beleuchtet. Wem kommen die vielen Klicks zugute? Nicht Kylie, die ist nur eine schöne, aber unbedeutende Schachfigur in diesem Game. Zugute kommen die Klicks natürlich den beiden Künstlerinnen selbst (finanziell, wie auch vom Einfluss im Rap-Game) und den anderen Rapperinnen und Sängerinnen, die Kurzauftritte im Musikvideo haben: Mulatto, Rubi Rose, und Sukihana, außerdem Normani und Rosalía.

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Alles mehr oder weniger Newcomer-Talente, die Cardi durch deren Auftritten in ihrem Video supporten wollte, wie sie selbst sagt. Ob das Video überhaupt eine Kylie Jenner gebraucht hätte? Sei dahingestellt. Doch Megan und Cardi zu unterstellen, sie hätten sich dadurch einer weißen Frau untergeordnet oder ihr gar die Bühne überlassen? Hinkt. Sie haben den Buzz, den Kylie auslöst, einfach für ihre eigenen Zwecke genutzt. Ziemlich smart.

Von daher das ganz klare Fazit: "WAP" ist ein krasser Wiedereinstieg für Cardi (war sie je wirklich weg?), ein voller Erfolg für Megan – und ein Song, den jede*r Feminist*in als verdammt geniale Sommerhymne feiern sollte – Kylie Jenner hin oder her.

Hier kannst du dir das ganze Video anschauen:

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Quelle: Noizz.de