Respekt vor den KünstlerInnen? Nie davon gehört...

Die letzte, alles entscheidende Szene des Films hat begonnen. Deine Finger krallen sich in den speckigen Kinosessel, emotionale Geigenmusik treibt dir Tränen in die Augen – und plötzlich zieht dein Sitznachbar mit einem lauten Ratschen den Reißverschluss seiner Winterjacke hoch.

Deine Stimmung? Vom Winde verweht – wenn wir bei der Kinosprache bleiben wollen, anstatt durchaus angemessene Kraftausdrücke zu gebrauchen. Deine Tränen sind vor Wut getrocknet, du bekommst gerade noch so mit, dass sich das Liebespaar nach einer langen Odyssee doch noch glückselig in die Arme fällt – und schon steht der Reißverschluss-Zieher direkt vor deiner Nase. Als wäre der "The End"-Schriftzug der Startschuss für ein Wettrennen aus dem gut gefüllten Kinosaal.

Im besten Fall gewinnt dein nun verhasster Sitznachbar das Rennen und gerät nicht in einen Stau, der dir weitere dreißig Sekunden den Blick auf die Leinwand versperrt. Im schlimmsten Fall – und der tritt leider häufiger ein, als er sollte – startet genau dann eine Bonusszene, wenn dir der Reißverschluss-Zieher gerade noch mit seinem Rücken die Nase platt drückt. Selbstverständlich bleibt er dann gebannt stehen, bemerkt nicht, dass du wahre Turnkunst veranstaltest, um einen Blick auf die Leinwand zu erhaschen – nur um nach der Szene wieder in einem Affenzahn zur Tür zu preschen, der Olympia-verdächtig ist.

Nach Momenten wie diesem schießt mir nur eine Frage durch den Kopf:

Warum gehst du ins Kino, wenn du offenbar so einen enormen Zeitdruck hast?

Meinem Empfinden nach ist es nämlich so: Für einen Kinofilm entscheidet man sich Tage, wenn nicht sogar Wochen im Voraus. Man entscheidet sich ganz bewusst für den einen Film, freut sich schon darauf, ihn zu sehen und bezahlt an der Kinokasse gar nicht mal so wenig Geld für eine Karte und Popcorn. Nach dem Kinobesuch stehen bevorzugt keine großen Pläne mehr an, zumindest keine, die zeitlich festgelegt sind. Film sehen, Film genießen, Film besprechen – das ist der ideale Kinoabend mit Freunden.

Warum also sollte man sich schon in den letzten Minuten des Films anziehen und – noch verwunderlicher – VOR dem Abspann den Saal verlassen? Denn der ist nicht nur interessant, weil eventuell noch eine Bonusszene versteckt sein könnte. Ich liebe den Abspann vor allem, weil ich den Film noch einmal Revue passieren lassen kann, während die Filmmusik durch den Saal und die Namen der Mitwirkenden über die Leinwand laufen. Nicht nur die Namen der Schauspielerinnen und Schauspieler sind dabei interessant. Ich sehe vor allem, wie unglaublich viele Menschen in verschiedensten Bereichen an dem Film mitgewirkt haben. Mir wird klar: Na klar, irgendwer muss ja dafür gesorgt haben, dass alle Requisiten derselben Epoche zuzuordnen sind. Dass der Hund an der richtigen Stelle bellt. Dass der Kratzer an der rechten Wange in der nächsten Szene nicht plötzlich links. Erst durch die Aufzählung der Mitwirkenden weiß ich die Arbeit hinter dem Film vollends zu würdigen. Ich genieße ihn plötzlich noch ein bisschen mehr.

Dass andere Menschen das nicht auch machen, sondern wie ein gehetztes Tier aus dem Saal stürmen, habe ich lange nicht verstanden. Doch ich dachte mir: Wenn sie die Arbeit hinter dem Film nicht würdigen und so den Kinoabend etwas stressiger gestalten wollen, dann ist das ihre Sache. Die Mitwirkenden bekommen schließlich nichts von dem Verhalten der Zuschauer mit.

Doch dann kam der Tag, der meine Sicht auf das Phänomen "Abspann-Sprinter" vollends veränderte:

Ein regnerischer Oktobertag, an dem ich das Musical "König der Löwen" in Hamburg besuchte. Dass das Musical ein Welterfolg, die Inszenierung meisterhaft und die Schauspielerinnen und Schauspieler riesige Talente sind, ist überall bekannt. Deshalb ging ich davon aus, dass es für alle Gäste ein einmaliges Erlebnis werden würden, bei dem sie sich entsprechend benehmen würden. Spoiler Alert: Taten sie nicht.

Dabei sah es anfangs ganz danach aus, als würden die Zuschauerinnen und Zuschauer die heiligen Hallen des Hamburger Musicaltheaters mit entsprechendem Respekt betreten. Alle waren äußerst schick gekleidet, manche sogar mit Fliege und Anzug oder einem Glitzer-Kleid. Auch die Vorstellung über: Lachen an den richtigen Stellen, kein nerviges Flüstern, kein Mail checken am Handy.

Doch dann neigte sich die Handlung dem Ende und – Ratsch – die ersten Zuschauer zogen die Reißverschlüsse ihrerJacken hoch. Geschäftiges Kramen aus der einen Ecke machte Zuschauer aus der anderen Ecke nervös – die daraufhin ebenfalls anfingen, ihre Sachen zu packen. "Ganz unauffällig" natürlich.

Das Königreich von Simba und Nala war nun gerettet – aber glaubt bloß nicht, dass das bei den Zuschauern für Jubelstürme gesorgt hätte. Standing Ovations? Fehlanzeige. Stattdessen ein kurzes höfliches Klatschen, das wahrscheinlich einfach das "heimliche" Ratschen der Reißverschlüsse und geflüsterte Sätze, wie "Wenn wir als erstes rausrennen, müssen wir nicht an der Garderobe warten", übertönen sollte.

Als sich nach wenigen Minuten Applaus die ersten Zuschauer durch die Sitzreihen quetschten, wurde mir klar:

Diese Menschen haben – genau wie die Abspann-Sprinter im Kino – ein fettes Problem.

Sie halten es einfach nicht aus, nach einer kulturellen Darbietung, sei es ein Film oder ein Musical, kurz sitzenzubleiben, die Kunst auf sich wirken zu lassen und NICHT direkt zur nächsten Ablenkung zu rennen. Doch es ist eine Sache, ob man nur sich selbst die Stimmung versaut – oder ob man mit seinem respektlosen Weglaufen anstatt von angemessenem Applaus auch noch den KünstlerInnen signalisiert: Deine Arbeit ist es nicht Wert, sie wertzuschätzen – dass ich zwei Minuten früher an der Garderobe bin, ist mir wichtiger.

Doch woher kommt diese Geringschätzung von Filmen oder Musicals? Die Antwort darauf ist so einfach wie naheliegend: Netflix. Versteht mich nicht falsch – ich selbst bin begeisterte Nutzerin des Streamingdienstes. Doch wenn wir mal ganz ehrlich mit uns selber sind, hat uns das Bingewatchen vor allem eines angewöhnt: Nach der letzten Szene auf "nächste Folge" zu drücken. Wenn wir uns nicht innerhalb von wenigen Sekunden dagegen entscheiden und "Abspann zeigen" drücken, wird die nächste Folge sogar automatisch abgespielt. Den Abspann anzuschauen ist bei Netflix also nicht einmal vorgesehen.

Wenn man sonntags auf dem Sofa liegt, bei seiner Lieblingsserie sowieso schon alles Darstellerinnen und Darsteller kennt und einfach nur entspannt den Nachmittag totschlagen will, ist das ja überhaupt nicht schlimm. Zum Problem wird es aber dann, wenn du dieses Verhalten auch im Kino oder Musical nicht mehr abschalten kannst.

Wenn du nach einer tollen Vorstellung nur denkst "und jetzt?" und den imaginären "nächste Folge"-Button drückst, indem du aus dem Saal stürmst. Dann nämlich geht dir ein wichtiger Teil deines Lebens verloren: Genuss durch Wertschätzung.

Generation Netflix hat beides, den Genuss und die Wertschätzung künstlerischer Arbeit verloren – durch ein kulturelles Überangebot zählt die einzelne Vorstellung nicht mehr. Gerne würde ich euch jetzt Hoffnung machen und sagen, dass unsere Kinos noch aus den Krallen der Kulturbanausen zu retten sind. Doch nach all meinen Erfahrungen muss ich die traurige Wahrheit leider aussprechen: Die Reißverschluss-Zieher sind an der Macht. Und sie herrschen mit eiserner Faust.

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Quelle: Noizz.de