Stets bemüht ist eben nicht genug: Ben Dolics EDM-Popnummer "Violent Thing" deutscher ESC-Song mag zwar den vermeintlichen Mainstream-Geschmack des Publikums treffen, leider hat die "Expertenjury" die der NDR beauftragt hat eine kleine Sache vergessen: Eine Performance wie ein Toastbrot bringt uns nicht nach vorne.

Ich liebe den Eurovision Song Contest (ESC). Einmal im Jahr, wo Europa trashige Songs aufführen darf, man sich über alles und jeden aufregen kann und sogar einige gute Songs dabei sind. Ein bisschen Folklore, ein bisschen Skandale, aufwendige Kostüme und, und, und. Nebenbei hat sich im Laufe der Jahre der Liederwettstreit aus Ausdrucksform der queeren Community entwickelt und das ist einfach nur großartig.

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Leider hat Deutschland, das Land aus dem ich nun mal herkomme, ein recht ambivalentes Verhältnis zum ESC. Wie alles, nehmen wir auch diesen Wettbewerb leider viel zu Ernst. Ständig versuchen wir nur astreine Talente ohne Makel hinzustellen – die aber leider nur eines sind: langweilig. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel: Guildo Horn oder Wadde-Hadde-Dudde-Da-Stefan-Raab zum Beispiel. Im Großen und Ganzen aber, haben wir in Deutschland vor allem immer Angst, alles falsch zu machen.

So sind wir also vollkommen verkrampft as fuck und hatten Glück, dass einmal Nicole mit ihrer Anti-Kalter-Krieg-Hymne "Ein bisschen Frieden" gewonnen hat und einmal die flippige Lena mit ihrem Fake-Kate-Nash-Akzent be "Satellite". Nun soll aber alles anders werden. Neuer Vorentscheid, neues Glück.

Angekündigt mit diesem schauderhaften Video:

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Nach den Misserfolgen der vergangenen Jahre – mit Ausnahme von Michael Schultes viertem Platz 2018 – hat der NDR nicht nur dieses peinliche Video produziert, sondern bei der Auswahl des diesjährigen Beitrags nun ganz weit ausgeholt: Gut 600 Künstlerinnen und Künstler wurden dafür unter die Lupe genommen, fast 600 Lieder angehört, Dutzende davon eigens neu geschrieben. Internationale Songwriter schickten dafür ihre Ideen. Am Ende blieben 20 Kombinationen aus 10 Künstlern und 17 Liedern übrig.

Aus dieser Gruppe soll der gebürtige Slowene Dolic mit "The Violent Thing" herausgestochen haben. Er hat im Dezember zwei Jurys aus 20 internationalen Musikexperten und 100 ESC-Fans gleichermaßen überzeugt. Dolic hatte bei der ProSieben-Castingshow "The Voice of Germany" mitgemacht und war dort bis ins Finale gekommen. Der federführende NDR hatte sich diesmal gegen einen öffentlichen Vorentscheid durch die Fernsehzuschauer entschieden. Nun ja. Irgendwie sind meine Befürchtungen wahr geworden.

So klingt "Violent Thing" von Ben Dolic:

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Ein Popnummer, die DJ Khalid nicht besser hinbekommen hätte – und wer auch immer B-OK ist, er macht seinen Produzentenjob ganz gut. In Wirklichkeit weiß ich natürlich, dass sich hinter B-OK der aus Bulgarien stammende Produzent Boris Milanov verbirgt und als internationaler Produzent bereits über als 75 Millionen Streams erreicht hat. Die Grundvoraussetzungen für einen soliden Hit sind also gar nicht mal so schlecht.

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Wäre da nicht diese erschütternde TV-Sendung auf ONE mit dem Titel "Unser Lied für Rotterdam" gewesen, bei dem – wie sollte es anders sein – von Barbara Schöneberger mal wieder moderiert wurde. In lauschiger Clubatmosphäre in einem Berliner Kino und mit illustren Gästen sollte man Ben und seinen Song besser kennen lernen, zeigen, dass "Violent Thing" unser Riesenwurf sein könnte. Stattdessen erreichte die Sendung leider das Gegenteil.

Die gesamte Sendung kannst du in der ARD-Mediathek hier nochmal nachschauen.

Und dafür habt ihr uns jetzt ernsthaft bis jetzt warten lassen, obwohl der Song, Künstler und alles seit Ende 2019 bereits feststanden?

Nicht nur, dass Barbara Schöneberger in jeder Moderation unbedingt unter Beweis stellen wollte, dass sie gerade das Moderieren nicht so gut beherrscht – Flachwitze und offensichtliche Wortspiele und noch viel Schlimmeres, muss sie auch zwischendurch immer wieder singen. Irgendwie wurde man auch das Gefühl nicht los, dass die Sendung ein indirektes Advetorial der "Astor Filmlounge" in Berlin war, so oft wie Barbara Schöneberger die Vorzüge der Location erwähnte.

Und ganz nebenbei wird einem auf schreckliche Weise bewusst, wie beliebig und ohne künstlerischen Anspruch unser ESC-Beitrag 2020 doch ist. Bei "Violent Thing" wird der ESC zur Pflichtkür. Und nicht zum dem völkerverbindenden und diversen Fest, dass es eigentlich sein kann. Im Interview ist er wortkarg, in der Akustikperformance, die es gab war er sehr, sagen wir mal, steif. Dann haben wir nur die Live-Performance im Songcamp gesehen. Wow. Wir werden nie erfahren, wie der Song auf der großen Bühne aussieht.

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Immer wieder wird Michael Schulte als Beispiel angebracht. Er, der mit seinem ESC-Beitrag "You Let Me Walk Alone" 2018 immerhin den vierten Platz im kuriosen Sängerwettstreit geholt hat, war ebenfalls ein Ex-The-Voice-Teilnehmer. Und er hatte es geschafft miteiner ehrlichen Singer-Songwriter-Nummer ohne viel Schnickschnack.

Sehr wahrscheinlich sollte er deswegen, quasi als Totschlagargument, ebenfalls in der katastrophalen TV-Sendung als Gast auftreten. Das Ding ist aber: Michael Schulte hatte sein Herzblut in diesem Song. Ich bin kein großer Fan von ihm, aber wenn er live auf der Bühne stand und diesen Song gesungen hat, meinte er jedes Wort so. Du hast ihm die Emotionen angesehen. Der Max-Mutzke-Effekt.

Ben Dolic hingegen mag ein astreiner Sänger sein, seine Nummer den gängigen Kriterien eines Spotify-Hits entsprechen. Aber er ist ein unsichererer, kühler Performer. Und nicht auf der Art kühl, dass es cool rüberkommen könne. Sondern einfach nur ohne Emotionen. Zu sehr beschäftigt mit anderen Dingen. Da warten unendliche Stunden Nachhilfe in der Stefan-Raab-Akademie-für-ESC-Teilnehmer auf den 22-Jährigen.

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Selbst ein Luca Hänni, der im vergangenen Jahr für die Schweiz in Tel-Aviv auf der Bühne stand, hat das besser hingekriegt. Der DSDS-Gewinner sang mit "She Got Me" eine ebenfalls genauso belanglose Megahit-Popnummer wie Ben Dolic am Start. Mit dem Unterschied, dass er das Feuer in seinem Hintern auch auf die Bühne gebracht hat. Dann macht Trash-Pop auch Spaß. Und hat Hänni immerhin den vierten Platz eingebracht, die beste ESC-Platzierung seit 26 Jahren für die Eidgenossen.

Ich glaube wirklich sehr, dass der NDR nach dem "Sisters"-Debakel – so schrecklich, dass ich gar nicht drüber reden möchte – bemüht war, den ultimativen ESC-Beitrag für Rotterdam zu finden. Und hat sich dabei unter anderem wohl an der Erfolgsformel "The Voice + Dance-Pop-Hit + gute Songwriter = Top Esc-Platz" orientiert. "Violent Thing" ist das vielleicht auf dem Papier, aber nicht in der Realität.

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Ben Dolic kann nicht wirklich was dafür. Er freut sich wahrscheinlich wirklich darüber, diese einmalige Chance erhalten zu haben. Er weiß, dass er ein guter Sänger ist, er weiß, dass seine Nummer an sich alles hat, um damit groß zu werden. Er ist nur nicht der richtige Typ für diese Nummer. Wenn er sing: "Oh, don't tell your mama what you're doing tonight", glaube ich ihm leider kein Wort.

Was kann man also tun?

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Vielleicht kann ein Blick auf die Konkurrenz im Ausland ganz gut tun. In Schweden gibt es jedes Jahr eine ganze Casting-Show rund um den Song, das "Melodifestival". Dort werben sowohl etablierte schwedische Künstler als auch Newcomer um die Gunst des Publikums in mehreren Runden, das den Song wählt. Man lernt die Künstler kennen. Ähnliches gab es auch als Stefan Raab Lena Meyer-Landrut, Max Mutzke oder Felix Lobrecht, die alle ein gutes Endergebnis erzielten, als ESC-Kandidaten auserkoren hat.

Wir können auch einfach gleich Stefan Raab dazu überreden, sich endlich wieder der Sache anzunehmen. Denn der hat die Sache mit dem Eurovision Songcontest wenigstens verstanden: Entweder schicken wir da eine lustige Bummsbirne à la Guildo Horn hin oder aber wir schicken einen Künstler hin, der die Sache wenigstens ernst meint und den das Publikum in sein Herz schließen kann. Aber wenn das dabei rauskommt, wenn man aus mehr als 600 Künstler*innen einen Beitrag auswählt, weiß ich auch nicht mehr weiter.

Noch dazu wird das Publikum in einer Sendung, in der der offizielle Beitrag bekannt gegeben werden soll, für blöd verkauft. Hundert Mal wird das Prozedere erklärt, einem weiß gemacht, dass die Jury viel besser wisse, als wir, was in Rotterdam geil ankommen wird. Ben Dolic wird wahrscheinlich besser abschneiden als "Sister" – aber nicht mehr und nicht weniger in Rotterdam abliefern. Das Finale des ESC findet übrigens am 16. Mai 2020 statt.

[Infos: dpa]

  • Quelle:
  • Noizz.de