Eine Hirnhälfte in meinem Kopf gratuliert mir zur abgegeben Bachelorarbeit, die andere grinst verschmitzt und sagt "Glückwunsch, du bist jetzt arbeitslos!" Die Pandemie kreuzt meine Zukunftspläne als Journalistin. Ich bin etwas orientierungslos – und unsicher, ob ich das gut oder schlecht finden soll.

Als kleines Mädchen wollte ich Tennisprofi werden. Meine Hausaufgaben habe ich auf dem Weg zum Training auf einem Holzbrett im Auto erledigt. Ich habe alles aufgeschrieben, was mir auf dem Tennisplatz aufgefallen ist: Wie meine Gegnerin ihr Haar zur Seite schiebt, bevor sie sich dem Return zuwendet und wann sie die Saiten ihres Schlägers zurechtzupft. Ich habe gelernt, zu beobachten und die Stimmung in Worte zu fassen.

Ich habe meine Liebe zum Schreiben entdeckt, den Tennisschläger gegen die Tastatur getauscht.

Es folgte in der neunten Klasse ein Schreibworkshop, ein Praktikum bei einer Lokalredaktion und ein Wechsel auf ein Freiburger Gymnasium mit dem Profil Gestaltung- und Medientechnik.

Seitdem ist es mein Ziel, Journalistin zu werden. All meine Entscheidungen haben sich danach gerichtet – welche Schwerpunkte ich im Abi wählte und welche Kurse ich an der Uni belegte. Es folgten freie Mitarbeit und drei weitere Praktika. Insgesamt anderthalb Jahre, nur sechs Monate davon gegen Geld – vom Mindestlohn aber weit entfernt.

Mittlerweile arbeite ich als freie Journalistin und verdiene mir damit die Brötchen. Ist das viel? Nein. Ist das sicher? Nein. Kann ich mir davon in München eine Einzimmerwohnung leisten? Haha.

Merci, Pandemie – du hast meine Pläne durchkreuzt

Der Abschnitt zeigt, dass ich schon immer wusste, was ich machen wollte. Auf mein Abitur folgten Praktika, darauf freie Mitarbeit, darauf Uni. Uni war immer nebensächlich, ich hatte viel größere Lust, für einen Pups an Geld fleißig Artikel zu schreiben. Nun habe ich es aber doch geschafft: Vergangene Woche habe ich mit einen Schnaps intus meine Bachelor-Arbeit feierlich zur Post gebracht.

Okay, das bin nicht ich: Aber so habe ich mich gefühlt, als ich meine Bachelor-Arbeit abgegeben hab – zu früh gefreut?

Und jetzt? Nichts. Mitte März wollte ich nach Berlin ziehen. Meine Möbel von Zuhause waren bereits auf dem Sperrmüll, als der große Lockdown kam. Merci, Pandemie – der Umzug hatte sich erst einmal verschoben. Mehrere Monate später habe ich mich dazu entschlossen, Berlin ganz an den Nagel zu hängen und mir einen neuen Schreibtisch zu kaufen. Ich hatte keine Lust mehr, von Woche zu Woche nach einem Dach über dem Kopf Ausschau zu halten. Die Situation ist für einen Umzug in eine Großstadt momentan zu unsicher. Für das Homeoffice muss ich nicht nach Berlin ziehen.

Die Pandemie brachte aber auch etwas Gutes mit sich: Ich war gezwungen, einfach mal innezuhalten. Das Hamsterrad des Erwachsenwerdens hält für einen kurzen Augenblick an, und ich bin in der Lage, mir die Frage zu stellen, was ich eigentlich will. Will ich direkt nach dem Studium auf eine Journalistenschule? Nein. Ich möchte nicht von einer Sache zur nächsten hüpfen – sondern erst einmal in Ruhe das zu Ende bringen, was ich angefangen habe. Ich möchte und muss weiter Erfahrungen sammeln, für verschiedene Magazine und Zeitungen schreiben, wieder anfangen zu malen, Social-Media-Kanäle betreuen, lernen. Doch all das kostet Geld.

>> In welcher Stadt ist die Miete am billigsten?

Geld, Geld, Geld. Ist das wirklich so wichtig? Ja! Ich würde liebend gerne ein Praktikum bei der "Süddeutschen Zeitung" machen. Oder bei der "Zeit". Oder beim "Spiegel". Oder, oder, oder. Aber für nur 400 Euro im Monat? Davon kann ich mir nicht mal mehr die Miete leisten.

Nach Abschluss des Studiums kommt hinzu, dass ich nur noch freiwillige Praktika machen darf – und die müssen voll bezahlt werden. Doch genau das wollen viele große Zeitungen nicht. Wieso sollten sie auch, wenn es genug andere Menschen gibt, die für viel weniger das Gleiche machen?

Soll ich's wirklich machen, oder lass ich's lieber sein? (Symbolbild)

Hinzu kommt, dass ich meinen Job brauche. Sechs Monate in einer anderen Redaktion ist zwar super, was Erfahrungen angeht, bringt mir aber wenig, wenn ich danach keine Kohle mehr verdiene. Meinem derzeitigen Arbeitgeber – er beschäftigt mich drei Tage die Woche – kann ich schlecht sagen, dass ich jetzt weg bin und nach sechs Monaten zurückkomme und wie davor auch arbeiten möchte.

Für die Kritiker*innen vorweg: Klar könnte ich umziehen. Ich verdiene momentan so viel, dass ich mich selbst versorgen kann. Abgesehen von einer WG-Monatsmiete in der Münchner Innenstadt. Und: Ja, ich will raus, arbeiten, Erfahrungen sammeln. Aber das geht im Journalisten-Business leider nur mit etwas finanziellem Rückhalt. Ich habe eine Mutter, die mich bei allem, so viel es geht, unterstützt. Sie kann im Notfall aus ihrem Portemonnaie aber auch keine drei Monatsmieten zaubern.

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Studium, Arbeitserfahrung und trotzdem nicht gut genug?

Ich dachte immer, dass mir die Türen offen stehen. Ein (bald) abgeschlossenes Studium in Politik und Philosophie, mehrere Jahre freie Mitarbeit, Praktika bei großen Verlagen. Adobe-Programme, Social-Media, Videoschnitt? Kann ich. Wenn ich mir aber durchlese, was für von zukünftigen Volontär*innen alles erwartet wird, schüttle ich den Kopf. Warum sollte ich bei euch überhaupt noch ein Volontariat machen, wenn ich das alles schon perfekt können soll? Warum schreibt ihr nicht gleich in die Beschreibung, dass ihr eine unterbezahlte aber perfekt arbeitende Festangestellte sucht?

Sollte ich nun doch ein Praktikum oder Volontariat bekommen, sind viele Betriebe weiterhin im Homeoffice. Inwiefern ich dabei etwas lerne, sei dahingestellt. Zudem kommt: Wer stellt in dieser wirtschaftlich schwierigen Zeit überhaupt jemanden ein? Wenn überhaupt, sind das meistens nur die Leute, die in den Verlagen schon Praktika absolviert und längere Zeit als freie Mitarbeiter gearbeitet haben. Da wären wir wieder beim Umzug in eine andere Stadt und den miesen Vergütungen.

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Master im Ausland? Schwierig.

Und jetzt? Ich hatte immer alles durchgeplant. Seit ich den Tennisschläger in der Hand halte, bin ich von einem Ziel zum nächsten gehüpft. Ich finde es gut, dass ich nun gezwungen werde, meine Wünsche zu überdenken. Andererseits bringt Corona Unsicherheit mit sich und durchkreuzt meine Pläne, von denen ich bisher überzeugt war. Abgesehen davon schafft eine Pandemie keine neuen Arbeitsplätze. Freund*innen geht es nicht viel besser. Wer seinen Master im Ausland machen möchte, hat Sorge vor der zweiten Welle. Reisen? Ebenfalls schwierig.

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Die Corona-Pandemie hat mir gezeigt, dass ich die vergangenen Jahre in einem Hamsterrad gelebt habe, das sich immer weitergedreht hat. Jetzt steht es still. Was passiert, wenn ich die Gelegenheit nutze und aus dem Rad heraustrete? Ich habe Angst vor der Ungewissheit. Doch manchmal braucht es ein wenig Mut, um neue Dinge – und vielleicht sogar sich selbst – neu zu entdecken.

  • Quelle:
  • Noizz.de